Alkoholgegner in Deutschland:

Daemon Alkohol Der Teufel sitzt im Alkohol - Karte 1020 Guttempler - Abstinenz

                        

Zwischen Tod, Teufel und Menschheitsrettung

Vorbemerkung

Wenn man die vielen Gruppen der Alkoholgegner und ihre radikalen Forderungen im Kampf gegen den Alkohol und seine Lobby betrachtet, stellt sich immer wieder eine Frage:

Ein grundlegendes Problem der Anti-Alkoholbewegung hatte zunächst gar nichts mit dem Alkohol an sich zu tun. Sie hatte kein positives Ziel. Und jede Bewegung, deren Ziele sich aus der Negation eines Phänomens oder Zustandes ergeben, hat diesen Mangel der fehlenden, positiven Forderung. Das Ziel der Alkoholgegner nach Abstinenz entstand erst aus der totalen Verneinung ihres Antagonismus, der Trunkenheit. Außerdem empfanden die Alkoholkonsumenten Abstinenz – als bloßen Verzicht und damit ebenfalls nicht positiv.

Überdies offenbarte sich auch ein inhaltliches Problem dieser Negation. Trunkenheit bzw. Rausch sind unklare Begriffsbestimmungen, die als Widerspiegelung individueller, temporärer Wahrnehmungen erscheinen und nur bedingt klaren, eindeutigen Definitionen folgen. Ohne solche genauen Begriffe aber entstehen häufig Missverständnisse beim konkreten Vorgehen, bei der Formulierung von Zielen und bei der Zielgruppe, die angesprochen werden soll.

Dies wurde in aller Schärfe an der Kontroverse zwischen Abstinenz oder Mäßigkeit sichtbar. Wer Mäßigkeit forderte, machte sich zwar nicht gleich alle Trinker zum potenziellen Feind wie dies bei der Abstinenz schien. Was Mäßigkeit  aber konkret bedeutet, wie sie sich – auch quantitativ – definieren lässt, darüber gab es nie einen Konsens.

Und selbst heute, wo Fachorganisationen  Richtwerte für mäßigen, unschädlichen Konsum herausgeben [1], bleiben diese Werte abstrakte, auf dem Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse gewonnene  Empfehlungen. Die gefühlte Schädlichkeit liegt bei vielen Konsumenten deutlich über den normierten Werten. Schon hier zeigt sich ein immanenter Widerspruch zwischen individueller Wahrnehmung und wissenschaftlicher Beurteilung.

Das Abstinenz-Gebot war dagegen eindeutig und unmissverständlich. Die Radikalität dieser Forderung schreckte aber in einer Zeit, in der auch maßloses Trinken gesellschaftlich von allen sozialen Schichten überwiegend akzeptiert war, viele potenzielle Sympathisanten und Anhänger der Nüchternheit ab. Wer ließ sich schon gerne in die Ecke von Sektierern und Nüchternheitsaposteln drängen, in die die Alkohollobby die sog. „ Abstinenzler“ und „Temperenzler“ gerne drängen wollte.

Einen Vorwurf der besonderen Art gegen die „Abstinenzfanatiker“ machte der deutsche Schriftsteller Hans Heinz Ewers in seinem Buch „Die traurige Geschichte meiner Trockenlegung“. In seiner Glosse über die Prohibition in den USA werden die Alkoholgegner der hunderttausendfachen Kriminalisierung unbescholtener Bürger beschuldigt:

„Viele Tausende von Beamten stellte die Regierung an, um ihrem Gesetz Geltung zu verschaffen, Millionen von in Vereinen organisierten Alkoholgegnern leisten durch Anzeigen diesen Beamten freiwillige Hilfe. Wie scharf diese Elemente versuchen, das Gesetz durchzukämpfen, mag aus der Tatsache hervorgehen, daß allein in der Stadt Philadelphia nicht weniger als zweihundertundsiebenundzwanzigtausend Menschen innerhalb zweier Jahre wegen Übertretung dieses Gesetzes ins Gefängnis wanderten.“[2]

Wenn das Bier ist ...

Ein „Temperenzler

Zwischen der Forderung nach Abstinenz und der Empfehlung zur Mäßigkeit lagen Welten. Im unbeirrten Kampf gegen den Alkohol waren die Radikalen klar und eindeutig. Keinen Tropfen mehr. Doch damit waren sie in einem Deutschland alkoholischer Trinkkultur und unumstößlicher Trinksitten eine Minderheit. Und als solche zogen sie sich Abwehr und Zorn aller Volksschichten zu.

Es ist müßig zu beurteilen, wer in diesem Kampf der schlimmste Feind war. Die Liebhaber des Rausches, die Trinker aus Not, denen der Alkohol ihr Leid erträglich scheinen ließ, die Freunde eines guten Tropfens und die kleinen Genießer, die Profiteure und Verdiener am Stoff, sie alle hatten etwas zu verlieren und machten den Abstinenten das Leben schwer. Wer das aushielt, musste nicht nur gute Nerven und noch bessere Argumente haben, sondern auch Mut und innere Überzeugung. Von solchen Menschen gab es naturgemäß nur wenige.

Aber den anderen „Alkoholgegner“, den „Mäßigen“  ging es nicht viel besser. Sie kriegten zwar nicht die ganze Wut der Trinker und Alkohollobby ab, aber dafür wurden sie auch nicht wirklich ernst genommen. Von den Alkoholfreunden nicht und erst recht nicht von den Abstinenten. Wer noch nicht einmal wusste, wofür er eigentlich eintritt – die Empfehlung zur Mäßigkeit war nicht eindeutig definiert, geschweige denn eine Forderung – macht es sich in seinem Kampf selber schwer.

Ein weiteres Problem stellten Ungereimtheiten dar, die mit dem Charakter des Alkohols und seiner Wirkung zu tun haben. Was war Trunksucht? Wie unterscheidet sich mäßiger von übermäßigem und dieser von unmäßigem Alkoholkonsum? Wie haben die Alkoholgegner ihre Positionen begründet und wie unterschieden sie sich von einander?  Gab es objektive Erkenntnisse auf die sie sich berufen konnten? Und warum war ihr Kampf gegen das Alkoholkapital und die deutschen Trinkgewohnheiten so wenig erfolgreich?

Mit diesen Fragen möchte ich mich in dem folgenden Kapitel beschäftigen und dabei umfangreiches Bildmaterial vorstellen. Viele der abgebildeten Ansichtskarten dokumentieren eindringlich die Auseinandersetzungen über die Alkoholfrage.  Sie  belegen die Unversöhnlichkeit der Positionen und verdeutlichen das alkoholdurchsetzte Klima im Deutschland der Wende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Diese Atmosphäre der alkoholischen Akzeptanz verlangte von den Alkoholgegnern starke innere Überzeugungen und großen Mut, wollte man sich diesen historischen Gewohnheiten, den deutschen Trinksitten, entgegenstemmen.

Die folgende Ansichtskarte um 1900 zeigt in welcher Tradition sich die deutschen Freunde des Alkohols sahen

Die alten Deutschen ...

Schon die alten Deutschen,

lagen am Ufer des Rheins,

auf ihren Bärenhäuten, 

so tranken sie immer noch eins.

Auch wir wollen immer noch eins trinken, 

trotz Steuererhöhung fürn Stoff,

was soll aus den Heringen werden,

gäb`s nicht ein Katerchen noch!

Arbeiten, die sich mit der Geschichte der Alkoholfrage beschäftigten und dabei insb. den Fokus auf die Alkoholgegnerschaft gerichtet haben, gibt es vereinzelt [3]. Alle diese Untersuchungen haben m.E. aber einen spezifischen Mangel. Sie vernachlässigen den Rauschcharakter des Alkohols, seine Transformationskraft beliebige psychische Zustände bei den Alkoholkonsumenten zu erzeugen und die Beharrungspotenz mit der die Trinker an den Alkohol gebunden werden. Diese Aspekte sollen ebenfalls im folgenden Artikel beleuchtet und als eine wesentliche Ursache für das Scheitern der Abstinenzbewegung herausgearbeitet werden. Zunächst aber ein Blick auf die Organisationen der Alkoholgegner.

Kurzer Überblick über die alkoholgegnerischen Verbände und Vereinigungen

„Der Alkoholgegner muß durch einzelne bestimmte Angaben zeigen, dass er auf den Grund der Sache gesehen hat. (…) Ich sage nicht, dass nun die Schlacht gewonnen ist; aber ich bin überzeugt, es bleibt etwas hängen, [4]…“

Diese Aussage war quasi das Leitmotiv aller alkoholgegnerischen, deutschsprachigen Verbände und Vereine. Eine "Schlacht " der Worte, der argumentativen Auseinandersetzung, der rationalen Erkenntnis und der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse. Es war bisweilen nicht leicht auf den "Grund der Sache" Alkohol vorzudringen; die Schnapsgläser, Bierhumpen und Weinpokale hatten die Eigenschaft nie leer zu werden – noch heute ist es in manchen Gastwirtschaften und Kneipen üblich, geleerte Trinkgefäße der Gäste unaufgefordert nachzufüllen. Und die Macht der Alkohollobby ließ es nicht zu, auch nur tröpfchenweise Einschränkungen hinzunehmen.

Der Begriff "Schlacht"  für die ideologische Auseinandersetzung zwischen Alkohol-Lobby und Alkoholgegner war durchaus wörtlich zu nehmen, auch wenn es nicht bei jedem öffentlichen Vortrag zu Störungen oder gar Saalschlachten kam, wie Pater Elpidius [5] in seiner „Patronentasche für Abstinente“ berichtete. Unnachgiebigkeit war ein Phänomen der Zeit, die verbale Vernichtung des Gegners, bis hin zur existenziellen Bedrohung, galt als ein Mittel der intellektuellen Auseinandersetzung[ 6]

Verständlich, wenn man in dieser aufgeheizten Situation als Alkoholgegner froh war, eine schier unübersehbaren Schar gleichgesinnter Gruppen und Vereine [7] an seiner Seite zu wissen. Der „Deutsche Alkoholgegnerbund“ vertrat um 1910 allein neun verschiedene Gruppierung, darunter befanden sich z.B. der Deutsche Bund abstinenter Frauen unter der Führung der bedeutenden Ottilie Hoffmann und der regionale Thüringische Enthaltsamkeitsbund.  

Mindestens fünfzehn Zeitungen der religiösen, bürgerlichen und sozialdemokratischen Alkoholgegner und Freidenker erschienen regelmäßig, meist im monatlichen Rhythmus. Zeitungen und unzählige, kleine Streitschriften waren die wichtigsten Publikationsorgane, in denen der Kampf gegen das Alkoholkapital geführt wurde:

Deutscher Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke (DVMG)

„Mäßigkeits-Blätter“ des deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke (DVMG) von 1887. Der Verein wurde 1883 von Mitgliedern aus Bürgertum und Intelligenz mit Alkohol kritischer Tendenz gegründet. Der Zweck des Vereins „den MIßbrauch geistiger Getränke, insbesondere des Branntweins, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln (…) zu steuern“ [8] war bewusst vage gehalten und tat niemandem weh. Gleich zwei Generalfeldmarschalle, Herwarth von Bittenfeld und Helmuth von Moltke, gehörten zu den ersten Unterzeichnern des Aufrufs, bzw. meldeten sich als Mitglieder. Ihre militärische Kompetenz in Kriegsführung (z. B. Moltke`s Devise „Getrennt marschieren, vereint schlagen“) fand allerdings keinen  Eingang in Strategie und Taktik des DVMG. Im Gegenteil, „getrennt marschieren und getrennt schlagen“ blieb der Grundsatz. Und wegen der inhaltlichen Schwammigkeit sorgte man auch noch für einen Feind im eigenen Lager. So einer wie z.B. der renommierte Mediziner v. Bunge der den DVMG mit den Worten geißelte: „Die Verführer sind die Mäßigen!“ [9] In den Methoden unterschied man sich allerdings nicht sonderlich von seinen radikaleren Mitstreitern: „Aufklärung, Wohlfahrtsarbeit, Einwirkung auf Gesetzgebung und Verwaltung, Beteiligung an der Trinkerrettung und –fürsorge waren die Mittel [10] des DVMG zur Eindämmung des Alkoholmissbrauchs. 1920 passte man sich dann dem alkoholgegnerischen Vereinigungs-Mainstream an und benannte sich in „Deutscher Verein gegen den Alkoholismus“ um. Das Organ hieß dann „Auf der Wacht“.

Schaufensterausstellung des DVMG in Blankenburg/Harz

Guttempler im I.O.G.T. [11]   

  • „Deutscher Gut-Templer“, Zeitschrift zur Förderung der Totalenthaltsamkeit für Deutschlands Großloge II; herausgegeben vom Deutschen Guttempler-Orden von 1890. Das klare Bekenntnis zur Abstinenz und das persönliche Vorbild christlicher Nächstenliebe und gesunder Lebensführung prägte die Arbeit. Hermann Popert, ein führendes Mitglied der Guttempler in Schleswig-Holstein charakterisiert seine Mitkämpfer als den „Stoßtrupp der deutschen Abstinenten“. Die militärische Wortwahl entsprach dem Gefühl der Alkoholgegner sich in einem Krieg zu befinden.[12] Obwohl die Guttempler immer wieder betonten, religiös neutral zu sein, konnten sie den Vorwurf protestantischen Sektengehabes nie gänzlich ausräumen. Das konkurrierende Kreuzbündnis, die katholischen Alkoholgegner (s. Abschnitt Kreuzbund), profitierte letztlich von dem Beschluss der obersten Kirchenleitung, der Katholiken eine Mitgliedschaft bei den Guttemplern untersagte. Die katholische Kritik an der Großloge II, mit ihren „Gesetzen, dem Namen, der Ablegung eines Bekenntnisses und der Beamten-(Struktur des Ordens, Ergänzung durch  RMB)“ „eine Kirche in der Kirche“ [13] zu sein, fand schließlich von einer gänzlich unerwarteten Seite Unterstützung. 1906 trennte sich die Schweizerische Großloge vom IOGT und gründete die Neutralen Guttempler, weil der IOGT den einzelnen Logen in Europa „ein nicht-protestantisch-orthodoxes, neutrales Ritual“ [14] verboten hatte. Wer seine Arbeit „mehr auf dem Boden der wissenschaftlichen Aufklärung und der humanen Ethik“ [15] ausrichten wollte, fühlte sich im IOGT nicht mehr Zuhause.

  • „Neuland“, ebenfalls vom  Deutschen Guttempler-Orden (1909) herausgegeben und bis heute als alkoholgegnerischer Verlag existent. 1906 bilanzierte die Großloge auf ihrem Jahresfest in Schwerin 28.129 Mitglieder, die in 785 Logen organisiert waren.[16]

  • „Die Enthaltsamkeit“, Vereinsorgan des „Deutschen Vereins enthaltsamer Lehrer“ von 1896, entstanden aus einer Initiative von Guttempler-Lehrern. 1923 hatte der Verein ca. 2000 Mitglieder. Daneben hatten sich 1904 zwei weitere alkoholgegnerische Lehrerverbände gegründet: Der Deutsche Verein abstinenter Lehrerinnen und der Verein enthaltsamer Philologen deutscher Zunge. Erst 1924 schlossen sich alle drei Verbände zum Deutschen Bunde enthaltsamer Erzieher zusammen, der sich allerdings nicht mehr in der Tradition der Guttempler begriff.

  • „Neutraler Guttempler“ und „Der deutsche Abstinent“ Monatsschriften zur Bekämpfung des Alkoholismus von 1908, hrsg. vom neutralen, unabhängigen Guttempler-Orden. 1919 zählte die Gruppe noch 300 Mitglieder und löste sich ein Jahr später auf; die Zeitungen hatten ihr Erscheinen schon 1918 eingestellt.

Mitgliedskarte Blaues Kreuz 1905

Mitgliedskarte vom Blauen Kreuz

Ansichtskarte Kreuzbund

AK vom Kreuzbündnis

DAAB

Deutscher Arbeiter-Abstinentenbund


Kirchliche Mäßigkeits- bzw. Abstinenzverbände


Politisch-orientierte Alkoholgegner


Weitere anti-alkoholische Vereinigungen und Gruppen

Bund abstinenter Frauen
  • „Die Abstinenz“, später „Deutscher Alkoholgegner“ Central Organ für die Anti-Alkoholbewegung in Deutschland, hrsg. vom Deutschen Alkoholgegnerbund von 1901. Zu diesem Zentralverband gehörte z. B. auch der Deutsche Bund abstinenter Frauen, gegr. 1900 von Ottilie Hoffmann, die auch 1912 Vorsitzende war. Dieser Frauenbund hatte 1925 ca. 2000 Mitglieder, die in 50 Ortsgruppen organisiert waren.

  • „Der Pionier“, Zeitschrift des Eisenbahn-Alkoholgegner-Verbandes von 1905

  • „Schweizerische Abstinenz-Blätter“, Zeitschrift zur Förderung der Totalenthaltsamkeit und der Volkswohlfahrt, Organ der schweizerischen Großloge des Neutralen Guttemplerordens von 1890

  • „Der Alkoholgegner“, Monatsschrift zur Bekämpfung der Trinksitten, Organ des „Mimir“ – Bund Deutscher Alkoholgegner in Österreich sowie neun weiterer österreichischer und tschechoslowakischer Gruppierungen von 1903

Abstinentenbund Germania
  • „Deutsche Jugend“, Zeitschrift der „Germania“, Abstinentenbund an deutschen Schulen und des deutschen Bundes abstinenter Mädchen von1903; 1918 Auflösung. Aus dem Germania-Bund entwickelte sich dann der Bund enthaltsamer Jugend Deutschlands mit 320 Mitgliedern um 1921.

       

Es wäre die schiere Sysyphos-Arbeit alle Mäßigkeits-Vereine, Alkoholgegner und Abstinenzorganisationen, die sich zu den verschiedensten Zeiten gegründet und betätigt hatten, aufzuzählen. Entscheidend für einen realistischen Eindruck vom Wesen der anti-alkoholischen Bewegung ist nicht die korrekte Bilanzierung ihrer Vielfalt, sondern dass sich in ihr die historischen, sozialen und politischen Zusammenhänge widerspiegeln. Dazu eine Einschätzung aus dem Jahre 1906, die diese Bedingungen treffend zusammenfasst:

„Eine ganz eigenartige Tendenz zeigt die wachsende alkoholgegnerische Bewegung in Deutschland durch die zunehmende Spezialorganisation nach Stand und Beruf. Man mag ja über die Vereinigung abstinenter Stenographen, des Marine-Alkoholgegnerbundes, des Amethystenbundes, der Akademischen Abstinentenverbände (..), des deutschen Vereins abstinenter Post- und Telegraphenbeamter, des Vereines abstinenter Eisenbahner, Juristen, Pastoren, Ärzte, Priester usw. als über eine ungesunde Spezialisierung lächeln, unberechtigt ist sie keineswegs [20].

Dennoch war man schon  zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestrebt, die Vielzahl der Gruppen und Einzelverbände  zu zentralisieren. Das ergab sich zum einen aus Mehrfachmitgliedschaften einiger Protagonisten der Abstinenzbewegung. Ottilie Hoffmann, eine Galionsfigur der Alkoholgegner, „z. B. gehörte zum Bremer Mäßigkeitsbund, zum Bunde abstinenter Frauen, zum Blauen Kreuz und zum Guttemplerorden“.[21] In der Praxis gab es naturgemäß zahlreiche Berührungspunkte und so schlossen sich die alkoholgegnerischen Verbände mancher Orte zu Arbeitsgemeinschaften oder Zentralverbänden zusammen. Bis es soweit war, hatten die vielen Spezialverbände durchaus ihren Sinn und spiegelten nicht nur „typisch deutsche Vereinsmeierei“ wider.

Denn die verschiedenen Stände und Berufe haben so manche Detailfrage zu erledigen, denen ein allgemeiner Verein kaum die genügende Aufmerksamkeit schenken könnte oder dürfte. (…) Wir erinnern nur an die akademischen Unsitten, die erst fallen, wenn die Akademiker vereint sich dagegen wehren.“ [22]

Dass die Akademiker besonders resistent gegen eine selbstkritische Betrachtung ihrer Trinkgewohnheiten waren, wurde von niemandem, am allerwenigsten von ihnen selbst, bestritten. Wer die Geschlossenheit einer Erfolg, Einfluss und Geld versprechenden Kaste mittels ekelerregender Mannbarkeitsrituale sichern musste und deren „Vorbild“-Charakter in den Trink-Comments nachhaltig die Trinksitten eines ganzen Volkes beeinflusste, der war kaum gewillt nachzugeben. Davon ließen sich die akademischen Saufkumpane weder von den wenigen Abtrünnigen aus den eigenen Reihen abbringen noch durch deren markige Sprüche. [23] 

Wesentlicher für das Beharrungsvermögen so vieler Standes- und Berufsverbände waren nicht nur der Korpsgeist und die eigefleischten Trinksitten, sondern auch die individuellen Trink- und Rauscherfahrungen der Konsumenten, die ihnen dieser besondere Stoff Alkohol bescherte. Mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und ethischen Grundsätzen zu argumentieren wie die Alkoholgegner dies taten, konnte man dem nicht beikommen. Der weitere Verlauf dieses Kapitels soll auch das zeigen.


Alkoholismus –  Apokalypse oder Krankheit?

Als Luther im Mittelalter gegen den Saufteufel [24] wetterte und Melanchthon klagte: „Wir Deutschen saufen uns arm, saufen uns krank, saufen uns in die Hölle“ [25], kannte noch niemand den Begriff  Alkoholismus und von Krankheit sprach in diesem Zusammenhang auch keiner [26]. Selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde noch die gefühlte Vorstellung einer apokalyptischen Heimsuchung auf Erden verbreitet, als der Begriff Alkoholismus schon zunehmend verwendet wurde.


Der deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke (DVMG) veröffentlichte z b. eine Propagandaschrift von 1532 des Pfarrherrn, Mathäus Friderich „Widder den Sauffteuf“ in Form einer Ansichtskarten-Serie [27].

Gegen Teufel und Hölle helfen bekanntlich keine Argumente, sondern nur Beten und Buße.

Das Höllenwasser

Das Höllenwasser

„Was soll denn aus der Hölle werden?“ 

So ruft der Satan zornerblaßt,„Wenn überall auf dieser Erden

Christie Lehre Wurzel fast?!

Die halbe Hölle steht schon leer,

Auf diese Weise geht`s nicht mehr`“


„Oh tröste Dich, mein Belzebübchen“ 

Des Teufels Mutter zärtlich spricht, 

„Ich denk` auch nach im Ausnahmsstübchen,

Drum gutes Kind verzage nicht“ 

Und plötzlich schrie sie auf: „Ich hab`s

Geben wir den Menschen Schnaps“


„Ausgezeichnet!“  rief der Teufel, 

„Das Höllenwasser Branntewein 

Wird uns retten ohne Zweifel! 

Auf, Höllengeister! Schenket ein!“ 

Die Menschen griffen zu wie toll, 

Jetzt ist die Hölle immer voll -

Die Idee von des Teufels Mutter war – wie diese Karte beweist – von durchschlagendem Erfolg: Ob Handwerker, Student, Bürger oder Biedermann, alle torkeln sie fröhlich auf diesen gastlichen Kneipenwirt und seine Höllenwirtschaft zu.

Auch im Gründungsaufruf des DVMG wurde die Trunksucht quasi als eine biblische Sintflut  apostrophiert: „Nicht Fluten und Seuchen richten in unserem Lande so allgemeine und tiefgehende Verheerungen an, wie eine andere gefährliche Landplage, die unausgesetzt (…) an dem Marke unseres Volkslebens zehrt. Es ist die Trunkfälligkeit, an ihrer Spitze die Trunksucht.“ [28]

Ganz ähnlich las sich das bei den frühen Marketing-Aktionen des Blauen Kreuzes oder der Guttempler  gegen den „Volkstyrann Alkohol“. Offenbar sollte man sich spontan an einen Kreuzzug erinnert fühlen oder an sagenhafte Drachentöter-Geschichten. Die Alkoholgegner in der germanischen Tradition des heldenhaften Siegfried! Nicht nur die deutschen Trinker hatten das Bedürfnis sich ihre Vorbilder in der ruhmvollen Überlieferung germanischer Geschichte zu suchen.

zur Hölle

AK des Blauen Kreuzes von 1899

Treue Wacht

AK der Guttempler von 1913:

„Was gut und wahr und schön zu schützen

Laß spähn das Auge durch die Nacht 

Und hell die blanke Klinge blitzen!

Kein Feind soll nahn. – Hie Treue Wacht!“ 

Herbei. herbei ...

AK der Guttempler von 1903:

„Herbei, herbei! In Ost, Süd, West und Norden, 

Zu treuer Arbeit im Guttempler-Orden! 

Schon sind der Streiter viele, die es wagen, 

Dem Volkstyrann die Fehde anzusagen!:

Beim Blauen Kreuz berief man sich bei der Trinkerrettung ausdrücklich nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern lieber auf das Evangelium.

An dieser Stelle einige Hinweise zur Alkoholpolitik des Blauen Kreuzes, die von allen Abstinenzverbänden am stärksten sektiererisch wirkte:

Das Blaue Kreuz hielt sich prinzipiell von jedem politischen Kampf gegen den Alkohol fern. Beim Treffen der Österreichischen Alkoholgegner 1912 in Salzburg schickte das Blaue Kreuz eine Grußadresse mit einer wortgewaltigen Anrede, um dann einfach nicht zu erscheinen und den gesellschaftlichen Kampf gegen den gemeinsamen Feind den Anderen zu überlassen:


„Liebwerte Kampfgenossen!

Zu unserem aufrichtigen Bedauern sehen wir, die Mitglieder des ältesten deutschen Blaukreuzvereines Österreichs, uns nicht in der Lage, den III. österreichischen Alkoholgegnertag zu besuchen.“ 


Im weiteren Verlauf ihres Schreibens lieferten sie auch gleich die Begründung dafür, warum sich das Blaue Kreuz nicht an politischen Initiativen gegen den Alkohol beteiligt:


„Das Charakteristische unserer Blaukreuzarbeit ist klar ausgedrückt in unserem Motto:

Wir tragen hoch das Banner der vollen Abstinenz,

Doch Jesus ist uns wicht`ger als alle Temperenz!

Wir sind der festen Überzeugung, daß der Glaube an den Sünderheiland allein dauernde Bürgschaft für den Sieg über die Trinkerleidenschaft gibt und daß einem Trinker und seiner Familie erst dann wirklich geholfen ist, wenn er nicht bloß vom Trunk frei geworden ist, sondern das volle Heil in unserem hochgelobten Heiland Jesus Christus gefunden hat.“


Mit einer derartigen Einschätzung schloss man jeden „weltlichen“ Abstinenten und Alkoholgegner aus und verhinderte jegliche gemeinsame Aktion. In einer Zeit, in der die wissenschaftlichen Erkenntnisse endlich schlagkräftige Argumente gegen das Alkoholkapital lieferten, sich ausschließlich auf die Trinkerheilung durch Jesus Christus im Himmel zu berufen, muß – selbst damals – ziemlich weltfremd gewirkt haben

.Davon zeugt auch die folgende Karte:

Seenot

Dennoch soll hier nicht unterschlagen werden, dass das Blaue Kreuz in der konkreten Trinkerrettung aufopferungsvoll gekämpft hat und auch durchaus erfolgreich war.


Trunksucht im Focus der Wissenschaft

Eigentlich waren die Erkenntnisse über das Wesen des Alkohols und seine Wirkung schon erheblich weiter als diese Ansichtskarten vermuten ließen. Mit dem Fortschreiten der systematische Forschung und Wissenschaft begann man sich auch dem Phänomen Alkoholismus planmäßig und methodisch zu nähern. Chemiker analysierten die Zusammensetzung des Alkohols, Mediziner untersuchten seine physiologischen und psychischen Auswirkungen auf den menschlichen Organismus und lieferten damit den Alkoholgegnern die Munition [29] für ihren Feldzug zur „Rettung [30] der Menschheit“

.Eines von mehreren unterschiedlichen Titelblättern der Kampfbroschüre des Kreuzbundes (kath. Abstinenzvereinigung) „Patronentasche des Abstinenten“.

Patronentasche des Abstinenten

Dem Teufel, der eifersüchtig über seinem Arsenal von Schnaps,

Wein und Bier wacht, fliegen die Geschosse der Abstinenten entgegen.

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis er mit seiner explosiven Mischung in die Luft fliegt.

Dieses martialische Bewusstsein finden wir bei zahlreichen Anti-Alkohol-Vereinigungen. Es handelt sich um ein typisches Phänomen der Zeit und ist Ausdruck der Heftigkeit mit der dieser Kampf gegen den Alkohol geführt wurde. Je präziser die Wissenschaftler das belastende Krankheitspotenzial dieses „Giftes“ entschlüsselten, umso kriegerischer wurden die Töne. Angesichts des materiellen, sozialen und individuellen Leids, das mit dem steigenden, z.T. exzessiven Alkoholkonsum vieler Menschen einherging, war das durchaus nachvollziehbar. Denn das, was in diesem Zusammenhang jeder, der sehen wollte [31], sah, war Not, Krankheit, Abstumpfung und Verbrechen.

Neu waren diese Erscheinungen nicht; allerdings erreichten sie eine neue Qualität: massenhafte Verelendung [32], eine immense Verschleuderung von Ressourcen und eine zunehmende Kriminalität [33].

Abstinent - Mässiger Trinker

Schlägerei und Widerstand gegen die Staatsgewalt: 

Hast Du getrunken Wein und Bier 

Aufs Zahlen dann vergessen, 

So kriegst Du gleich ein Nachtquartier,

Und auch ein warmes Essen.  

Mit der systematischen Forschung wurden all diese Folgeschäden des missbräuchlichen Trinkens nun auch wissenschaftlich nachweisbar. Dabei konzentrierte sich die Forschung auf zwei spezifische Schwerpunkte:

Zum einen die physiologischen und psychischen Effekte des Alkoholkonsums auf das Individuum und zum zweiten die verhaltensspezifischen Veränderungen mit ihren Auswirkungen auf das Umfeld der Trinker und die Gesellschaft. Was diese zuvor jahrhundertelang akzeptiert und goutiert hatte, nämlich den Rausch und die Transformationskraft des Alkohols, gerieten nun vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnisse zunehmend in die Kritik.

Die Folge war ein tiefer Riss in der Gesellschaft zwischen denen, die entschiedene Konsequenzen gegen den Alkohol ziehen wollten und denen, die an ihm verdienten. Ein Beispiel für die Widersprüchlichkeit der Meinungen demonstrieren die nachfolgenden Ansichtskarten:

Im Rausch:

„Zwar trank ich viel, doch will mir scheinen, ich steh noch fest auf meinen Beinen“,

„Es wankt der Pfahl, es wankt das Licht, nur ich allein, ich wanke nicht“ 

„Hier lass ich mich nicht mehr vertreiben, hier sitz ich gut, hier will ich bleiben“,  

„Mir brummt der Schädel“

Kopfweh

Dass hier ausgerechnet Kinder zu Protagonisten des Alkoholmissbrauchs gemacht wurden, zeigt  wie sorglos ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft mit dem Kontrollverlust beim Trinken umgegangen ist. Diese Bedenkenlosigkeit wird eindringlich auf der nächsten Karte beleuchtet:

Werbung Fruchtsaft-Limonade

Die abschreckende Absicht – eine Präventionsstrategie, die sich bis in unsere Tage großer Beliebtheit erfreut – ist unverkennbar. Allerdings entbehrt dieses Bild nicht einer gewissen Komik. Dass ausgerechnet „Famos“- Fruchtsäfte und Limonaden „beste Mittel gegen Trunksucht“ sein sollten, zeigt einerseits die Suche nach einer bis heute nicht gefundene Medizin gegen Alkoholismus und andererseits die „famose“ Geschäftstüchtigkeit all derer, die hofften mit der Not ihrer Mitmenschen Profit machen zu können.


Dass exzessiver Alkoholkonsum einen Menschen zugrunde richten kann, war schon immer bekannt. Und um den präzisen Verlauf eines Rausches darzustellen, bedurfte es keines wissenschaftlichen Gutachtens, diese Erfahrung hatte man schon seit Menschengedenken gemacht. Neu war aber die – deutlich negative – Bewertung dieser alkoholischen Erscheinungsformen und ihrer Ursachen und dass diese nicht allein moralisch, religiös oder sozial begründet waren, sondern auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt wurden.


Alkoholismus – Krankheit oder Charakterschwäche?

Man muss den Gegner genau kennen, um ihn erfolgreich bekämpfen zu können, war eine wachsende Erkenntnis der Alkoholgegner und die Wissenschaft lieferte ihnen diese Einsichten.

Mitte des 19. Jahrhunderts boomte auch die Alkoholforschung. Zahlreiche Mediziner veröffentlichten ihre systematischen Beobachtungen und Erkenntnisse und bewirkten einen gewaltigen Schub der Alkoholgegnerschaft. Zum ersten Mal bekam die Apokalypse einen wissenschaftlichen Namen, Alkoholismus!

Seitdem A. Baer im Jahre 1878 ein erstes Grundlagenwerk über den Alkoholismus [34] vorgelegt hatte und zahlreiche weitere Schriften von namhaften Medizinern und Psychiatern erschienen waren, wimmelte es geradezu vor spezifischen Untersuchungen und Forschungsergebnissen in Fachöffentlichkeit und interessierter Laienwelt. Einem Nervenarzt aus Königberg, Dr. Hugo Hoppe, war es dann zu verdanken, eine Ordnung und Systematik in diesen Wust von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu bringen.

Mit seinem Standardwerk „Die Tatsachen über den Alkohol“ versuchte Hoppe 1899 ein „Repertorium [35] aller bemerkens- und wissenswerten (…) Beobachtungen, Untersuchungen und Statistiken über den Alkohol…“ [36] vorzulegen, das den aktuellen Wissensstand über Alkohol und Alkoholismus wiedergab.

Welche Auswirkungen hatte nun dieser wissenschaftliche Fortschritt und worin lag der Mangel der bisherigen Einsichten?

Eine Antwort auf diese Frage liefert – sicherlich ungewollt, aber umso präziser – die folgende Karte:

... stets besoffen

Daß Du recht bald genesen wirst,

Das wollen stark wir hoffen,

Denn Krankheit  ist`s wohl bei Dir nicht,

Du bist bloß stets besoffen!

Die Beurteilung, mit der heutzutage Alkoholismus als Krankheit verstanden und definiert wird, war damals keineswegs selbstverständlich. Denn Krankheit bedeutet in erster Linie ein Unverschulden des Kranken und das sah man beim Alkoholiker mitnichten. Es dauerte, wie wir wissen, noch bis in die 60er Jahre des 20.Jahrhunderts bis sich diese „Krankheitseinsicht“ [37] - sozusagen offiziell durch die Anerkennung der Kostenträger, Krankenkassen und Rentenversicherungen - in Deutschland durchsetzte. Aber selbst heute gibt es noch immer eine verbreitete Meinung, dass Alkoholkranke nur willensschwach und zu labil seien, um mit dem Trinken aufzuhören. Damals war diese Auffassung in der Gesellschaft absolut zeitgemäß [38].

Viele andere - ausgerechnet die Mitglieder stärkste Gruppe der Alkoholgegner, das Blaue Kreuz [39] - hielten den Alkoholismus weiterhin für eine Versuchung des Teufels und eine Sünde:

„Wer Sünde tut, der ist ihr Knecht.“

Wer Sünde tut, ...

In die gleiche Kerbe schlug diese Karte aus Österreich:

Der „Versucher“ – Dämon Alkohol

Und in den USA war zur Zeit der Prohibition (1919-1932) diese Karte in Umlauf, deren Abbildung man durchaus mit einer modernen Form der apokalyptischen Reiter assoziieren könnte:

the spirits of today

Die Geister von heute:

  • Wood alcohol: „Holzgeist“ alkoholisches Produkt aus Holz, auch Methanol; wird zum Vergällen von Ethanol verwendet (Brennspiritus); billiger Alkohol, der u.a. zu Blindheit führt. Eine Folgeerscheinung nach dem Genuss  illegal hergestellten Alkohols zur Zeit der Prohibition.                                                                                         

  • Jakey: Slangausdruck für einen betrunkenen Schnapstrinker                 

  • Poison: Gift*     

* Diese Geister tauchen auch im oben erwähnten Buch von H.H. Ewers wieder auf. Sie seien die tragische Folgeerscheinung eines sinnlosen Alkoholverbotes, das ohne jeden Nutzen, von der Masse der Bevölkerung in absurder Weise unterlaufen würde. Zum Gift-Begriff schildert H.H.E. die folgende Episode:" war ein Seemann mit langem Barte, der es verstand, aus unreifen Tomaten einen Schnaps zu bereiten. Jeden Tag lief er mit seinem kleinen Eimer durchs Lager, brüllte laut: `Gift! Fünf Cents! Gift! Gift! Fünf Cents`". [40]    

                                                                 

Alle diese Bilder artikulierten und symbolisierten Einschätzungen und Positionen von meinungsbildenden Gruppen in der Gesellschaft, die aus einer religiös oder moralisch geprägten Vergangenheit stammten. Obwohl man es nun eigentlich hätte besser wissen können, beeinflussten diese Denkmuster und Vorurteile aber dennoch die Forderungen und Handlungen der Alkoholgegner.


Das Wesen des Alkoholismus im Spiegel der Bilder

Denn darum ging es schließlich: praktische Konsequenzen, also auch politische Forderungen aus den herrschenden Meinungen und Erkenntnissen über den Alkohol zu ziehen und umzusetzen. Vor diesem Hintergrund wird erst nachvollziehbar, in welchem taktischen und strategischen Dilemma sich die vielen alkoholgegnerischen Gruppen befanden, als sie ihre alkoholspezifischen Forderungen und gesellschaftspolitischen Ziele formulierten.

Wenn sich ausgerechnet unter Fachleuten z. b. die althergebrachten Vorurteile über die Charakterschwäche von Alkoholikern halten konnten, wie sollten sich da nüchterne, wissenschaftliche Beweisführungen durchsetzen, die eine neue Alkoholpolitik hätten begründen können. Und selbst wenn dem so gewesen wäre, reichten die Argumente aus, um die Trinkgewohnheiten der Menschen nachhaltig verändern zu können? Hier könnte eine der Ursachen dafür liegen, warum die Kämpfe der Alkoholgegner – jedenfalls in Deutschland – so wenig erfolgreich waren [41].

Dabei wusste man z. b. über das Wesen der Alkoholabhängigkeit und des Alkoholismus bestens Bescheid. Dies zeigen die unzähligen Ansichtskarten über maßlosen Alkoholkonsum und seine Folgen. Die folgenden Karten demonstrieren präzise und geradezu schulbuchmäßig einzelne Stadien der Abhängigkeitsbildung [42]:

Der Tag

Dieser „Tagesablauf“ eines Alkoholikers, der weder Beginn, noch Verlauf oder Ende seines Bierkonsums kontrollieren kann, verliert durch die scheinbar groteske Übertreibung seine eigentliche Dramatik. Der präzisen Beschreibung eines Suchtkranken tut dies allerdings keinen Abbruch:

  • Morgen: 4 Liter säufst du schon im Bett, frühmorgens wenn die Sonn` aufgeht

  • Mittag: 8 Liter, mittags trinkst Du diese, dann sind es 12 nach Adam Riese

  • Abend: Abends schluckst Du weit`re 8, so daß es nun schon 20 macht.

  • Nacht: Mit 24 machst Du Schluß, weil nachts der Mensch auch schlafen muß, Dann ruhst Du aus von Suff und Plag, beendet ist für Dich Der Tag.

Diese Karte wurde – man glaubt es kaum – tatsächlich auch verschickt. Ob es sich dabei um die Charakterisierung des Absenders oder Empfängers gehandelt hat, ließ sich nicht mehr in Erfahrung bringen!

8 p.m. in Nebraska

Anti-alkoholische Propaganda-Karte aus  Nebraska/ USA von 1909. Als H.H. Ewers Nebraska  Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Vortrag besuchte und keinen Alkohol zu trinken bekam, fragte er einige Zuhörer „was das denn für eine verwünschte Stadt sei, in der es nichts zu trinken gäbe? »Local-Option! « rief der Vorsitzende. »Seit einem halben Jahr haben wir uns nach dem Gemeindebestimmungsrecht gegen Alkohol entschieden! « (H.H. Ewers, a.a.O.)

Die weiteren Abbildungen beschreiben die Phänomene

                                                                                         

  • Unbeherrschbares Verlangen (Suchtdruck)

    - siehe Karte oben (NEBRASKA)


Mass-los
  • Dosissteigerung/Toleranzbildung


Kulmbacher
  •   Alkohol im Mittelpunkt des Trinkerlebens


Ach wie ist´s möglich dann ...
  •  Nicht mehr Aufhören können


Höllenqualen
  • Entzugserscheinungen


prosit ...
  • Weitertrinken trotz erkennbarer Schädlichkeit

Im Gegensatz zu diesen Karten, deren ironisierender Duktus viel von der Alkoholiker-Dramatik relativierte und die wohl auch nur deshalb unter das Volk und in postalischen Umlauf geraten sind, zeigen die folgenden Ansichten bereits eine kritische Bewertung des Alkoholkonsums bis hin zur deutlichen Aufforderung mit dem Saufen aufzuhören. Auch wenn das damals [43] offenbar niemand hören wollte:

Nordhäuser Korn

Unglaublich ist`s, was Du vertilgst,

so täglich in der Stille,

Du gleichst schon, jeder sieht`s

 `ner wandelnden Destille

Zum Thema Alkohol, Kontrollverlust und Aggression äußert sich diese Karte:     

Rauferei

Ach wie gemütlich Ist doch die Sauferei;

Am Bier tut man sich gütlich, Dann kommt die „Rauferei“.

Gerade der immer wieder beforschte Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Verbrechen war den Alkoholgegnern ein gewichtiges Argument für legislative Maßnahmen seitens des Staates.

Die beiden folgenden Karten charakterisieren nicht nur auf eine zwar laienhafte, aber durchaus treffende Art den Alkoholismus, sondern bezeichnen präzise den einzigen Ausweg aus dieser Erkrankung, die Abstinenz:

Prosit ...

Täglich eine Fuhre Alkohol 

Mensch dann ist Dir endlich wohl 

S` ist zum Haare auszuraufen 

Höre endlich auf zu saufen!


Prosit, Mensch

Mensch, wie oft ich Dich getroffen, 

Warst Du fürchterlich besoffen, 

`s geh Dir `ne Laterne auf, 

Ändere Deinen Lebenslauf!

Eigentlich hätten die Wissenschaftler nur noch die passenden Begrifflichkeiten für die einzelnen Phänomene (s.o.) benennen müssen und eine treffgenaue Diagnose für Sucht nebst der wirksamsten und einzigsten Medikation, der Abstinenz, wäre parat gewesen. Doch damals differenzierte auch die Wissenschaft überwiegend schädliche Erscheinungsformen des missbräuchlichen Trinkverhaltens und kaum deren wesensmäßige innere Zusammenhänge.

Während heutzutage eine klare Definition zu süchtigem Trinken existiert [44], über die sich Wissenschaft und Fachöffentlichkeit verständigt haben, „herrscht (damals, RMB) noch keine Einigkeit darüber, wer als Trinker zu bezeichnen ist resp. wo der Trinker oder Alkoholist (Alkoholiker, RMB) anfängt.“[45] 

Viele der alkoholgegnerischen Gruppen belegten sämtliche negativen Auswirkungen, die mit dem Alkoholkonsum in Verbindung gebracht werden konnten, mit dem Begriff Alkoholismus, obwohl eigentlich "nur" schädliches Trinken gemeint war. So hieß es beispielsweise in einer Resolution des DAAB: „Die Generalversammlung erblickt im Alkoholismus einen schweren Schädiger der körperlichen und geistigen Entwicklung (…), ein schweres Hemmnis aller organisatorischen Bestrebungen und Kulturarbeiten.“ [46] Im Statut des DAAB richtet sich der Bund dann gleich gegen jeden der Alkohol konsumiert: „(Er, RMB) bezweckt, durch Bekämpfung des Alkoholgenusses und der Trinksitten innerhalb der Arbeiterschaft den Befreiungskampf der Arbeiterklasse zu fördern (…) und der durch den Alkoholgenuss bedingten Degeneration vorzubeugen.“ [47]  

Damit wurde jeder zum Feind erklärt, der trank, ganz gleich ob er Alkoholiker oder nur „Genusstrinker“ war. Begründet wurde diese Gleichmacherei mit der Tatsache, dass jeder Alkoholiker zuvor mäßig begonnen hatte. „Jedenfalls ist nie einer zum Säufer geworden, der nicht vorher ein mäßiger Trinker gewesen ist.“ [48] Dass aber nicht jeder Konsument zum Alkoholkranken wird und damit sich selbst und sein soziales Umfeld massiv schädigt, bleibt unberücksichtigt. Vor diesem Hintergrund hatte die Alkohollobby leichtes Spiel, ihre Gegner zu schmähen.


Das Alkohol-Imperium wehrt sich

In dieser aufgeheizten Atmosphäre der alkoholischen Akzeptanz musste jeder, ob überzeugter Abstinent, wankelmütiger Mäßiger oder rational denkender Wissenschaftler, der sich offen gegen den Alkohol artikulierte, mit massiven Gegenreaktionen rechnen.

Das begann mit Hohn und Spott, setzte sich fort mit akademischen Gegenkampagnen und systematischen Verunglimpfungen für die sich auch Wissenschaftler und Fachärzte hergaben und endete nicht selten in offenen Drohungen [49]. Wie trickreich das Alkoholkapital „Gelehrte und Journalisten“ für seine Zwecke einsetzen wollte, zeigt der folgende Ausschnitt einer Veröffentlichung des „Schutzverbandes gegen die Übergriffe der Abstinenzbewegung“ der unter der Überschrift – nomen est omen – „An die Gewehre“ publiziert wurde:


So war auch der Text auf der folgende AK (vermutlich aus den 30er Jahren) durchaus ernst gemeint und keineswegs als  Ironie zu verstehen:

Schlichte

Zwicken, zwacken Dich die Nieren, musst Du sie mit Schlichte schmieren

Mit seinem Mensur-Schmiss auf der Wange soll der aristokratische Herr Doktor  die „Schlichte“-Seriosität  eines Arztes vermitteln. Vermutlich handelt es sich um die stolze Weitergabe von Selbsterfahrung aus den Zeiten studentischer Sauf-Comments. 

Als ein überzeugter Alkoholfreund erwies sich auch ein Berufskollege von H. Hoppe, Nervenarzt Dr. M. Kaufmann. In seiner Streitschrift „Kritik der fanatischen Alkohol-Abstinenz-Bewegung“ - schon der Titel lässt Schlimmes ahnen - stellte er die Argumentation seiner Gegner einfach auf den Kopf. Nicht die Trinker liefen Gefahr am Alkohol zu erkranken, sondern die Abstinenten selbst seien abnorm, weil sie krankhaft auf den Alkohol reagierten [50].

„Das Wort: ´Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann`, ist – so fand Dr. Kaufmann – nicht ohne Berechtigung. Es soll nämlich bedeuten, daß derjenige, der einen Rausch nicht vertragen kann, eine abnorme, krankhafte Reaktion auf die alkoholischen Genußmittel zeigt.“ [51]

Rausch

Wer niemals einen Rausch gehabt, das ist kein braver Mann!

Ob dieser Berauschte jener „braver Mann“ ist oder nur eine „abnorme, krankhafte Reaktion“ auf den Alkohol zeigt, bleibt dem geneigten Leser überlassen.

Nachdem uns der Doktor nun mit der tieferen Bedeutung dieser alten, deutschen Trinkerweisheit vertraut gemacht hat, plaudert er noch ein wenig aus der Schule seiner ärztlichen Praxis.

„Es sind häufig lederne, entsetzlich nüchterne Naturen, die auch der Wein nicht begeistern könnte, denn es sind keine Saiten da, welche der Freude und dem Erhabenen entgegenklingen könnten.“ [52]  Dem Leser verschlägt es fast die Sprache, dass es solche unmusikalischen Humanwesen gibt, denen „sozusagen der Resonanzboden (fehlt), auf dem freudige Stimmungen, wie sie durch alkoholische Getränke erzeugt werden, wiederklingen können“. [53]

Die radikale Absurdität mit der sich hier die Protagonisten der Alkoholfrage bekämpften, war ein spezifisches Charakteristikum. Das Alkoholkapital sah sich massiven Angriffen ausgesetzt und befürchtete selbstverständlich Profiteinbußen. Die Beschränkung ökonomischer Interessen war immer schon ein bedeutender Impulsgeber für machtvolle Auseinandersetzungen.

Schließlich waren die Alkoholgegner wahrlich nicht zimperlich in ihrer Wortwahl und Konsequenz. Wer möchte sich schon gerne als „Eiterbeule am Volkskörper [54]“ beschimpfen lassen. Und die Zahl derer, die von Herstellung, Vertrieb und Verkauf des Alkohols lebten war auch nicht gerade klein. So sahen sich nicht nur die Profiteure der Alkoholproduktion in ihrer Existenz bedroht.

Neben diesem existenziell-ökonomisch geprägten Streit wurden immer auch Selbstwert und Rollenverständnis der Kämpfenden berührt. Der Aufruhr, in den die Alkoholfreunde gerieten, zeigte auch wie zielsicher die Abstinenten ihre alkoholische Gegnerschaft  ins Herz trafen. Denn hier standen sich nicht nur verbale Streithähne gegenüber, sondern Protagonisten gegensätzlicher Lebensweisen. Was sich im Widerspruch zwischen Abstinenz und Rausch kristallisierte, hatte seinen tieferen Grund in unterschiedlichen Auffassungen über Selbstdisziplin und rationaler Lebensgestaltung. Und das puschte elementare, unbewusste Gefühle bei allen Beteiligten; eine sachliche Debatte wurde damit unmöglich.

Wenn auch Selbstkontrolle und Arbeitsdisziplin zu erklärten Prinzipien modern denkender Menschen im Industriezeitalter wurden, fühlten sich doch viele Menschen von derartigen Lebensgrundsätzen schlicht überfordert. Sie begriffen das nicht nur als unzulässige Einmischung in ihre Autonomie, sondern als Angriff auf ihre Integrität oder fühlten sich bloßgestellt, weil sie insgeheim ahnten, einen wesentlichen Bestandteil nüchternen Lebens, den Verzicht auf Alkohol, nicht einmal kurzfristig leisten zu können. Diese Vorstellung, labil und willensschwach zu sein, konnte man unmöglich auf sich sitzen lassen. Auch das erklärt mit welcher Intensität und Radikalität die Alkoholfreunde reagierten.

Solange  sich die Protagonisten einer nüchternen Lebensführung so wie auf den beiden folgenden Ansichtskarten präsentierten, war die  Öffentlichkeit allerdings eher belustigt als erschrocken:

Familie Weisgerber aus Blankenburg am Harz

Gruß aus der Hartenholmer Mühle vom Abstinenten Frühlings- u. Agitationsfest

Familie Weisgerber

wir essen schon seit 1901 kein fleisch und nichts fon toten tiren und leben seit dieser zeit billiger kräftiger und gesünder

alkohol und tabak ferschmähen wir selbstferständlich auch     

Hartenholmer Mühle

Die alternative und reduzierte Lebensgestaltung wurde konsequent auch auf die deutsche Rechtschreibung ausgedehnt!

Dennoch, diese eigenwillige Schar skurril wirkender Zeitgenossen erscheint in einer Zeit konservativer Denk- und  normierter Verhaltensmuster verunsichernd für die Masse angepasster Bürger und mag vereinzelt auch wie eine Provokation empfunden worden sein. Gleichzeitig lieferten solche Bilder eine Steilvorlage für Hohn und Spott gegenüber alternativen Lebensweisen.

Nur vor diesem Hintergrund lassen sich die kuriosen Beweisführungen der Alkoholfreunde, wie die eines Dr. Kaufmanns, verstehen. Kaufmann und seinesgleichen waren so tief in ihrer Ehre verletzt, dass sie nicht mehr sachlich argumentieren konnten. Ihr Heil fanden sie ausschließlich in Kränkung und Abwertung der Alkoholgegner. Eine disziplinierte Lebensführung, die es wenigstens erlaubte dann und wann über die Stränge zu schlagen, hätte man sich vielleicht noch gefallen lassen; aber der missionarische Eifer mit der die Abstinenten ihre persönliche Lebensweise zu einer für alle Menschen gültigen machen wollten und sich als willens- und charakterschwach brandmarken zu lassen, waren Zuviel des Erträglichen.

Insgeheim fühlten sich viele Alkoholfreunde bei einer ganz besonderen Schwäche ertappt, ihrer eigenen Unfähigkeit einen Trinkstopp einzulegen. Diese Einschätzung eröffnete dem aufmerksamen Auditorium ein gewisser Dr. Aug. Pieper auf einem Vortrag über die Mäßigkeitsbestrebungen in Deutschland:  „Ebenso lächerlich ist es auch, auf diejenigen, welche aus freier Entschließung sich Abstinenzvereinen angeschlossen haben, als auf Sonderlinge herabzusehen, zumal von Seiten derjenigen, die selbst nicht die moralische Kraft haben, auch nur kurze Zeit Abstinenz zu üben oder sogar auch nur nach hygienischen Forderungen mäßig zu sein.“ [55]

Welche Phantasien die ertappten Alkoholfreunde von diesen „verschrobenen Sonderlingen“ hatten, zeigt die nebenstehende Illustration:  

Anti-Alkohol-Congress 1901

Anti-Alkohol Congress 1901   

Ebenso gerne verspottete man die sog. „Abstinenzler“ mit der Behauptung, sie würden gar nicht  wirklich nüchtern leben.

Ehren-Diplom 1899

Ehren-Diplom

Da Sie in letzter Zeit sehr häufig in

Situationen gesehen wurden, welche an Ihrer  

Übereinstimmung mit unserem Streben

keinen Zweifel lassen, so ernennen wir

Sie zum Ehren-Mitglied unseres

Anti-Alkohol-Vereins  

Wie beliebt und grenzüberschreitend – im wahrsten Sinne des Wortes – diese Spottmethode war zeigen die folgenden Karten aus Belgien und Frankreich:       

Frauen-Liga gegen den Alkohol 1904

Die Mitglieder der Frauen-Liga gegen den Alkohol werden volltrunken aus einer Konferenz gekarrt und verleihen ihrer zentralen Manifestation, dass „der Alkohol der Ruin der Menschheit“ sei eine ganz besondere Glaubwürdigkeit. Betrunkene Frauen waren schon immer das Letzte.

Eine Kombination von Frauenfeindlichkeit und Bigotterie-Vorwurf findet sich auch auf der nächsten Karte:

Dass die beiden „Mitglieder der Gesellschaft gegen den Missbrauch des Alkohol“ sich ausgerechnet an dem besonders gefährlichen Absinth verlustieren, setzt der Verunglimpfung noch die Krone auf

Dieses Werbeplakat von 1900 verspricht dem kundigen Herzensbrecher einen ganz besonderen „Nebeneffekt“ des Absinth-Trinkens 

Absinth Plakat 1900

Die begierige Aufmerksamkeit des erfahrenen Lebemanns, mit der er das unschuldige Mädchen quasi wie unter einem Mikroskop betrachtet, suggeriert dem Betrachter, dass es sich nur noch um Minuten handeln kann, bis der Absinth auch bei dieser zugeknöpften Weiblichkeit seine enthemmende Wirkung voll entfaltet hat.


Gegner vom Absinth-Verbot

Absinth, auch grüne Fee genannt, war ein hochprozentiges alkoholhaltiges Getränk, das aus Wermut und verschiedenen anderen Kräuteressenzen hergestellt wurde und sich großer Beliebtheit insb. in Frankreich erfreute. Ein Bestandteil des Wermutkrautes, das Nervengift Thujone, wurde für die brisanten Folgen des Absinth-Trinkens besonders verantwortlich gemacht. So traten gehäuft Schwindel, Halluzinationen und Krämpfe bei den Konsumenten auf. Zahlreiche Länder erließen ein spezielles Absinth-Verbot. Die nebenstehende Karte polemisierte gegen diesen staatlichen Eingriff, den man glaubte - wie an den blauen Kreuzen zu erkennen - ausgerechnet der Initiative des Blauen Kreuzes zu verdanken.

Noch in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts warb ausgerechnet der Deutsche Brauer-Bund mit einer Ansichtskarten-Serie und der „wissenschaftlichen Tatsache“, dass Bier Medizin sei:

Bierwerbung


Die Hybris der Wissenschaft…

Dass ein suchtkranker Mensch von seinem Drang nach Alkohol gesteuert sein könnte anstatt von seiner Ratio und dabei jeglichen Einfluss auf sein Handeln verliert, erschien in einer Zeit, in der die Durchdringung und technologische Beherrschung der Naturgesetze grenzenlos anmutete, wie ein ideologischer Anachronismus und eine Provokation an der Krone der Schöpfung.

So huldigte dementsprechend ein gewisser Dr. Wilhelm Steingötter auf dem III. Österreichischen Alkoholgegnertag der Alkoholabstinenz mit den feurigen Worten: „Sie hält den Menschen frei von künstlich angelegter Stimmung und der Lähmung der Hemmungsfunktionen des Gehirns (…) und befähigt daher den Menschen, immer Herr seiner selbst sowie seiner inneren und äußeren Werte zu sein.“ [56]

Wo Forscherdrang dem Globus und der physiologischen Landkarte des Individuums ihre letzten Schleiern lüfteten und der technische Fortschritt mit Dampfkraft und Elektrizität gewaltige Energien geweckt hatte und zu beherrschen wusste, entwickelte sich eine Hybris, die keine Grenzen kannte [57]. Überdies war die gesellschaftliche Notwendigkeit nach Nüchternheit und Selbstbeherrschung des Einzelnen mit der Industrialisierung enorm gestiegen und eine strikte Trennung zwischen „Dienst und Schnaps“ und der Unvereinbarkeit von Arbeit und Delirium zwingend erforderlich geworden.


…scheitert an der Transformationskraft des Alkohols

Möglicherweise sind dies einige der Ursachen für das Desinteresse mit der die Wissenschaft dem suchtspezifischen Einfluss des Alkohols auf das menschliche Unbewusste begegnete [58]. Die Wirkmechanismen eines Stoffes zu ergründen, der menschliche Empfindungen und Verhaltensweisen in überaus machtvoller Weise  - quasi gegen den Willen seiner Konsumenten - zu steuern vermochte und doch nur eine bloße Imagination war (und ist), schien im deutlichen Widerspruch zu Rationalität und Allmachtsphantasien von Forschung und Wissenschaft zu stehen. Hoffte, ja, glaubte sie doch den Menschen in seine Funktionsabläufe zerlegen und in seinem Wesen durchdringen und regulieren zu können.

Phänomene, die sich nicht objektivieren ließen, weil sie nicht messbar waren und wie beim Rausch ein zutiefst subjektives Erlebnis widerspiegelten, waren der Wissenschaft eben schon immer ein Gräuel. Die Technik der Evaluation mit der wissenschaftliche Forschung heutzutage glaubt, alles mess- und damit objektivierbar machen zu können, scheitert ebenfalls an der Unmöglichkeit einmalige, subjektive Rauschwahrnehmungen mittels dieser Methode erforschen zu können. Und so ignoriert sie diese Aspekte gleich ganz. Damit es keiner merken soll, erfindet sie hilfsweise Begriffe wie „Suchtstruktur“, die dann im Reich der Gene angesiedelt werden [59].

Dass das tragische Ende einer Säuferkarriere die Straße sein kann und dennoch nicht genügend Abschreckungspotenzial gegen den Alkoholkonsum liefert, war für Wissenschaft und Alkoholgegner eine reale, aber letztlich unverständliche Tatsache.

Wo die Sprache der Wissenschaft versagt, bleibt nur noch Zorn wie diese Karte zeigt:

Strolch, Lump und Tagedieb!

 Die Welt der Wissenschaft ist eine Welt der Fakten. Wo es noch keine gibt, glaubt man fest daran, diese früher oder später beschaffen zu können.

Die Welt der Trunkenheit, des Rausches, ist eine pure Imagination der Berauschten, von der sogar diese selbst wissen, dass sie nicht real ist. Eine Welt jedoch, in der Wünsche und Gefühle wahr werden, wenn auch nur für Augenblicke. In der diese Wünsche in Verbindung mit dem Katalysator Alkohol,  Wahrnehmung und Gefühle in genau den Zustand versetzen, den die Konsumenten gerade brauchen. Ein „Zaubertrank“ dessen Wirkmächtigkeit freilich nur diejenigen erfahren können, die dafür offen sind oder – so formulieren es Wissenschaftler mit ihrer technokratischen Nüchternheit lieber – die dafür eine „Prädisposition“ besitzen [60].

Unstrittig ist auch für die Wissenschaft die Tatsache, dass der Mensch ein sinnliches Wesen ist. Doch versteht sie darunter nur die Organe, die dem Menschen auditive, visuelle, haptische o.ä. Fähigkeiten erlauben. Dabei sind diese nur das Eingangstor für weitergehende Befähigungen, die sich in Empfindungen wie Liebe, Hass, Trauer, Freude, Enttäuschung, Angst usw. ausdrücken und in ihrer Nuancierung und individuellen Vielfältigkeit vom Alkohol perfekt bedient werden.

Wenn in einer späteren Phase der Abhängigkeitsentwicklung diese gefühlten Wahrnehmungen und bedienten Hoffnungen längst im Alkohol „ersoffen“ sind, wird der Zustand der Nüchternheit stärker denn je als unerträglich und quälend empfunden, von dem nur das erneute Trinken an sich Erlösung schafft . Auch diese Empfindungen sind keine messbaren Kategorien, sondern werden zutiefst individuell wahrgenommen. In ihrer Beharrungskraft auf den Trinker scheinen sie gleichwohl übermächtig.  

Auch wenn die Neurophysiologie inzwischen glaubt, den chemischen Vorgängen im Gehirn auf die Spur gekommen zu sein, die für die Suchtentstehung verantwortlich sind, kann sie jedoch nicht erklären, warum der zwanghafte Griff zur Flasche beim Trinker unterschiedlich stark wahrgenommen wird. Die Aussage des ehemaligen Leiters der Oberbergkliniken, Prof. Matthias Gottschaldt, dass es so viele Alkoholiker-Typen gibt wie Alkoholiker überhaupt [61], spottet jeder wissenschaftlichen Objektivierungs-Phantasie und bleibt für jeden Alkoholismusforscher ein Dorn im Auge. Gottschaldt war selbst trockener Alkoholiker gewesen und wusste, auch durch die vielen Patienten aus seiner Klinik, wovon er sprach.

Dieses gänzlich unterschiedlich erlebte und individuell bestimmte Suchtverhalten reicht von einem als zwanghaft wahrgenommenen Verlangen nach Alkohol, das sich in (nur!) zwei bis drei Flaschen Bier tägl. erschöpft bis zu einem umfassenden Kontrollverlust mit komatösem Trinkausgang währenddessen über Tage und literweise Schnaps getrunken wird. Eine derartige Bandbreite des Suchverhaltens widersetzt sich jedem wissenschaftlichen Objektivierungsbemühen und macht eine vermeintlich messbare Suchtdefinition zur Karikatur.   

Die vor diesem Hintergrund absolutistisch anmutende Forderung der Alkoholgegner nach totaler Abstinenz blendete diese Phänomene in ihrem emotionalen Ursprung aus. Konsequent beriefen sie sich ausschließlich auf die rationalen Aspekte der Alkoholfrage, die ihnen die Wissenschaft inzwischen zuhauf lieferte und die ihrer eigenen Logik und ihrem Verständnis von der – unbestritten – schädlichen Seite des Alkohols entsprachen. In der tiefen Verständnislosigkeit der Alkoholgegner blieb diesen nur noch, die uneinsichtigen Trinker zu diskreditieren und sich selbst zu erhöhen [62].


Die Alkoholisten [63] – unwissend und willensschwach

Wer sein Bedürfnis nach Entspannung und Berauschtheit nicht unter Kontrolle bringen konnte, wem es nicht reichte, seine Rauschgelüste in - gesellschaftlich akzeptierten - Trinkritualen zu befriedigen [64] oder wem es nicht gelang, sein Bedürfnis nach Alkohol mittels „mäßigem, aber regelmäßigem Konsum“ [65] zu bezwingen, der wurde als willens- und charakterschwach ausgegrenzt oder als Opfer der unseligen deutschen Trinksitten stigmatisiert. Beide Zuschreibungen machten die Trinker zu einer Zielgruppe für die Nüchternheit kaum zu erreichen war, weil ihnen offensichtlich der Wille, bzw. die Fähigkeit dazu fehlte.

Fachleute und Wissenschaftler begannen gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Festlegung  verschiedener Erklärungen und überzeugender Definitionen über das Wesen des Alkoholismus.

Auguste Forel [66] war einer jener bedeutenden Wissenschaftler der Alkoholismusforschung, die hofften mittels Fakten den Menschen von der Notwendigkeit der Abstinenz überzeugen zu können.

August Forel

„Wer sozial fühlt und denkt, sowie auch entsprechend handelt,

wird alkoholabstinent; am besten Neutraler Guttempler, sobald

er die Alkoholfrage ernst studiert hat.“

(Hervorh. RMB)

 Obwohl der Begriff Sucht im Zusammenhang mit „Trunksucht“ immer wieder auftauchte, fand man noch keine stichhaltige Definition ihrer Merkmale oder eine Einteilung in ein Phasenmodell, aus dem sich eine Abhängigkeitsentwicklung erkennen ließe. Immerhin gab es vereinzelte Versuche unterschiedliche Trinkertypen zu definieren und damit eine Differenzierung des Phänomens Alkoholismus voranzutreiben.

Eine ganz eigenwillige Art der Trinker-Typisierung findet sich in der sog. „Hammer-Postkarten-Serie“ eines gewissen Fritz Thor (nomen est omen!):

Blaukreuz: Renommier-Säufer

Renommier-Säufer

Schwache Naturen glauben sich den Anschein der Stärke

zu geben, wenn sie mit einem eingebildeten Dämon kämpfen,

den sie ihren Durst nennen. Sie heucheln dieses Ungeheuer,

um wenigstens etwas Großes in sich zu haben.

Blaukreuz: Nachtlichter

Nachtlichter 

Der Alkohol ist das Brennöl für die Lampe

der geistig Armseligen. Je weniger Spiritus

der Mensch von Natur in sich hat, desto mehr

sucht er von außen nachzufüllen. [67]   

    

So berichtet Hoppe in seinem Standardwerk von Selbstversuchen eines Alfred Smith, der die Wirkung chronischer Alkoholzufuhr auf die Merkfähigkeit untersuchte und dabei – wen wundert`s –  deutliche Defizite feststellte [68]. Mit chronischem Trinken wie wir es heute verstehen, hatte der Versuch seinerzeit nichts zu tun: es ging ausschließlich um die regelmäßige, temporäre Zufuhr einer geringen Menge Alkohol eines mäßigen Konsumenten.

Auch Kraepelins „wissenschaftliche Definition des Alkoholismus“, die Hoppe ebenfalls wiedergibt, beschränkt sich auf wiederholten Konsum innerhalb eines bestimmten Zeitraums: „Trinker ist jeder, bei dem eine Dauerwirkung des Alkohols nachzuweisen ist, bei dem also die Nachwirkung einer Alkoholgabe, noch nicht verschwunden ist, wenn die nächste einsetzt.“ [69] Ein häufig geübtes Trinkverhalten, dass mit dem hilfreichen Motto konkretisiert wird, man solle mit dem Getränk (am nächsten Morgen) weitermachen, mit dem man aufgehört habe! Ein Trinker, der nach dieser Art vorgeht, ist aber beileibe noch kein Alkoholiker.

Der Sinn dieser Methode ist bekanntermaßen dieser: er soll schlicht die Folgen einer akuten Alkoholvergiftung – den Kater –  mildern. Zahlreiche Ansichtskarten machten sich über diese Kehrseite des Alkoholkonsums lustig und präsentierten schadenfreudig klassische Hausmittel gegen die tierischen Heimsuchungen durch Affe und Kater.  

der Kater am Morgen

Eine AK mit besonderem Realismus-Effekt: Der Kater ist auf der Originalkarte mit echtem Fell beklebt! Dieses schlichte Motiv bedarf keiner Worte; es spricht für sich selbst


das Ebenbild

Sieh` doch hier Dein Ebenbild, 

Wie er seinen Durst gestillt! 

Und den andren Tag alsdann

Rückt auch hier der Kater an.

Die Folge ist ein millionenfach erlebtes Krankheitsgefühl gegen das ein millionenfach bewährtes Rezept hilft:

Das Katerfrühstück in unterschiedlicher Ausstattung:

des Lebens Jammer

Des Lebens ganzer Jammer packt mich an.

ein Recept

Krankheits-Diagnose:

Haarspitzenkatarrh

Einzunehmen: 

1-2 saure Heringe, marinirt 

2 Tassen schwarz. Kaffee, bitter

15gr. Natron, dopp.-kohlensaur 

2 Flaschen Selters, kalt

„Obige Arznei nicht gemischt, sondern einzeln in Zwischenräumen von je 5 Minuten auf nüchternen Magen, einzunehmen.“

Diese medizinische Verordnung eines Dr. P.Ractisch(!); ist zum Preis von 0.70 M. in der Apotheke zum Blauen Affen [sic] erhältlich!


                                                                               

Alkohol der Zaubertrank: Gift und Wundermittel zugleich

Gustav von Bunge, Chemiker, neben Kraepelin und Forel, einer der Gründerväter der modernen Alkoholforschung, stellte fest, dass „im Leben eines Trinkers beständig zwei Stadien miteinander wechseln: Der Rausch und der Katzenjammer.“ [70] Mit dieser alkoholischen Dauerzufuhr stellen sich beim Trinker zwei unterschiedliche Resultate ein. Einerseits treten akute, bzw. permanente Intoxikationserscheinungen auf, die schädlichen Einfluss auf zahlreiche Organe und Stoffwechselabläufe haben und spezifische Krankheitsbilder hervorrufen [71]

Diesen individuellen, physiologischen Wirkungen ging die Alkoholforschung seinerzeit systematisch auf den Grund und lieferte damit die wichtigsten Argumente  für die Alkoholgegner.

Eine Abbildung zur besonderen Krankheitsanfälligkeit von Alkoholkonsumenten liefert ausgerechnet eine Karte der abstinenten Militärabteilung Mühlhausen. Unter der Überschrift „Was wir wollen“ heißt es dort u.a. auf der Rückseite der Karte:

Abstinente Militär-Abteilung

2. Opfer der Trinksitte aus ihren Fesseln zu befreien und wieder zu tüchtigen Soldaten machen.

4. Nach Kräften dahin wirken, daß wir Deutsche im Wettkampfe der Völker das nüchternste,  tüchtigste und wehrfähigste Volk werden und bleiben.

Abstinente Militärs gehörten in einer Organisation, die für ihre exzessiven Trinksitten verschrien war (vergl. auch den folgenden Abschnitt "Alkohol und Militär"), zu den Exoten und versuchten ihren absonderlichen Status durch extensive militärische Betonung und unverkennbaren Chauvinismus – erfolglos – zu kompensieren [72].

Die Argumente gegen den Alkohol wegen seiner individuellen Schädlichkeit waren schwerwiegend: Hoppe bspw. listet potentielle Erkrankungen an Magen, Herz, Kreislauf,  Gehirn, Nerven, Haut, Gefäßen, Muskeln und Blut auf. Es bleibt kaum ein Organ von der Intoxikation durch den Alkohol ausgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche konkreten Schädigungen auch tatsächlich auftreten, steige, so Hoppe, mit regelmäßigem Konsum. An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert.

Dieser permanente Konsum, so hatte A. Forel untersucht, mache quasi das Wesen des Alkohols aus:“Die Gewöhnung und das Trinkverlangen, diese beiden ersten Symptome der chronischen Alkoholvergiftung, verbunden mit der angenehmen Lähmung des Unlustgefühls und mit dem angenehmen Geschmack, den der täglich Trinkende an den alkoholischen Getränken immer mehr findet, bilden die Grundlagen des tückischen, sirenenhaften [sic] Wesens des Alkohol“

Die für einen Wissenschaftler ungewöhnlich emotionale Wahl der Adjektive ist nicht nur der Leidenschaft geschuldet, mit der Forel Zeit seines Lebens für Abstinenz gekämpft hat, sondern womöglich auch ein Ausdruck von Unklarheit, nicht zu verstehen, dass es Menschen gibt, die dem Alkohol ein Rauscherlebnis abgewinnen, dass sie lebenslang an diesen Stoff bindet.

Diese alkoholische, berauschende Wirkung war und ist nicht nur für Wissenschaftler wie Forel unbegreiflich, sondern auch für die meisten Vorkämpfer der Abstinenz. Nüchtern, diszipliniert und nicht selten asketisch lebend verfügten sie über eine Selbstkontrolle, die vielen Menschen abging, ganz unabhängig von ihrer sozialen Stellung in der Gesellschaft. Ein intellektuelles Verständnis oder wenigstens ein Gefühl  für die mächtige, emotionale Wirkung des Alkohols besaßen sie i.d.R. nicht.

Darum blieben sie unfähig, sich in die Gefühlswelt eines Trinkers hineinversetzen zu können, der zwar verstandesgemäß die vernünftigen Argumente der Alkoholgegner nachvollziehen konnte. Dessen individuelle Wahrnehmung damit aber nicht in Überstimmung zu bringen war und der sich nicht seines erfolgreichen Allheilmittels berauben lassen wollte. Und darum mit Abwehr und Widerstand auf die Kampagnen der Abstinenten reagierte.

Diese AK von 1901 dokumentiert den ungewöhnlichen Versuch, die irrationale Heimsuchung des Krake  Alkohol mit Vernunft und objektiver Wissenschaftlichkeit zu kombinieren:

Hunderttausend Arme ...

„Mögen hunderttausend Arme

Drohend immer uns umschlingen, 

Nichts soll uns vom Weg der Wahrheit,  

Den Vernunft uns lehrte, bringen.“

 Nur diejenigen, die selber ein Opfer dieses Elixiers geworden waren, wussten wie machtvoll der Alkohol die Menschen in seinen Bann schlagen konnte; sie quasi wie ein Krake umschlang. Das Problem war jedoch nicht nur die empathische Unzulänglichkeit der Alkoholgegner, sich in die Welt der Trinker hineinversetzen zu können, sondern ihr fast messianischer Ehrgeiz ihre persönliche Nüchternheit zu einem allgemein gültigen Verhaltenskodex erheben zu wollen. So blieben ihre Argumente für Abstinenz ausschließlich an den Verstand und die rationale Einsichtsfähigkeit der Menschen gerichtet.


Alkohol und die „Soziale Frage“

Fragen danach, warum Menschen sich dem Diktat des Alkohol unterwerfen, wurden, wenn überhaupt, ausschließlich rational beantwortet. Auch wenn man zu erkennen glaubte, dass ein wesentlicher Grund  für das Trinken in der gefühlten Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten über ihre soziale Lage zu suchen war, definierte man die Ursachen dafür erneut als von außen bestimmte Phänomene. Dementsprechend plädierte das Organ der katholischen Industriellen und Arbeiterfreunde, das „Arbeiterwohl“, für die Forderung:

„Die Außenwelt (Lebenshaltung in Nahrung, Kleidung, Wohnung, Arbeitsart und Arbeitsbedingungen, gesellschaftliche Stellung, Familienleben und geselliger Verkehr, Ermöglichung geistiger Genüsse) ist so zu gestalten, daß die nähere Umgebung dem Menschen möglichst viele Lustgefühle erweckt und Unlustgefühle erspart…“[73] Denn von außen erzeugte Unlustgefühle waren als wesentliche Ursache für übermäßigen Alkoholkonsum ausgemacht.

Einer der bedrückendsten Lebensumstände, der bei breiten Teilen der Bevölkerung „Unlustgefühle“ erzeugte, war die Wohnungsnot. Die folgende Karte ironisiert diese Zustände in zynischer Weise:

die Wohnungsnot

Die Wohnungsnot

Im engsten Wohnungsnotquartier - Haust hier beisammen Mensch und Tier.

So wird der Wohnungsnot begegnet - Wenn´s blos nicht in die Bude regnet.


Quer durch die politische Landschaft waren sich die Alkoholgegner einig, dass der Alkohol über „die Unzufriedenheit, ein mit der geleisteten Arbeit in absolut keinem Verhältnis mehr stehendes Leben weiter führen zu (müssen)“ und „den Aerger sich wieder in adäquate Verhältnisse zurückversetzt zu sehen“ [74], hinweg tröstet.

Auch im  „Arbeiterwohl“ werden die „das Gemüth niederdrückende äußeren Lebensverhältnisse“ für den Alkoholkonsum verantwortlich gemacht und dass es nicht wundern muss, wenn „die Mehrzahl der unter solchen sozialen Mißständen Leidenden, besonders in den unbemittelten arbeitenden Klassen, sich sozusagen gezwungen sehen, gewohnheitsmäßig zu geistigen Getränken zu greifen“.[75]

Wo die bürgerlichen Alkoholgegner noch soziologische Erklärungen für die Trinkgründe suchten, präzisierte das linke Spektrum unverhohlen antikapitalistisch: “Der Kapitalismus hat nicht nur durch lange Arbeitszeit, durch niedrige Löhne, durch schlechte Arbeitsbedingungen (…), physisches Elend aller Art gezüchtet – er hat der Arbeit auch den Geist ausgetrieben, geistiges Elend in hohem Maße geschaffen. (…)

Wo die Arbeit zur Plage geworden und als unerträglich empfunden wurde, mußte das Bestreben wachsen, die fehlenden Empfindungen des Wohlbehagens künstlich zu schaffen. Ob es die Schwere, ob es die geistige Öde und Leerheit der Arbeit war oder das drückende Gefühl der Abhängigkeit(…), es rief beim Arbeiter das Verlangen nach einem Mittel wach, das geeignet schien, ihn  aus der drückenden Schwere und geistigen Leerheit und Abhängigkeit herauszuheben. Und das Mittel dazu fand sich im Alkohol.“[76]

Für die bürgerliche Abstinenzbewegung wie für den Arbeiter-Abstinentenbund war damit klar, dass die Klärung der „sozialen Frage“ ein Schlüssel zur Lösung des Alkoholproblems war. Dass exzessiver Alkoholkonsum auch auf mangelnden Selbstwert, elementare Ängste und gestörte familiäre Beziehungsmustern der Konsumenten zurückzuführen war, lag außerhalb der wissenschaftlichen, sozialen und politischen Vorstellungswelt der Alkoholgegner. Die Außenwelt stand im Fokus, die innere Welt des Trinkers blieb Tabu.


Der Grund, diese psychischen Bedingtheiten unberücksichtigt zu lassen, bestand zum einen darin, dass die Psychologie noch eine junge Wissenschaft war, die ihre Kompetenz und Akzeptanz im Reigen der etablierten Forschung und Theoriebildung erst noch erwerben musste. Zum zweiten aber in der grundsätzlichen Missachtung der Tatsache, dass menschliches Verhalten wesentlich auch durch unbewusste, emotionale Prozesse gesteuert wird. [77]

Dass die Alkoholfreunde einmal mehr gänzliche andere Ideen von der Lösung der „sozialen Frage“ hatten, sei hier als ein weiteres Kuriosum angemerkt. Wieder einmal sahen sie im Alkohol nicht die Ursache des Problems, son

die soziale Frage ist gelöst AK - 1905

Die soziale Frage ist gelöst!

Gebt allen Menschen Bier und die Klassengegensätze sind aufgehoben!


Alkoholkonsum und soziale Wirkung

Der zweite bedeutsame Gegenstand der Alkoholismus-Forschung lag bei den zahlreichen indirekten Auswirkungen des Alkoholkonsums auf die Gesellschaft und das soziale Umfeld der Trinker.

Typische Zusammenhänge wurden zwischen


Auch diese Argumentationslinie, zielte auf die rationale Erkenntnisleistung des Menschen ab. Ein Stoff, der solche negativen Begleiterscheinungen mit sich bringt, gehört eigentlich verboten.  Dabei wurden, neben den fachlichen Experten, gerne auch anerkannte Autoritäten bemüht, die sich gegen die althergebrachten Trinksitten und Legenden über die vermeintlich hilfreichen Wirkungen des Alkohols aussprachen.

Der Kampf gegen Trinkzwang, Zuprosten, alkoholische Initiations- und Mannbarkeitsrituale, Wettkampftrinken u. a.  zielte gegen die traditionelle Selbstverständlichkeit mit der Alkohol zum Kulturgut und akzeptierter Gesellschaftsdroge geworden war. Diese Tatsache wurde von der Alkohollobby und ihren Parteigängern immer wieder als definitives Argument für die unverzichtbare Zugehörigkeit des Alkohols zur deutschen Lebensart ins Feld geführt.

Ein Stoff also, der nicht nur Inbegriff deutschen Brauchtums und deutscher Identität war, sondern auch noch nützlich und hilfreich im Alltag. Als Kraft- und Energiebereiter, Muntermacher, Durstlöscher, Wärmespender, Medizin und soziales Schmiermittel wurde der Alkohol zu einem Allheilmittel erkoren, an dem sich die Antialkoholbewegung die Zähne ausbeißen sollte.

In der folgenden Abbildung räumt der berühmte Polarforscher Fritjof Nansen mit dem Märchen auf, dass Alkohol den Körper zu besonderen Leistungen stimulieren könne [78]:

AK Polarforscher Nansen


Alkohol und Militär

Auch der Kaiser, Wilhelm II., wurde – nicht ganz zu Unrecht – zum Unterstützer einer abstinenten Lebensführung und Kritiker der deutschen Trinksitten [79]  ausgerufen:      

„Ich weiß sehr wohl, daß die Lust zum Trinken

ein altes Erbstück der Germanen ist.  

Wir müssen uns aber in jeder Beziehung

durch Selbstzucht von diesem Übel befreien.“

Auch dem Kaiser musste eigentlich klar sein, dass er ausgerechnet seine Edelkomparserie, das Militär, kaum für maßvolles Trinken würde gewinnen können. Das Kriegshandwerk war schon immer berühmt für seine exzessiven Trinkgewohnheiten und „die alte Anschauung, der Soldat müsse auch im Trinken ein Held sein“ [80] galt nach wie vor:   

im Marinekeller ...

Wettkampftrinken im „Marinekeller“

Der Sieg über Frankreich im deutsch-französischen Krieg 1870/71 scheint weniger das besondere Verdienst der überlegenen deutschen Waffen als des großen Transformators Alkohol gewesen zu sein, der es offenbar geschafft hatte, selbst Hasenfüße in Helden zu verwandeln. So jedenfalls kolportierte es, der uns aus seinen Selbstversuchen [81] bekannte Rentier, Alfred Smith: „Wenn wir keinen Alkohol gehabt hätten, wo hätten wir Deutsche den Mut haben können.“ [82]    

Wir halten`s aus!

„Wir halten`s aus!

Bei Bier und Wein, Zigarrendampf,

da zieht sich`s fröhlich in den Kampf!“

Der deutsche Cognac-Hersteller Asbach hatte eine ganze Serie von Feldpostkarten produziert, die geradezu entwaffnend direkt dem unverzichtbaren Mutmacher Alkohol ein Denkmal setzten. Der Text von der nächsten Karte stammte aus der Feder eines anonymisierten Unteroffiziers P.D.

Asbach-Soldat

Aus der Asbach-Kriegsmappe:

Mit Oel da putz ich mein Jewehr

Det Schloß, den Lauf, die Seele

Und wenn ick damit fertig bin

Denn netz ick meine Kehle

Mit Asbach Uralt Jungeken

Det stärkt mir Herz und Lungeken.

Kommt mit die nächste Offensief

Der große Scheneral Joffre* 

Ick weß det geht schonst wieder schief  

Ick lang mang meinen Koffer,

Nehm „Uralt“ einen Schluck und dann 

Verhau ich den Franzosenmann!

* Joffre: Befehlshaber der französischen Armee im 1. Weltkrieg. Vereitelte durch seinen strategischen Rückzug, die von den Deutschen geplante Einkreisung und stoppte den deutschen Vormarsch.

Die Schnaps-Konkurrenz ließ sich angesichts dieses Patriotismus natürlich nicht lumpen und reagierte mit dem eigenhändigen Gedicht eines Frontsoldaten, der gleich mit seinem vollen Namen zeichnete, Otto Böttger. Einschränkend muss gesagt werden, dass es sich bei ihm allerdings nur um einen Edelreservisten, der Ersatzreserve handelte:      

Bitter-Soldat

 Hertrichs Bitter:

Ich stehe hier im Schützengraben

Im Schrapnellfeuer und Granaten,

Im Regen und im Sturmgebraus, 

Bin bis auf`s Hemd naß wie `ne Maus,

Rumor`n tut`s in Gedärm u. Magen, 

Zu Mut ist`s mir, kaum zu ertragen.

Doch halt was hab ich in der Tasche

Von „Hertrich Bitter“ eine Flasche

Ein kräft`ger Schluck zum Butterbrot Bringt alles wieder in`s rechte Lot

Angesichts dieses geheimnisvollen Zaubertranks, zeigt sich die Vorschrift des österreichischen Militärs ihren Soldaten im Kriegsfall täglich 1/2l Wein, 3/4l Bier oder 0,6l Rum zu verabreichen in einem ganz neuen Licht [83].            

frisches Löwenbräu

Nachschub für die Front!

Hätte der deutsch-österreichische Krieg 1866 womöglich gar nicht erst stattgefunden, wenn es keinen Alkohol gegeben hätte? Weil sich von den Österreichern keiner mehr an die Front getraut hätte?  

Die folgende Karte zeigt die ganze Kehrseite militärischer Besäufnisse:    

„Kapituliert“

Kapituliert!

Diese Soldaten sind schon vor der Schlacht geschlagen

Das scheint allerdings kein Wunder, wenn - wie die folgende Karte demonstriert - Trinken im Dienst an der Tagesordnung war:

ein alter Knochen

Ein alter Knochen, wie Ihr wißt,

Beim Dienst das trinken nicht vergißt!

Die ungewöhnliche Vielfalt der alkoholischen Wirkung, die angeblich sogar über einen Frieden stiftenden Effekt verfügen soll, veranschaulicht die nächste Karte aus dem Jahre 1897. Gambrinus, der Gott des Bieres, als Friedensstifter Europas:

Gambrinus, der neue Europäische Friedensstifter, befiehlt § 11:

Europas Einigung!

"Es wird weiter gesoffen!"


Wie dem auch sei; die Beispiele machen deutlich, dass ein maßvoller  Alkoholkonsum beim Militär kaum so schnell zu erreichen war. Da konnte der Kaiser noch so oft das Thema in seinen Reden ansprechen und seinen Soldaten sogar empfehlen den Guttemplern beizutreten! [84].

Immerhin konnte Wilhelm II. auf den grundsätzlichen Respekt seiner Person zählen. Das lag nicht nur an der eingefleischten Monarchie-Begeisterung seiner Untertanen, sondern auch daran, dass er selber einem guten Glase nicht abgeneigt war. Wenn er seine Regimenter besuchte oder Reden vor seinem Offizierskorps hielt, wurde das mit Alkohol begossen [85]. An jedem  27. Januar eines Jahres wurde bis in die kleinste militärische Einheit Kaiser`s  Geburtstag gefeiert und dieser Tag endete nicht selten in ordinären Saufgelagen.


Mäßige Trinker…

Diese unterschiedlichen Botschaften des Kaisers – Enthaltsamkeit einerseits und Trinkgelage andererseits –  kennzeichnen das Dilemma vor dem alle Mäßigkeitsverkünder standen. Für mäßigen Alkoholkonsum gab es paradoxerweise kein Maß. Jeder der trinken wollte und trank, definierte einfach seinen persönlichen Konsum als mäßig. Solange er nicht Haus- und Hof vertrank und einigermaßen seine Arbeit verrichtete, lag er damit theoretisch richtig. Schließlich gilt bis in unsere Tage der altbekannte Spruch, „Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann!“

Also ging es zunächst darum, ein Maß der Mäßigkeit zu finden. Jener Dr. Pieper, der sich in seinem Vortrag über die Mäßigkeitsbestrebungen in Deutschland so klar gegen die Verunglimpfungen seiner Kampfgenossen durch die Alkoholfreunde gewendet hatte, entwickelte auch sehr moderne Auffassungen über Trinkmengen und Schädlichkeit.

„Ganz falsch ist es, das Maß nach der Menge zu bestimmen, die einer glaubt `vertragen zu können´. Der tägliche Genuß von 30 – 45 gr absoluten Alkohol (½ Liter leichten Wein oder 1 Liter Bier) dürfte für normal starke erwachsene Männer als noch unschädlich erscheinen.[86] Auch wenn die unbedenkliche Menge nach heutigen Erkenntnissen etwa die Hälfte des Pieper`schen Maßes beträgt, so hat sich an den Grundlagen seiner Einschätzung nichts verändert. Nämlich, „daß die allgemeine Beseitigung jeden Alkoholgenusses eine Utopie bleiben muß.“

Darum „(fordern) die Mäßigkeitsbestrebungen nicht allgemein die völlige Enthaltsamkeit von allen alkoholischen Getränken, sondern vor allem durchweg nur, daß der Genuß geistiger Getränke sich innerhalb der vernunftgemäßen Schranken halte“.

Mit diesem Grundsatz bewegte sich Pieper auf dem Niveau der heutigen kritischen Alkoholbewegung, die eigentlich nicht mehr den konsequenten Alkoholgegnern zugerechnet werden kann, weil sie den Traum von einer alkoholfreien Gesellschaft längst zu den Akten gelegt hat.

So fortschrittlich wie diese Vorkämpfer einer Vernunft bestimmten Mäßigkeit waren, zeigten sie sich auch in der Kritik ihrer „Kampfgenossen“. Wer ausschließlich „moralisch, seelsorgerisch“ gegen den Alkoholmissbrauch argumentiert, wird „nicht bloß zum guten Theile erfolglos (bleiben), sondern artet auch erfahrungsgemäß leicht in Einseitigkeiten und Uebertreibungen aus“. 

Der Vorteil, den sich die Mäßigkeitsverkünder von ihrer grundsätzlichen Akzeptanz des Alkohols als Genussmittel erhofften, war, nicht ausschließlich Abwehr und Widerstand bei ihrer Zielgruppe zu erzeugen und damit an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Um nicht als „lederne Gestalten und Sonderlinge“ verhöhnt zu werden, begaben sie sich allerdings auf ein Glatteis, auf dem auch sie ausrutschen sollten.

Tatsächlich traf Pieper mit seiner Kritik an der moralisch-seelsorgerischen Anti-Alkohol-Strategie nur mehr einen kleinen Teil der Alkoholgegner wie bspw. das Blaue Kreuz. Die meisten anderen Gruppen hatten sich längst die medizinisch-wissenschaftlichen Argumente der modernen Alkoholforschung zu Eigen gemacht.

Die strategische „Einseitigkeit und Übertreibung“ der Abstinenten resultierte nicht aus einem vermeintlich moralischen Begründungszusammenhang, sondern aus den unterschiedlichen Konsequenzen – Mäßigkeit oder Abstinenz – die jede der zahlreichen alkoholgenerischen Gruppen aus den Ergebnissen der Alkoholforschung zog. Dem lag eine prinzipielle Scheidelinie zugrunde, die letztlich einen unüberwindbaren Graben zwischen beiden Gruppen zog. Eine Trennung zwischen der generellen Akzeptanz des Alkohols als menschliches Genussmittel und eben dieser Ablehnung.


…und Abstinente im Zwei-Fronten-Krieg

Für die radikalen Alkoholgegner stand die Sache naturgemäß noch schlechter. Sie verfügten weder über Amt und Würden eines Kaisers noch wurden sie von der Masse der Bevölkerung ernstgenommen. Sie hatten vollständig das Image von Spielverderbern, Besserwissern und blieben letztlich Außenseiter. Mit ihrer Forderung „sogar volle Enthaltsamkeit als einziges Mittel, um dem Alkoholismus zu entgehen (und) die Abstinenz als allgemeine Pflicht“ zu erheben, „nehmen (sie) nicht selten einen zudringlichen und bevormundenden Charakter an. (…) (und werden) durch diese Fehler (..) heute in großen Kreisen der Bevölkerung als etwas durchaus Lächerliches angesehen.“[87]

So sprach nicht etwa ein erklärter Befürworter des Alkohols, sondern einer der eigenen Parteigänger.

Trotz dieser nachvollziehbaren Kritik an ihren Abstinenzkollegen blieben auch die „Mäßigen“ unerwartet im Kreuzfeuer. Sie mussten sich nicht nur Hohn und Spott der Alkoholfreunde, sondern auch die Ironie ihrer Kameraden von der Abstinenzfront gefallen lassen. Die Trinker wollten sich naturgemäß nicht den Rausch vermiesen lassen und machten sich über die „Temperenzler“ lustig.

Und die Puristen, die wahren Abstinenten, warfen ihnen Halbherzigkeit und Lauheit vor. „Wer mir da mit dem Vorschlage der Mäßigkeit kommt, den frage ich, warum er nicht auch bei der Erziehung zur Wahrheit, Offenheit, Ehrenhaftigkeit sich mit Mäßigkeit begnüge“, kritisierte einer der Teilnehmer des Alkoholgegnertages seinen „mäßigen“ Vorredner [88].

Mäßigkeitsapostel, „die täglich 2 - 3 l Bier trinken“ und das normal fanden und Mediziner, die einen Braumeister, der täglich 6 – 7- l Bier trank, nicht als übermäßigen Trinker definierten [89], waren für eine nüchterne Zukunft kaum zu gewinnen oder um es mit einem klassischen Trinkerwort zu sagen: bei denen war selbst im Kampf um Mäßigkeit Hopfen und Malz verloren!

Dann lieber einen ehrlichen Säufer als einen bigotten Trinker, der andere zur Mäßigkeit aufrufen will. Und darum verabschiedeten sich die Abstinenten von der schwammigen Mäßigkeitsforderung und den alkoholisierten Gehirnen einiger halbherzigen Anhänger.

Mit dieser Linie blieb man zwar unter sich, aber wenigstens glaubwürdig. Und Glaubwürdigkeit sollte eines der Pfunde sein, mit dem die Abstinenten wuchern konnten. Die Versuche der Alkoholiker, den „Abstinenzlern“ Pharisäertum nachzusagen, scheiterten auf ganzer Linie. Vorbild für Nüchternheit und alkoholfreie Lebensführung war ein Gebot der Abstinenzbewegung, die deren Mitglieder eisern befolgten oder sie mussten – wie bei den Guttemplern – ihre Mitgliedschaft bei der IOGT aufkündigen. In diesem Sinne publizierten die Guttempler auch eine Postkarte, auf der sie – einmal mehr – mit einer fachlichen Autorität punkten wollten. Dass sie dabei nur dem schönen Schein alkoholgegnerischen Gehabes aufgesessen waren, steht auf einem anderen Blatt.

In dieser Hinsicht fühlten die Guttempler ziemlich schmerzfrei; sie hatten auch kein Problem damit, ausgerechnet den alten Säufer Bismarck in die Front der anti-alkoholischen Gegnerschaft einzureihen wie wir später noch sehen werden:

Guttempler zum Alkoholgenuss

Was ist mäßiger Alkoholgenuß?

Die Wissenschaft ist völlig außerstande, eine Tagesdosis anzugeben, die als sicher für alle unschädlich angesehen werden könnte. (…)

Sicher aber ist, daß Tausende, Hunderttausende, Millionen von „Mäßigen“, ohne es zu ahnen oder sich eingestehen zu wollen, am Alkohol siechen; (…)          

Sicher ist auch, daß die widerstandsfähigeren „Mäßigen“ die schlimmsten Lockvögel für die Masse der     armen Gimpel sind.    

Hofrat Prof. Dr. M. Gruber, München

Nun ist das Argument des Lockvogels nur insofern sattelfest, wenn man von einer eingeschränkten Eigenverantwortlichkeit der Alkoholkonsumenten ausgeht. Und zweifellos trägt der regelmäßige Konsum von Alkohol dazu bei, den individuellen, ev. schädlichen Umgang mit diesem Trank zunehmend unkritisch zu betrachten. Gewöhnungsprozesse und temporäre Selbstüberschätzung sind die Ursachen dieser herabgesetzten Entscheidungsfähigkeit.


Magere Bilanz der Alkoholgegner

Nachteiliger in der Auseinandersetzung mit den Mäßigen und den Alkoholbefürwortern insgesamt wirkte sich allerdings die schlichte Gleichsetzung zwischen Alkoholmissbrauch und Alkoholismus aus. Nur wer Alkohol trinkt, kann auch in die Gefahr geraten, Alkoholiker zu werden. Umgekehrt gilt: wer nicht trinkt, kann auch nicht alkoholkrank werden. So überzeugend wie dieses Argument für die Abstinenzforderung schien – und darum verwendeten es die radikalen Alkoholgegner auch gerne – so fehlerhaft war es in Wirklichkeit.

Die Totalabstinenten steckten in einer Bredouille, ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn nicht alle Trinker werden zwingend zu Alkoholiker. Warum also sollten dann gleich alle Menschen den Alkohol gänzlich meiden? Zu einer aufgeklärten und informierten Gesellschaft gehörte auch das Recht, über seinen Konsum selbst bestimmen zu können. Und die Tatsachen, mit denen Wissenschaftler und Prominente die Legenden über den Alkohol zerstörten, waren schließlich keine Argumente gegen das Trinken an sich.

Selbst wenn die Behauptung, der Alkohol sei zu nichts Nutze, wahr wäre und jeder bei dauerhafter Nüchternheit auf nichts zum Leben Notwendiges verzichten müsse [90], war das für die Trinker nicht überzeugend. Alkohol bedient eben nicht nur Logik und Verstand, indem er beides kurz- und langfristig außer Kraft setzt, sondern auch die emotionale Befindlichkeit und die Gefühlswelt der Konsumenten. Genau darauf wollen diese aber nicht verzichten, ob das nun lebensnotwendig war oder nicht.

Bunge

Prof. Dr. Gustav Bunge:

"Ich behaupte, ein Mensch, der auf die alkoholischen Getränke verzichtet, entbehrt gar nichts"

Damit offenbarte sich der bereits zuvor beschriebene inhaltliche Mangel [91] bei den Alkoholgegnern: die unklare Begriffsbestimmung des Alkoholismus und die verhängnisvolle Gleichsetzung von Alkoholmissbrauch mit Alkoholismus. Eine differenzierte und damit überzeugende Agitation konnte so nicht entfaltet werden. Zu pauschal blieben die Argumente gegen die schädlichen Auswirkungen des Alkohols und zu simpel damit der Kampf gegen die Verteidiger des Rauschgetränks.

Nur eine Minderheit der Konsumenten zeigte tatsächlich die organischen und psychischen Krankheitserscheinungen, die sich nach übermäßigem, bzw. regelmäßigem Alkoholverbrauch ergeben; die meisten Menschen tranken kontrolliert und ohne dramatische Folgen für sich und ihr soziales Umfeld.

Weil diese aber ebenso im Fokus der Alkoholgegner standen wie auffällige Trinker und Alkoholkapital und - wie wir oben gesehen haben - sogar als „die schlimmsten Lockvögel“ gebrandmarkt wurden, wehrten sie sich vehement gegen diese in ihren Augen unzulässige Stigmatisierung. Damit stärkte man, ohne es zu wollen, nur die Interessen des Alkoholkapitals und die Polemiken gegen die alkoholgegnerische Bewegung stießen auf offene Ohren.

Mit der hartnäckigen Fixierung auf medizinische Forschung und wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse begrenzten die Abstinenten zusätzlich ihre Argumentationsvielfalt auf ausschließlich rationale Erkenntnisleistungen. Die Missachtung der emotionalen Komponenten für das Trinken und die unbewusste Abneigung gegenüber der Transformationsmacht des Alkohols machte die Agitation eindimensional. Ohne aber die Motivation der Konsumenten zu erreichen, war der Kampf zum Scheitern verurteilt.

Hier offenbaren sich auch historisch bedingte Ursachen für die mangelhafte Überzeugungsarbeit der Alkoholgegner und ihr letztlich erfolgloses Bemühen den Alkoholkonsum zu nachhaltig zu reduzieren. Der Hass [92] mit dem sich die Protagonisten gegenseitige bedachten und die kriegerischen Formen der Auseinandersetzung waren nicht nur der Unversöhnlichkeit der Positionen geschuldet. Sie waren auch Ausdruck einer Auseinandersetzungskultur dieser Epoche.

Meinungsstreit zielte auf die Kapitulation der Kontrahenten ab und wenn diese nicht wollten, mussten sie mit ihrer (verbalen) Vernichtung rechnen [93]. Widerstand zu vermeiden und Abwehr abzubauen waren keine selbstverständlichen Strategien damaliger Auseinandersetzungsformen.

Das Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ offenbarte sich in einem Frontalangriff gegen alle die tranken und die daran verdienten. Mit dieser Gleichmacherei ignorierte man fundamentale Interessensunterschiede zwischen diesen Zielgruppen. Noch bedeutsamer waren die ideologischen Differenzen zwischen den kontrolliert Trinkenden und den „Säufern“. Und natürlich gab es zwischen diesen noch eine erhebliche Grauzone von unterschiedlichsten Konsumenten mit mannigfachsten Neigungen zum Alkohol.

Ein schwerer Trinker oder gar ein Alkoholiker braucht seinen Stoff; er kann gar nicht anders als Widerstand bis zum Letzten zu leisten. Die große Gruppe der anderen Konsumenten, könnte i.d.R. anders, will sich das aber nicht von einer Minderheit vorschreiben lassen. Das elementare Bedürfnis nach Selbstbestimmung korrespondiert mit dem subjektiven Wohlgefühl des Genusses und der Erfahrung, dass der Alkohol Wünsche erfüllen kann. Eine derartige Kombination stärkster Motive erzeugt enorme Energien, sich gegen jeden Angriff zu verteidigen. Den Alkoholgegnern fehlte fatalerweise jeder Sinn für eine Differenzierung ihrer Zielgruppen und deren Motive. Aber der wäre angesichts historisch-bedingter Gepflogenheiten auch eher als Zeichen eigener Schwäche zu interpretieren, denn als taktisch kluger Schachzug in einer ideologischen Auseinandersetzung zu werten.

Dadurch dass sich die Alkoholgegner ausschließlich auf rationale Begründungen konzentrierten, beraubten sie sich unabsichtlich den Perspektiven einer differenzierten Betrachtungsweise. Ihre Überzeugung sich in einer aufgeklärten, nüchtern denkenden Welt auch nur mit rationalen, vernunftgemäßen  Argumenten durchsetzen zu können, amputierte eine komplexe Argumentationsstrategie und erreichte weder die Gefühle noch die Motive der trinkenden Menschen. Und mit der „Hau-Drauf-Methode“, die einem zeittypischen Dogmatismus geschuldet war, schürte man zusätzlich Widerstands- und Abwehrverhalten all derjenigen, die man vielleicht noch hätte gewinnen können.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor in der Auseinandersetzung war das immanente Interesse des Staates und der Kapitalisten an einer Beibehaltung der alkoholförderlichen Trinksitten. Wir haben schon im Abschnitt „Alkohol und Militär“ festgestellt, dass Alkohol trinkende Soldaten widerspruchsloser ihren elenden Lebensumständen und der permanenten Todesdrohung begegnen.

Nicht anders stellte sich die Lage für die Arbeiterklasse dar. Wenn winzige, unhygienische Behausungen, schlechte Ernährung, geringer Lohn bei exorbitanter Arbeitszeit, mangelhafte gesundheitliche Versorgung u.v.m. nicht Widerstand und Kampf hervorbringen sollten, musste man den Menschen ein wirksames Betäubungsmittel verabreichen, das sie dieses Elend leichter ertragen ließ. Dieses Mittel war und ist der Alkohol. Indem Staat und Kapital ihr Interesse an der Aufrechterhaltung der Trinksitten erfolgreich verschleierten, verstärkten sie das Abwehrbollwerk der Alkoholverteidiger, ohne dass dieses für den Einzelnen deutlich erkennbar gewesen wäre.

Von den alkoholkritischen Bemerkungen Kaiser Wilhelm II. haben wir oben schon gelesen; er war aber nicht der einzige Staatsvertreter, der den Nutzen von Staat und Kapital am Alkoholkonsum der breiten Volksmassen bemäntelte. Auch der ehemalige Reichskanzler Bismarck, ein Großgrundbesitzer, der mit seinen Ländereien gewaltige Profite durch den Getreideverkauf erzielte, half kräftig mit bei dieser Vernebelungsstrategie. Ausgerechnet dieser Fürst, der selbst ein schwerer Trinker war, wurde von den Guttemplern als Protagonist alkoholgegnerischer Ziele zitiert.[94]

Bismark Trinkteufel

Bismarck liefert hier eine völlig andere Interpretation zur „Sozialen Frage“. Nicht die prekären Lebensbedingungen der Arbeiterklasse sind die Ursache für Unruhe und politische Kämpfe, sondern der „diabolus germanicus“, der deutsche Trinkteufel - der doch schon von Luther zum Sündenbock erklärt worden war - treibt die Menschen ins Wirtshaus und in die Verbitterung.  Es wundert  nicht, dass  B. einer Ideologie der  „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ anhängt. Aber dass der Guttempler-Orden ein unter dem Deckmantel des Alkoholgegners konservatives Gedankengut verbreitet erstaunt dann doch.


 Wenigstens fielen nicht alle Abstinenten-Gruppen auf diese Tricks herein, wie das Beispiel des DAAB zeigt. In einem Flugblatt entlarvt er die Absichten von Staat und Kapital, die Arbeiterklasse mittels Alkohol vom Kampf um ihre Interessen abzuhalten[95]

Syndikus Dr. Kuhlo
Prof. v. Treitschke
Viktor Adler

Victor Adler:

Einflussreicher Österreichischer Sozialdemokrat und Alkoholgegner


Resümee

Das traurige Ergebnis eigener Fehler und der strategischer Schachzüge der Alkohol-Lobby war: kaum eine politische Forderung zur Eindämmung des Alkoholkonsums konnte durchgesetzt werden.

Egal, ob es um die Einschränkung der Verfügbarkeit [96], die Verteuerung des Stoffes [97] oder gar eine Prohibition [98] ging.

Hinzu kam die Zersplitterung der alkoholgegnerischen Vereine und Verbände. Sie rieben sich auf in einem Zwei-Fronten-Krieg; sie schwächten sich gegenseitig, indem sie ihre Energien im Kampf um die einzig richtige Forderung verpulverten [99]. Damit fehlte ihnen die nötige Dynamik um ihre Kräfte zu bündeln und geschlossen die verhängnisvollen deutschen Trinksitten zurückzudrängen.

Dennoch, die Energie, die Hartnäckigkeit und Ausdauer mit der die Alkoholgegner in einer – im wahrsten Sinne des Wortes – alkoholvergifteten Atmosphäre, den Kampf gegen einen schier übermächtigen Feind geführt haben, nötigen Respekt ab. Sie haben immerhin öffentlichkeitswirksam und mit hoher Intensität eine einzigartige Debatte um den Alkohol, seine Funktion und Auswirkung initiiert, die heute noch Vorbild sein könnte. Die Toleranz, oder sollte man sagen Ignoranz, mit der heutzutage alkoholisches Grenzverhalten begleitet wird, wäre damals undenkbar gewesen.

An der gefahrvollen Transformationsmacht des Alkohols hat sich nichts geändert und seine Suchtpotenz wirkt wie eh und je. Seine enthemmende Wirkung und der Kontrollverlust beim Trinken erzeugen nach wie vor Rücksichtslosigkeit und Gewalt. Die Menge des konsumierten Alkohols - damals wie heute - ist, von einigen Schwankungen während der Weltkriege unterbrochen, praktisch unverändert geblieben [100]. Was also, wenn nicht eine ausgeprägte Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlichen Missständen, ist die Erklärung für die jetzige, unausgesprochene Akzeptanz mit der dem Alkohol begegnet wird?

Möglich, dass die Alkoholgegner, die ja nach wie vor existieren, resigniert haben vor der ökonomischen Macht und dem Alkoholkapital, die systematisch und erfolgreich jede Beschränkung des Rauschmittels Alkohol bekämpfen und verhindern. Einer der wenigen poltischen Vorstöße, den Verkauf von alkoholhaltigen Getränken in Tankstellen zeitlich zu beschränken [101] , ist nach einem wahren Trommelfeuer der Alkohollobby auf zahllose, regionale Abgeordnete des Deutschen Bundestages, sang- und klanglos aufgegeben worden.

Gerechtfertigt ist diese Friedhofsruhe in der Alkoholfrage jedoch durch nichts. Der Zusammenhang zwischen Alkohol und Straftaten ist eklatant und hat astronomische Ausmaße angenommen, so dass der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Bernhard Witthaut, im Zusammenhang mit der Präsentation des Drogenberichtes 2011, den laxen Umgang mit Alkohol kritisiert [102], um seine Polizisten im Außendienst zu schützen.

Von der Bereitschaft und Überzeugung der historischen Alkoholgegner sich in einen zentralen gesellschaftlichen und politischen Konflikt einzumischen und mitzubestimmen, könnten wir heute noch lernen. Ohne Kenntnis und Verständnis über das Wesen des Alkohols und die Motivation seiner Konsumenten und ohne diese als egoistische Hedonisten oder unfähige Normabweichler auszugrenzen, wird eine neue Bewegung von Alkoholgegnern allerdings so erfolglos bleiben wie die alte.

Vor diesem Hintergrund erscheint es mir sinnvoll, sich genauer mit den individuellen Wirkmechanismen des Alkoholkonsums und den Hoffnungen, die seine Nutzer von ihm eingelöst sehen, zu beschäftigen.



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[1] Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) legt die Richtwerte für unbedenklichen Konsum bei 10g - 12g (für Frauen) und 20g - 24g (bei Männern) tägl. Alkoholzufuhr fest. Diese Mengen entsprechen ca. 1 – 2 Gläsern (0,3l) Bier am Tag. Die  deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) lehnt konkrete Werte grundsätzlich ab, da sie regelmäßigen Konsum auch geringer Mengen Alkohol für gesundheitlich nicht unbedenklich hält.

[2 ] H.H. Ewers „Die traurige Geschichte…“ Berlin 1927; dieses Buch ist ein originelles Konzentrat aller Vorurteile und Legenden über die Prohibition in den USA. Das Schreckensszenario für das deutsche Alkoholkapital, ein totales Alkoholverbot wie in Amerika, verfolgte alle Alkoholfreunde vom alten Kontinent wie ein ständiger Alptraum. Genauso vehement wie die Alkoholgegner die Prohibition verteidigten, wurde sie von den Liebhabern des Zaubertrankes bekämpft.

[3] Neuere, ausgezeichnete Untersuchungen wurden z. b. von Hasso Spode „Die Macht der Trunkenheit“, Opladen 1993 und von Regina und Manfred Hübner „Der deutsche Durst“, Leipzig, 1994 vorgelegt. Zur Geschichte einzelner Abstinenzgruppen gibt es zum Blauen Kreuz den Versuch einer systematischen Aufarbeitung zu seinem 100 jährigen Bestehen von Heinz Klement „Das Blaue Kreuz in Deutschland“, Wuppertal, 1990. Auch über den Deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bund (DAAB) gibt es eine detailreiche Untersuchung von Franz Walter im Rahmen einer Forschungsarbeit über "Sozialistische Gesundheits- und Lebensreformverbände", von F. Walter, Viola Denecke und Cornelia Regin, Bonn 1991.

[4] In „Mäßigkeitsblätter“ vom März 1910, Mitteilungen des „Deutscher Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke (im Weiterem DVgMG“; zitiert in A. Pfleiderer, Bilderatlas zur Alkoholfrage, Reutlingen 1910: S. VI

[5] „Berühmter Vorkämpfer für Abstinenz des katholischen Kreuzbundes (s. Kapitel „Kreuzbund“)“

[6] Ein besonders krasses Beispiel dieser Art war die Hetze eines Rudolf Lebius gegen Karl May, die L. mit einer geradezu diabolischen Energie und pathologischen Hartnäckigkeit führte und die die Lebensenergie des damals 65 jährigen Karl May nachhaltig schwächte. L. war einige Jahre Mitglied der SPD und äußerte sich auch zur Alkoholfrage. Ich werde darauf noch im Abschnitt zum DAAB eingehen.

[7] Natürlich lag ein wesentlicher Grund dieser Vielfalt in einer ausgeprägten allgemeinen Tendenz zum Vereins- und Gruppenwesen in Deutschland.

[8] Zitiert in Johan Bergman: „Geschichte der Anti-Alkoholbestrebungen“, Hamburg 1925, S. 420

[9] ebenda

[10] Aus dem Programm des DVMG

[11] IOGT - Internationaler Orden der Guttempler (Gute Tempelritter); Gründungsursprung in den USA 1851 an protestantischen Organisationsritualen ausgerichtet.

[12] Popert, Jurist und - laut Tucholsky – dilettierender Schriftsteller beschreibt in seinem Roman „Harringa“ die dramatischen Auswirkungen des Alkoholkonsums und den Kampf der Guttempler gegen das Alkoholkapital und für eine nüchterne und – man glaubt es kaum – ökologische  Zukunft. „Fabrikanten und Politik haben zu fürchten, wenn freie Menschen beginnen, unbequem zu werden. Wenn sie beginnen Fragen zu stellen hinsichtlich Umweltzerstörung und –Verschmutzung aus Gründen des Profits.“ Politisch waren Popert und seine Mitstreiter deutsch-national orientiert und hingen wie viele Angehörige der Oberschicht rassenhygienischen Theorien an.                                                    

[13] Zitiert in „Soziale Revue“, 7. Jahrgang, Essen 1907, S. 226

[14] Aus dem Manifest der schweizerischen Großloge, ebenda

[15] ebenda

[16] Ebenda, S. 225

[17] Auch das Blaue Kreuz war keine einheitliche, geschlossene Organisation, sondern hatte sich in den „Hauptverein des Blauen Kreuzes“ und das „Blaue Kreuz in der evangelischen Kirche“ 1902, sowie den Freikirchlichen Bund vom Blauen Kreuz gespalten. Vergl. Abschnitt „Das Blaue Kreuz“

[18] Vergl. Abschnitt „Kreuzbund“

[19] Vergl. Abschnitt „Deutscher Arbeiter Abstinentenbund“

[20] Soziale Revue 1907, a.a.O. S. 229f

[21] Geschichte der Anti-Alkoholbewegung, a.a.O. S. 454

[22] Soziale Revue 1907, a.a.O. S. 229f

[23] Auf dem IV deutschen Abstinententag 1907 „faßten alle vier abstinenten Fakultäten (Ärzte, Juristen, Pastoren und Philologen) eine Protestresolution gegen die deutschen akademischen Trinksitten, in der es heißt: …Durch die akademischen Trinksitten schädigen die höheren Stände das Gesamtleben der Nation in einer Weise, wie es kein anderes germanisches Volk heute auch nur annähernd noch zu erleiden hat.“ Zitiert in Soziale Revue, ebenda S. 231

[24] „Es muß jedes Land seinen eigenen Teufel haben und unser Teufel wird ein guter Weinschlauch sein und muß Sauf heißen. (…) der Sauf bleibt ein allmächtiger Abgott bei uns Deutschen.“ Zitiert in Hugo Hoppe, Die Tatsachen über den Alkohol, Berlin 1904; S. 428

[25] ebenda, S. 428

[26] Etymologisch betrachtet könnte allerdings ein Zusammenhang zwischen Sucht und Krankheit bestehen, da die linguistische Bedeutung des Wortes Sucht auf siechen, also krank sein, zurück geführt werden kann.

[27] Neuauflage „Wider den Saufteufel“;  zehn Ansichtskarten nach Holzschnitten deutscher Meister des 16. Jahrhunderts. Deutscher Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke, Berlin, ohne Jahresangabe

[28] Zitiert in Johan Bergman: Geschichte der Anti-Alkoholbestrebungen, a.a.O. S. 419

[29] 1920 erschien von Pater Elpidius eine Schrift, die sich „Patronentasche des Abstinenten“ nannte und „Rüstzeug für Abstinente“ im Kampf für Nüchternheit sein sollte. Diese Broschüre erschien in zahlreichen Auflagen und trug immer unterschiedlich gestaltete Titelblätter. Hrsg. vom Kreuzbund, Hoheneck-Verlag, Heidhausen/Ruhr. Siehe auch die Ausgabe zur 6. Auflage im Abschnitt „Der Kreuzbund“

[30] „Rettung“, nannte sich ein „Pfennigblatt für die Massenverbreitung“, hrsg. vom Blauen Kreuz; aus Dr. Alfred Pfleiderer, Bilderatlas zur Alkoholfrage, Reutlingen 1910

[31] Das Alkoholkapital und seine Logistiker, die Gastwirte, Kantinenpächter, Brauerknechte, Bierkutscher und Kellner waren naturgemäß auf diesem Auge blind.

[32] Auf dem II. Österreichischen Alkoholgegnertag beklagte einer der Referenten, dass z. b. „in Galizien der Alkoholismus (…) eine Volkskrankheit ist, daß er eine Menge schwerwiegender sozialer Mißstände hervorruft…“; zitiert in: Bericht über den II. Österreichischen Alkoholgegnertag,  Wien und Leipzig 1912, S. 146

[33] Auf demselben Treffen legte der Delegierter, Dr. J. Barth, eine Statistik über den Alkoholkonsum im Königreich Böhmen vor, in der es hieß: „Es werden also bei uns in Böhmen zirka 300 Millionen Kronen vertrunken, (…). Für diese in Alkohol vertrunkene Summe (..) könnte man jährlich z. B. über 7000 mittelgroße Landwirtschaften im Werte von zirka 40.000 Kronen kaufen, 50.000 hübsche Familienwohnhäuser à 6000 Kronen bauen oder 150 große Fabrikanlagen (…) gründen. (…) So bekommen wir aber für unsere 300 Millionen nichts als eine größere Morbidität, Mortalität und Kriminalität.“ Ebenda S. 135

[34] „Der Alkoholismus, seine Verbreitung und seine Wirkungen auf den individuellen Organismus, sowie die Mittel ihn  zu bekämpfen“, A. Baer, Berlin 1878

[35] Repertorium: Archiv, Zusammenfassung; heute würde man von einer Datenbank sprechen

[36] „Die Tatsachen über den Alkohol“ – Eine Darstellung der Wissenschaft vom Alkohol; H. Hoppe, Berlin 4. Aufl. 1904

[37] Paradoxerweise war der Widerstand des Alkoholkranken, einzusehen, dass er krank sei, ein typisches Phänomen dieser Erkrankung und gehört zum klassischen Krankheitsbild des Alkoholikers. Während der Alkoholkranke mit seiner Abwehr verhindern wollte, dass man ihm den Alkohol wegnahm, leugneten die Kostenträger den Zusammenhang von Alkoholismus und Krankheit, damit sie nicht für die Kosten der Behandlung bezahlen mussten.

[38] Als vor 100 Jahren, am 8. Und 9. Okt. 1911, der II. Österreichische Alkoholgegnertag veranstaltet wurde, führte ein gewisses Frl. Prodinger zum Thema „Bekämpfung des Alkohols“ aus: „Alle diese Schäden (…des Alkoholismus; der Verf.) stammen aus ein und derselben Quelle: Willensschwäche (…) und mangelndes Verantwortungsgefühl. Der Kampf muss sich daher gegen diese Charakterfehler wenden…“ Aus dem Auditorium, einer Versammlung führender Mediziner und  Fachleute zur Alkoholfrage, kam kein Widerspruch und als Frl. Prodinger als taktische Erziehungsmaßnahme gegenüber Kindern vorschlug, „die Willensschwäche der Trinker als verächtlich (hinzustellen)“ und dies mit der Behauptung bekräftigte „Kein wirklich willensstarker Mensch wird zum Trinker herabsinken“ (Hervorhebung des Verf.) gab es statt Widerspruch Beifall! Quelle: Bericht über den II Österreichischen Alkoholgegnertag, a.a.O.

[39] Vergl. auch den entsprechenden Abschnitt „Das Blaue Kreuz“

[40] H.H. Ewers: Die traurige Geschichte… a.a.O.

[41] Ein weiteres schwerwiegendes Hindernis zum Erfolg lag in der Zersplitterung der Bewegung, die teilweise geradezu sektiererische Züge annahm. Einige Abstinenzgruppen untersagten bspw. ihren Mitgliedern bei Strafe des Ausschlusses Doppelmitgliedschaften. So durften Angehörige von Kreuzbund und Deutschem Arbeiter Abstinentenbund (DAAB) nicht auch Mitglied bei den Guttemplern sein. Welche Auswirkungen das bei den einzelnen Gruppen und Vereinigungen hatte, werde ich insb. in dem Abschnitt zum DAAB versuchen zu zeigen. 

[42] Den nicht wissenschaftlichen Zusammenhang von alkoholkranker Erscheinung und künstlerischer Abbildung hatte bereits1910 Dr. Alfred Pfleiderer in seinem Bilderatlas zur Alkoholfrage beobachtet: „Lange ehe die Wissenschaft die Schädigungen, die vom Alkohol ausgehen, in Mass und Zahl buchen konnte, haben gottbegnadete Künstler all das, was wir heute wissen und noch  einiges mehr, gefühlt.“ aus A. Pfleiderer: Bilderatlas zur Alkoholfrage, s.o., a.a.O. S. 86

[43] Alle diese Karten sind kurz vor bzw. um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hergestellt worden; in den postalischen Umlauf kamen aber meistens nur die ironisierenden Karten.

[44] Mindestens 3 von 8 Suchtkriterien(s.o.) müssen nach der wissenschaftlichen Definition des ICD 10 (Internationale Klassifikation von Krankheiten) vorhanden sein, um von Sucht sprechen  zu können

[45] H. Hoppe: Die Tatsachen…a.a.O. S. 398

[46] S. Katzenstein: Moderne Jugendbewegung und Alkoholfrage, Berlin 1906, S.18

[47] Auszug aus dem Statut, ebenda, S. 19

[48] Ebenda, S. 11

[49] Eine solche Drohung war im „Zentralblatt für das Deutsche Gastwirtsgewerbe“ zu finden: „Deutschland wache auf! Schütze jeder Deutsche Bier, Wein und Schnaps! Die einzig echte Freude, die uns seit alters her beschieden, soll uns von Idioten, Abstinenzlern und Wassermenschen geraubt werden. Schlagt diese Geister, wo ihr dieselben antrefft, und steckt zur Prüfung ihre Köpfe in ein eiskaltes Wasserfaß und fragt sie dann, ob sie immer noch keinen Alkohol benötigen!“ Flugschrift des DVMG, ohne Jahresangabe

[50] Kritik der fanatischen Alkohol-Abstinenz-Bewegung; Dr. M. Kaufmann, Leipzig 1913; S. 62f

[51] ebenda

[52] ebenda

[53] ebenda

[54] Dieser Begriff wurde in der o.e. Zeitschrift „Soziale Revue“, a.a.O. geprägt

[55] „Mäßigkeitsbestrebungen“, ein Vortrag von Dr. Aug. Pieper, gehalten auf dem Praktisch-socialen Cursus in Köln vom 8. – 12. October 1900; erschienen in „Arbeiterwohl“, 20. Jahrg., 9.-12. Heft, Köln 1900. Hervorhebungen durch den Verfasser.

[56] Bericht über den III. Österreichischen Alkoholgegnertag von 1912, Wien und Leipzig 1914, S.14

[57] Die damalige Situation wird trefflich von Simon Katzenstein, dem abstinenten Vorkämpfer des DAAB in seiner Rede vom September 1906, auf der 1. Generalversammlung des Verbandes junger Arbeiter, geschildert: „Vor unseren Augen vollzieht sich heute die umfassendste und tief greifendste Kulturbewegung, die je die menschliche Geschichte gekannt hat. Die Wissenschaft hat ungeahnte Geheimnisse in Natur und Menschenleben entschleiert. Die Technik hat Wunderwerke geschaffen, deren Gedanken noch vor wenigen Generationen (…) völlig unfassbar gewesen wäre(n). (…) Es schwindet dahin der verzweifelte Wahn vom irdischen Jammertal.“ S. Katzenstein: Moderne Jugendbewegung…a.a.O. S. 3

[58] Vergl. auch den Abschnitt „Exkurs“ am Schluss dieses Kapitels. Was die systematische Erforschung des Unbewussten betraf, so steckte die noch in den Kinderschuhen. Ihr Begründer und Protagonist, Sigmund Freud, musste sich damals (wie heute) Scharlatanerie oder zumindest Unwissenschaftlichkeit nachsagen lassen. Bezeichnenderweise hütet sich selbst die Psychoanalyse davor, akut Suchtkranke zu therapieren; wenn sich die Psychoanalytiker schon nicht an die geheimnisvollen Kräfte des Alkohols herantrauen, warum sollten es dann die auf Vernunft und Intelligenz gepolten Naturwissenschaftler wagen.

[59] Vergl. auch die folgende Anm.

[60] So resümierte Hoppe schon 1904: “Die eigentlich krankhafte Trunksucht kann zwar durch den täglich wiederholten Alkoholmißbrauch erzeugt werden, doch beruht sie, wie gerade neuere Untersuchungen gezeigt haben, vielfach auf einer angeborenen Disposition.“(Hervorhebung durch den Verfasser) Hoppe, a.a.O. S. 143

[61] Vortrag am Jahrestreffen der Anonymen Alkoholiker in Hamburg zum Buss- und Bettag 1993

[62] Dies gipfelte meist in einer unüberhörbaren Überheblichkeit, wie wir sie insb. auch beim DAAB finden (vergl. den entsprechenden Abschnitt).

[63] Ironisierende Begriffserfindung von Hoppe, mit deutlich abwertendem Charakter.

[64] Mannigfaltige Gelegenheit dazu bot sich den Mitgliedern aller sozialen Schichten und Stände, in studentischen Verbindungen, allerlei Freizeitvereinigungen für Beamte, Angestellte und Arbeiter, bis hin zu den periodisch stattfindenden, ritualisierten Saufexzessen wie Schützen-, Oktober- und sonstigen Festen. 

[65] Ein sog. mäßiger Konsument konnte dabei noch ohne weiteres 2-3l Bier täglich vertilgen und würde damit heute in die Kategorie eines schweren Trinkers fallen.

[66] August Forel; Nervenarzt, Leiter mehrerer psychiatrischer Krankenhäuser, bzw. Heilanstalten in der Schweiz. Entwickelte als erster Mediziner spezielle Behandlungsmethoden für Alkoholkranke unter Mitwirkung von trockenen Alkoholikern. Politisch sozialistisch und antireligiös orientiert, ging er von einem eindeutigen Zusammenhang zwischen sozialer Verelendung und Alkoholmissbrauch aus. Anhänger von rassehygienischem Gedankengut und der Eugenik, Lehre von der Vererbung gesundheitsschädigender Verhaltensweisen wie z. b. Alkoholismus. F. gehörte zunächst dem Guttemplerorden an, von dem er sich aber wegen dessen christlich-religiöser Einstellung trennte und den Neutralen Guttempler-Orden gründete.

[67] Die Legenden um den Alkohol finden selbst bei denen Anhänger, die ihn eigentlich bekämpfen wollten. Dass nur die Doofen saufen, war ein Märchen der Intelligenz, mit dem Hoppe schon 1904 aufgeräumt hatte: „…der Alkoholmißbrauch…(hat)…alle Volkskreise ergriffen. In allen Schichten der Bevölkerung, bei Arm und Reich, Hoch und Niedrig (…) überall ist der Alkohol das tägliche Genußmittel.“ Hoppe, Die Tatsachen über den Alkohol, a.a.O. S. 397

[68] Dieser „Rentier und Rittergutsbesitzer“ aus Preußisch Schlesien tauchte 1912 auf dem III. Österr. Alkoholgegnertag als Mitglied auf; er hatte einen Verband von Abstinenzsanatorien gegründet und selber die Leitung übernommen. So fand er jedenfalls 1925 Eingang in die „Geschichte der Anti-Alkoholbewegungen“ von Johan Bergman. Zwar ohne fachliche Ausbildung und Qualifikation, aber dafür mit all seinen geistigen und pekuniären Ressourcen widmete er sich der Alkoholfrage.  Ob seine alkoholischen Selbstversuche auf eine persönliche Vorliebe zurückzuführen waren oder ein Opfer gegenüber dem Saufteufel bedeuteten, ließ sich nicht mit letzter Genauigkeit recherchieren. A.a.O., S. 120

[69] Hoppe a.a.O. S. 85

[70] Gustav von Bunge: Die Alkoholfrage, Schriftstelle des Alkoholgegnerbundes, Basel 1900, S. 13

[71] Bei Hoppe finden sich Forschungs- und Untersuchungsergebnisse auf mehr als 200 Seiten zu diesen Komplexen, die mit zahlreichen Statistiken und Tabellen unterlegt sind. Hoppe, Die Tatsachen über den Alkohol, Inhaltsverzeichnis, a.a.O.

[72] Herausgegeben wurde diese Karte 1912, zwei Jahre vor dem 1. Weltkrieg, in einer Phase des extremen Nationalismus und der massiven Aufrüstung. Dass diese Karte schließlich 4 Jahre nach dem Ende des Krieges – ausgerechnet an den Divisionspfarrer – verschickt wurde, zeigt auch wie stark Militarismus und Wehrhaftigkeit im deutschen Denken eine Konstante darstellte..

[73] „Arbeiterwohl“, Organ des Verbandes katholischer Industrieller und Arbeiterfreunde, 20. Jahrgang Heft 9-12, Köln, 1900, S. 225

[74] Hoppe, Die Tatsachen…a.a.O. S. 344; Unterstreichung durch den Verfasser

[75]  „Arbeiterwohl“, a.a.O. S. 219

[76] R. Wissel, Gewerkschaftsbewegung und Alkoholfrage, Broschüre vom DAAB, Berlin ca. 1906

[77] Dabei hätte zumindest beim DAAB die Tatsache stutzig machen müssen, dass das Alkoholproblem – wie nach ihrer Einschätzung eigentlich zu vermuten – nicht nur ein proletarisches Phänomen war, sondern auch im Bürgertum und Adel vorkam.

[78] AK hrsg. vom DVgMG

[79] Ebenda, postalisch gelaufen 3.1.1916

[80] Bericht III. Österr. Alkoholgegnertag, a.a.O., S. 9

[81] Vergl. Anm. 68

[82] Kurioserweise wurde sein Herkunftsort ausgerechnet mit Brennstadt angegeben! Bericht III. Österr. Alkoholgegnertag, a.a.O. S. 22

[83] Bericht III. Österr. Alkoholgegnertag, a.a.O. S. 8 u. 10

* Joffre: Befehlshaber der französischen Armee im 1. Weltkrieg. Vereitelte durch seinen strategischen Rückzug, die von den Deutschen geplante Einkreisung und stoppte den deutschen Vormarsch.

[84] Bericht III. Österr. Alkoholgegnertag, a.a.O. S. 5 u. 18

[85] Auf dem III. Österr. Alkoholgegnertag wurde von einer Episode mit dem Kaiser berichtet:“Kaiser Wilhelm hielt eine Rede auf das Regiment und als er sich umsah, sah er den Oberstleutnant bei einem Glase Wasser sitzen. Er forderte den Offizier auf, sich statt Wasser Wein geben zu lassen. Er forderte zum zweiten- und drittenmal.“ Erst als der Offizier ihm seine totale Unterwerfung bewies, „Majestät, Sie können über Leben und Tod verfügen, dies aber ist Privatsache“, lenkte der Kaiser ein.

a.a.O. S. 22

[86] Pieper schränkt bei „Krankhaftigkeit oder Minderwertigkeiten“ oder bei weiblichen Konsumenten diese Durchschnittsmenge weiter ein. Pieper, „Mäßigkeitsbestrebungen“, a.a.O. S. 223

[87] Ebenda, S. 219

[88] III. Österr. Alkoholgegnertag, a.a.O. S. 17

[89] Einen Mediziner dieser besonderen Art erwähnt Hoppe in seinem Grundlagenwerk unter dem Kapitel „Verbreitung der Trinksitten und der Trunksucht“, a.a.O. S. 398

[90] „Ich behaupte, ein Mensch, der auf die alkoholischen Getränke vollständig verzichtet, entbehrt gar nichts; er gewinnt nur an Lebensglück und Lebensfreude.“ G. Bunge: Die Alkoholfrage – Ein Vortrag, Alkoholgegnerbund, Basel, 1900; S. 12

[91] Vergl. Abschnitt „Das Wesen des Alkoholismus im Spiegel der Bilder“

[92] In der Einleitung zum „Taschenatlas zur Alkoholfrage“ prangert der Verfasser Alkoholismus und Trinksitten an: „Die Einsicht in all das fürchterliche Unheil, das der Alkoholgenuß Jahr aus, Jahr ein anrichtet (…) erwecken den Haß gegen den arglistigen Feind bei den vielen Tausenden, die sich entschlossen von ihm losgemacht haben und nun mit Begeisterung ihrer Volks- und Standesgenossen aus seinen Ketten zu befreien sich bemühen.“ Dr. med. Hollitscher, hrsg. vom DAAB, Berlin 1910

[93] Vergl. Auch den „Aufruf an die Gewehre“, im Abschnitt „Das Alkohol-Imperium wehrt sich“

[94] AK aus der Serie „Der deutsche Trunk“ Spruchkarten zur Alkoholfrage, Hrsg. Guttempler, Linz

[95] Aus einem Flugblatt des DAAB „Die Waffen der Reaktion“, ohne Ort und Datum

[96] Über die Einführung des Gemeindebestimmungsrechts, d.h. die Entscheidung der Mitglieder einer Gemeinde über die Erteilung weitere Alkoholausschank-Lizenzen, wurde noch nicht einmal im Reichstag debattiert.

[97] Eine Erhöhung der Alkohol-Besteuerung gab es zwar, insb. um die Steuereinnahmen zur Finanzierung der Rüstungsproduktion aufzustocken, aber nicht im Zusammenhang mit anti-alkoholischen Bestrebungen. Überdies waren DAAB und SPD grundsätzlich gegen eine Erhöhung der indirekten Steuern, weil sich diese im Wesentlichen gegen die Arbeiterbevölkerung gerichtet hätte

[98] Ein vollständiges Verbot von Herstellung und Vertrieb alkoholischer Getränke wie z. B. in USA oder Finnland oder eine Verstaatlichung der Profite aus dem Branntweinverkauf (Gotenburger System) wie in Schweden hätte in Deutschland nie und nimmer durchgesetzt werden können.

[99] Die Doppelstrategie der heutigen – wenn man so will – Alkoholgegner beruht auf der alternativlosen Forderung nach Abstinenz für Alkoholiker und einem Appell für Punktnüchternheit zu konkreten Anlässen und einem auf WHO-Empfehlungen begrenzten, kontrollierten Alkoholkonsum.

[100] Der Verbrauch an reinem Alkohol je Einwohner war seit 100 Jahren, mit geringen Abweichungen nach oben zwischen 1970-95, gleichbleibend bei rund 10 Litern! Auch der Bierkonsum ist nahezu identisch, er lag in den Jahren 1900 und 2000 bei exakt 125 Litern!

[101] Initiiert von der damaligen Drogenbeauftragten, Sabine Bätzing (SPD), ist dieser Versuch noch im Vorstadium einer parlamentarischen Diskussion und Beschlussfassung, an der Macht der Alkohollobby gescheitert.

[102] Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) äußert starke Zweifel an der Richtigkeit der Aussage des Drogen- und Suchtberichtes der Bundesregierung, nach dem der Alkoholkonsum von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen drastisch zurückgegangen sei. GdP-Vorsitzender Bernhard Witthaut: „Die Alltagserfahrungen meiner Kolleginnen und Kollegen vor Ort sprechen eine andere Sprache. Der Alkoholkonsum von jungen Menschen wird immer mehr zum Problem, auch im Zusammenhang mit begangenen Straftaten.“ Pressemitteilung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) vom 18.5.2001

[103]  Die Voraussetzungen und Definition dessen was und wie wissenschaftliche Forschung zu sein hat, nagelt von vorne herein Art und Methode der Herangehensweise sowie des Untersuchungsgegenstands selber fest und wirkt damit schon regulierend und reduzierend auf die möglichen Schlussfolgerungen. Ausgeschlossen ist per se alles, was sich einer wissenschaftlichen Methode entzieht, weil der Betrachtungsgegenstand keine Abstraktionen zulässt oder nicht messbar ist. Und damit alles was individuell, unverwechselbar, einmalig oder nicht rekonstruierbar ist. Das heißt in diesem Falle das emotional bestimmte Bedürfnis nach Nichtwahrnehmung einer momentanen Situation oder nach temporärer Überwindung einer als negativ erlebten Befindlichkeit, der Wunsch nach einem zeitweiligen Anders-Sein, des Wegträumens, des Vergessens oder der Allmacht. Wenn diese irrationalen Bedürfnisse mittels des Alkohols verwirklichbar werden, quasi mit ihrem materialisierten Pendant, ihrer Verstofflichung, eine neue „zauberhafte“ Einheit bilden, dann ist die Unmöglichkeit der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit perfekt. Eine Annäherung und Erforschung mit wissenschaftlichen Methoden scheitert. Was aber in dieser Weise einer wissenschaftlichen Untersuchung unzugänglich bleibt, existiert auch nicht. Damit unterscheiden sich radikale Alkoholgegner und einige Historiker gar nicht so sehr voneinander.

[104] Diese physische Seite wird umso stärker mangelhaft wahrgenommen als durch einen permanenten Konsum die Suchtsymptomatik zunimmt; jede Unterbrechung des Konsums führt dann i.d.R. zu sich verstärkenden Entzugserscheinungen und wirkt dadurch wieder nachdrücklich auf ein Beibehalten des Konsums.

[105] Immerhin konstatieren einige Neurologen selber die Begrenztheit ihrer Forschungsergebnisse: „Aller Fortschritt wird aber nicht in einem Triumph des neuronalen Reduktionismus enden. Selbst wenn wir irgendwann einmal sämtliche  neuronalen Vorgänge aufgeklärt haben sollten, die dem Mitgefühl beim Menschen, seinem Verliebt sein oder seiner moralischen Verantwortung  (und ich füge hier dazu, auch seinem Alkoholismus, der Verf.) zugrundeliegen, so bleibt die Eigenständigkeit dieser Innenperspektive doch erhalten.“ Christian E. Elger u.a., Das Manifest; zitiert in Dietrich Treber: Defensiv oder expansiv? standpunkt:sozial 5/2005, Hamburg

[106] A. Forel: „Verbrechen und konstitutionelle Seelenabnormitäten“, München 1907, S.158

[107] Bezeichnenderweise wird der Alkoholmissbrauch in vielen Untersuchungen ausschließlich als ein isoliertes, individuelles Phänomen betrachtet, dessen gesellschaftliche Auswirkungen unter dem ökonomischen Blickwinkel als Produktivitätshindernis betrachtet werden. Die emotionale, familiäre moralische Kategorie der Trinkfolgen bleiben demgegenüber eine Marginalie

[108] Der Begriff Kontrollaufgabe ist in diesem Zusammenhang missverständlich, weil er einen bewusst-steuerbaren Akt der Aufgabe von Kontrolle suggeriert. Tatsächlich ist der Entschluss, wenn er denn überhaupt als solcher gefasst wird, nur bis zu dem nicht rekonstruierbaren Augenblick des Eintritts in den Rauschzustand - als Ausdruck und Zustand des Kontrollverlustes - auch ein bewusster Entschluss. Danach, ja schon unmerklich auf dem Weg dahin, ist die bewusste Entschlussfähigkeit außer Kraft gesetzt. Eigentlich stellt der Berauschungsprozess genau das Gegenteil von Bewusstheit und Kontrollfähigkeit dar.

[109] Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Frankfurt 1976

[110] Sehr häufig hat sich dieses Phänomen bei Alkoholikern gezeigt, die sich einer stationären Entwöhnungsbehandlung unterzogen haben: erst unter langfristig nüchternen Verhältnissen und therapeutischer Begleitung rekonstruierten die Patienten mühsam den Verlauf ihrer Suchtentwicklung und den Zeitraum des qualitativen Umschlagens vom missbräuchlichen in den anhängigen Konsum. Kaum einem Patienten war dieser „Qualitätssprung“ während seiner Konsumphase bewusst geworden, subjektiv fühlten sie sich immer noch als Herrscher über ihr Trinken und nicht als Beherrschte.

[111] G. Bunge: Die Alkoholfrage, a.a.O. S. 4

[112] Ernst Herhaus beschreibt diese Spannung, die er mit seinem Trinken zu betäuben suchte, so: „Denn mein Leben hieß Angst. Angst, Angst, Angst, steigend und abfließend in mir, ohne daß ich wußte, wie ich das überleben sollte.“ E. Herhaus: „Kapitulation – Aufgang einer Krankheit“ München Wien 1986, S. 170

[113] ebenda(Unterstreichung, R.M-B)


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