Der Deutsche Arbeiter-Abstinenten-Bund (DAAB)

 

1903 fand in Bremen der „IX. Internationale Kongreß  gegen den Alkoholismus“ [36] statt. Im gleichen Jahr gründete sich auch der DAAB nachdem es auf dem Kongress zu tumultartigen Auseinandersetzungen über die korrekte Linie der „Anti-Alkohol-Internationale“ gekommen war. Ein österreichischer Teilnehmer, Dr. Fröhlich, der dem dortigen Arbeiter-Abstinentenbund angehörte, war einer der Verursacher dieser Tumulte:

Postkarte 1909: Karte vom DAAB

Mit dieser Karte zeigt sich der DAAB noch wenig Klassenkämpferisch, aber die Verbindung von Nüchternheit, Freiheit und Kampf gegen den Alkohol deutet sich schon an

„Wenn man (…) den Alkoholismus an der Wurzel ausrotten will, dann ist es erforderlich, die soziale Verelendung zu beseitigen. Deshalb ist es erforderlich, die Arbeiter in ihren Bestrebungen zu unterstützen, die zum Zwecke haben, ihre Lebenslage zu verbessern (lebhafter Beifall) Wir Antialkoholisten müssen die Bestrebungen der Arbeiter unterstützen, die zum Zweck haben, sich politisch und gewerkschaftlich zu organisieren, um höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Bildung usw. zu erreichen. Nicht Wohltaten von oben können den Arbeitern helfen, wir müssen die Arbeiter unterstützen, damit sie in der Lage sind, sich aus eigener Kraft eine menschenwürdige Existenz zu schaffen.“[37] 

Das klang doch verdächtig nach Karl Marx und dementsprechend reagierten denn auch etliche der konservativen Teilnehmer. Sie lärmten in einer Weise, dass der Versammlungsleiter, Dr. Delbrück, einen ordentlich Abschluss des Beitrages nicht mehr gewährleisten konnte. Politische Zusammenhänge zwischen Alkoholkonsum und der „Sozialen Frage“ waren unerwünscht und wurden versucht zu unterdrücken. 

                         

In den Augen der konservativen Kongressteilnehmer war der Beitrag des österreichischen Arbeiter-Abstinenten eine glatte Unterstützung revolutionärer Umtriebe. Dem anwesenden Admiral und Mitglied der kaiserlichen Marine, August Thomsen platzte denn auch der Kragen und er brüllte durch den Saal: “Wenn Sie eine politische Versammlung abhalten wollen, dann erlauben Sie wohl, daß  ich den Saal verlasse!“ Es sei hier nur am Rande vermerkt, dass Thomsen tatsächlich den Saal verließ und, wie die Bremer Nachrichten kolportierten, die Teilnehmer in „großer Unruhe“ zurückließ.[38]

 Schärfer als diese Ausbrüche zeigen, konnten die Gegensätze in der Alkoholfrage nicht sein. Zwischen diesen sich ausschließenden Alternativen spielte sich der Richtungskampf um eine erfolgreiche Anti-Alkoholpolitik ab. Doch weder auf dem Kongress noch sonst gelang es, eine gemeinsame Linie oder gar ein einheitliches Handeln zu verwirklichen.

 Auf den ersten Eindruck schien die Frage der Abstinenz der Scheidepunkt zu sein, der die verschiedenen Alkoholgegner trennte. Doch dahinter versteckten sich politische Gegensätze und unterschiedliche Weltanschauungen, die eine grundsätzliche Trennungslinie zogen, unversöhnlicher als es die vermeintlich taktischen Differenzen zwischen Abstinenz und Mäßigkeit ahnen ließen.

 Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Abstinenzvereine, die Wert darauf legten politisch neutral zu sein, hatte der DAAB eine deutlich sozialistisch orientierte Position: „Wir müssen die neue Zeit schaffen, wir müssen den Sozialismus verwirklichen!“, fordert der DAAB in einem Flugblatt an die sozialistische Jugend.

 Aber „der Alkohol ist der Feind der aufstrebenden Arbeiterklasse.- Wehre Dich gegen diesen Feind! Ringt auch diesen Feind des Proletariats nieder! Seid enthaltsam! Tretet ein in den Deutschen Arbeiter-Abstinenten Bund

Zum Kampf gegen den Alkoholismus!

Flugblatt ca. 1910: "Liebe Jungen und Mädel!"

Dass der DAAB sich ausdrücklich an die Arbeiterjugend gewand hat, war gut überlegt und erfolgversprechender, als von erwachsenen Arbeitern den Verzicht auf Alkohol zu erwarten. Die traditionelle, starre Hierarchie und Autoritätsfixierung des wilhelminischen Staates erzeugte nämlich bei vielen Jugendlichen  Widerstand und – ähnlich wie Ende der 60er Jahre in der BRD – Kampf gegen die herkömmlichen Werte von Anpassung und Gehorsam.

   „Sie redeten verächtlich vom staubigen akademischen Leben, von reglementierten Schulen und der Bierkultur der Gasthäuser.“[39] Kein Tabak und kein Alkohol, aber ein moralisch sauberes Leben war ihre Parole. Auch einige Gymnasiallehrer gründeten alkoholfreie Schülervereinigungen um den Reiz, den studentischer Saufriten bei Jugendlichen erzeugten, zu bekämpfen.

 „All diesem Irrsinn wollen und können wir Jungen nur die sittliche Tat der völligen Alkoholenthaltsamkeit gegenüberstellen.  Es genügt nicht, daß in unseren Programmen die Forderung des Kampfes gegen den Alkohol aufgestellt wird. Es ist nötig, daß wir die noch schwachen, für die Abstinenz tätigen Kräfte im Deutschen Arbeiter-Abstinenten Bund sammeln, um Schulter an Schulter mit den erwachsenen Arbeitsbrüdern und – schwestern über alle Grenzen der einzelnen Jugendorganisationen hinweg für eine gänzliche Beseitigung des Rauschgiftes zu wirken.“

Flugblatt ca 1910: "Genosse! wir wenden uns an Dich...

Postkarte 1910: "Arbeiter! meidet den Schnaps!"

Mit dieser Taktik hatte der DAAB bei der organisierten Arbeiterjugend auch einigen  Erfolg. So wurde auf der Reichskonferenz der sozialistischen Jugend 1925 in Jena eine Entschließung zur Alkoholfrage angenommen, die zum organisierten Kampf gegen den Alkoholismus in den Reihen des DAAB aufrief.[40] Dass sich die erwachsenen Arbeiter von ihren „unseligen Trinksitten“ und ihrer Vorliebe für das deutsche Bier nicht so schnell trennen würden, mussten die abstinenten Genossen  immer wieder schmerzlich erleben[41]. Umso provokatorischer griffen sie die abstinenz-ignorante Arbeiterschaft an. In einem Flugblatt werden die trinkenden „Genossen“ mit Kollaborateuren des Kapitals gleichgesetzt: „Hast Du Dir schon einmal etwas gedacht, wenn Du Bier, Wein oder Schnaps trinkst? Nein ! Dafür haben wir uns etwas gedacht und wir erheben gegen Dich den Vorwurf, daß Du gleichgültig bist. Du bist nicht konsequent, denn Dein Handeln steht im Gegensatz zu Deinem Wollen. Du unterstützt den Kapitalismus und zwar den schlimmsten, nämlich den Alkoholkapitalismus.“

 Bei derartigen Provokationen war es eher unwahrscheinlich, wirksamen Einfluss auf die organisierten Teile der Arbeiterklasse zu gewinnen, geschweige denn aktive Teilnehmer für eine Abstinenzbewegung, die den Sozialismus nur über die alkoholische Enthaltsamkeit zu erringen glaubte. Das erkannten auch die Abstinenten des DAAB. So forderten sie von den älteren Arbeitern schließlich nicht mehr die totale Abstinenz, sondern nur noch den Alkohol zu meiden.

 

Der Einfluss des DAAB auf die Parteien und die allgemeinen Konsumgewohnheiten

 

Allerdings wird in der politischen Agitation des DAAB eine Rechthaberei, ja Verbohrtheit erkennbar, die – übrigens auch von anderen Abstinenzbewegungen praktiziert – offenbar einer zeittypischen Umgangform entsprach und hart die Grenze zum Sektierertum streifte. Im Gefolge dieser Verkörperung der reinen Lehre gab es immer wieder Spaltungen, bzw. Neugründungen einzelner Abstinenzorganisationen.[42]

 Auch das mag ein Grund dafür sein, dass die konsumreduzierende Wirkung der sozialistischen Abstinenzbewegung auf die unorganisierte Arbeiterschaft gering blieb, von einer massenhaften Abstinenz ganz zu schweigen. Aus zahlreichen Protokollen über mitgehörte Kneipengespräche von Arbeitern wird erkennbar, dass diese aus ihren persönlichen Erfahrungen mit Alkohol ganz andere Schlüsse zogen als die Asketen vom DAAB.[43] Gleichwohl gab es Schwankungen und signifikante Veränderungen im Pro-Kopf-Verbrauch alkoholischer Getränke in Deutschland. Die waren allerdings meistens das Ergebnis von Steuer- bzw. Preiserhöhungen.

Postkarte aus Packpapier 1908:"Wegen der verflixten Steuer ist das Bier so furchtbar teuer, Deshalb schreib ich heute Dir nur auf bill´gem Packpapier!"

Wenn es, im Gefolge von Preiserhöhungen beim Bier, zu Konsumverzicht kam, so geschah dies überwiegend unfreiwillig und nicht aus der Überzeugung, dass Alkoholkonsum das Elend der Arbeiterklasse verschärft und den Kampf um soziale Gerechtigkeit behindert. Dies zeigte sich wiederholt bei den verschiedenen Versuchen der proletarischen Konsumenten mit Boykott-Maßnahmen gegen Verteuerungen beim Bier vorzugehen.

 So bestreikten die Arbeiter zwar eine Zeitlang die verteuerten Biermarken, tranken aber als Ersatz andere Marken – meistens Flaschenbier von privaten Bierverlegern. Da diese Hersteller meistens nicht genug liefern konnten, scheiterten die Boykottversuche regelmäßig.

 Dennoch gab es bei den Arbeiterorganisationen SPD und KPD einige kleine Erfolge.

Mit unverkennbarem Stolz vermerkte „Der abstinente Arbeiter“ in seiner Februar-Ausgabe von 1925 einen „Aufruf führender Sozialdemokraten zur energischen  Bekämpfung des (…) wachsenden Alkoholismus“. Dort heißt es u.a.: „An dem Alkoholgenuß der Massen ist nur ein profitgieriger Kapitalismus und eine herrschsüchtige Reaktion interessiert. Wir, die wir wollen, daß eine geistig und sittlich starke Arbeiterschaft eine höhere Kultur aufbaut, wir Sozialisten müssen die Alkoholnarkose verabscheuen und mit Wort und Tat ihr entgegenwirken. (…)

Zeitung 1925: Der Abstinente Arbeiter

Genossen !

Haltet den Alkohol fern von Euren Sitzungen, Versammlungen und Kundgebungen!

Schafft alkoholfreie Volkshäuser und Jugendheime!

Verringert die Trinkgelegenheiten, wo Ihr könnt!

Unterstützt das Werk des Arbeiter-Abstinenten-Bundes, der seit Jahren tapfer gegen die Trinksitten ankämpft!“[44]

 Hier wird auch deutlich, dass der DAAB keine politisch-programmatische Partei war, sondern eine Organisation, die, neben und mit den sozialistischen Parteien, versuchte klassenbewusste und sozialistische Arbeiter vom organisierten Kampf gegen den Alkohol zu überzeugen. Glaubwürdig und erfolgreich könne dies aber nur durch die eigene konsequente Abstinenz gelingen. Mit dieser kompromisslosen Voraussetzung, die schließlich zur absoluten Forderung erhoben wurde, isolierte sich der DAAB allerdings und blieb ein elitärer Verein[45]; eine Massenbewegung war mit einem solchen „Arbeiter-Beschimpfungs-Programm“ von vorn herein ausgeschlossen.

Flugblatt 1020:"Arbeiter macht´s nach!"

Dies wird durch das „kleine Häuflein der Abstinenten“ in den sozialistischen Reichstagsfraktionen bestätigt, das 1925 aus gerade mal sieben Sozialdemokraten und fünf Kommunisten bestand[46]. Der DAAB beklagte auch insbesondere das mangelnde Engagement der sozialistischen Führer in Deutschland, die, anders als in Österreich[47], sich überwiegend zurückhaltend äußerten, oder wie einer der führenden Sozialdemokraten, Karl Kautsky, Kneipenbesuche zum quasi klassenkämpferischen Akt erklärte[48].

  

Alkohol – Feind des Proletariats

 

Dennoch bemühte sich der DAAB immer wieder die trinkende Arbeiterklasse sachlich und - im wahrsten Sinne des Wortes - nüchtern vom doppelten Gefahrenpotential des Alkohols zu überzeugen. Als „Zell- und Gehirngift“ schädige er Körper und Geist und als „Beruhigungs- und Verdummungsmittel“ sabotiere er den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung.

Ein ausführlicher Artikel des „Abstinenten Arbeiters“[49] setzt sich mit den „Lügen des Alkoholgewerbes“ auseinander und widerlegt mit amtlichen Statistiken die Behauptung des Deutschen Gastwirt-Verbandes, dass „es nicht erkennbar (sei), daß mit dem angeblich wieder reichlich fließenden Alkohol neues Unglück und Siechtum über das Volk kommt. (...) Es ist (auch, der Verf.) nicht wahr, dass in dieser Zeit ein Ansteigen des Alkoholverbrauchs zu konstatieren ist.“[50]

 Seit Ende des Krieges, „seitdem das Rauschgift wieder in reichlicher Menge und in konzentrierter Form feilgehalten wird, wächst ständig das Heer der Volksgenossen, deren körperlich und geistige Gesundheit der Alkohol verwüstet hat.“ So zeigten z.b. die Statistiken der Polizei, sowie von Irrenhäusern, Heil- und Pflegeanstalten, dass sich die Zahlen der polizeilich registrierten bez. eingelieferter Alkoholiker fast verdoppelt hatten.[51]

 Gleichzeitig bemüht sich der DAAB – wie übrigens auch die christlichen Abstinenzverbände – dem Irrglauben abzuhelfen, dass mäßiger Alkoholgenuss unschädlich sei. „Die Erkenntnis, daß gerade der mäßige Alkoholgenuß der Massen in kulturell-politischer Hinsicht sich so überaus ungünstig auswirkt, weit ungünstiger als die Unmäßigkeit eines immerhin kleinen Teiles, bildet das Fundament der sozialistischen Abstinenzbewegung. Ihr ist die Alkoholenthaltsamkeit ein wertvolles Hilfsmittel zur besseren und schnelleren Entfaltung der geistigen Kräfte des Proletariats, eine mächtige Waffe im Klassenkampf.“ „Das Wirtshausleben raubt ihm kostbare Stunden und Kräfte, setzt seine geistige Aufmerksamkeit herab, schwächt seinen Lerntrieb. Der Alkohol bringt ihm zwar Entspannung und Aufheiterung, stumpft aber die Empfindung für sein Elend und damit auch seinen Kampfeswillen ab.“ [52]

 Genau diese Erkenntnis hätten nicht nur die klassenbewussten Arbeiter gewonnen, sondern auch Kapitalisten und Staatsvertreter, so der DAAB. Dies würde von Industriellen und rechten Politikern offen zugegeben. Z.B. hätte sich der Syndikus der deutschen Industriellen, ein gewisser Dr. Kuhlo, lobend über die deutsche Brauindustrie geäußert: „(Sie) hat in Deutschland seit jeher eine politische Mission erfüllt, sie hat zur Beruhigung der Bevölkerung beigetragen.“ Und der später von den Nazis gerne zitierte, deutsche Historiker, v. Treitschke, wurde mit den Worten zitiert: „Der gemeine Mann braucht den Schoppen. Hat er ihn nicht, dann macht er Revolution...“[53]

Flugblatt 1920: Arbeiter Abstinenten Bund "Die Waffen!"

 Selbstverständlich fehlte in diesem Zusammenhang auch nicht die Erwähnung der enthemmenden Wirkung des Alkohols auf die Soldaten: „Die leichtbetrunkene Truppe durchschreitet beim Angriff Schreckenszonen, vor denen die nüchterne Truppe zurückschrecken würde. Der Schrecken des modernen Krieges wird also in seinen Höhepunkten am leichtesten von denen überwunden, denen durch Vergiftung die Vernunft genommen wurde“[54], rühmte ein gewisser Major F.C. Endres die Vorzüge des Alkohols.

 Dass er mit dieser Position zwar nicht der Haltung seines obersten Kriegsherren entsprach, der sich wiederholt gegen den Alkoholkonsum in der Truppe ausgesprochen hatte[55], tat aber der Wahrheit seiner Behauptung keinen Abbruch.

Genau dieser Gegensatz zwischen den Interessen der Arbeiterklasse und des Kapitals, der sich ganz besonders in der Alkoholfrage kristallisiert, wird vom DAAB in Wort und Bild immer wieder ins Zentrum der Auseinandersetzung gerückt.  

 Die Massenwirksamkeit dieser Agitation blieb allerdings gering. 1904 lag die Mitgliederzahl des DAAB bei gerade mal 1100. Möglicherweise spielten dafür aber auch ideologische Peinlichkeiten und Ungereimtheiten eine Rolle.

 

Rassistische Tendenzen und programmatische Unklarheiten im DAAB

 

Höchst bedenklich, sowohl politisch als auch individuell betrachtet, war in der Tat eine beinahe rassistisch anmutende Einschätzung den Alkoholkranken gegenüber. Alkohol galt bei den Arbeiter-Abstinenten als Keimgift, gleich Syphilis, Blei oder Nikotin, das moralisch entartend auf die Nachkommenschaft eines Alkoholikers wirkt. Die Sterilisation bei solchen kranken Individuen, sei zwar im Gegensatz zur aktiven Abstinenz, „der Abwehr- und Stellungskrieg im Kampf gegen den Alkohol“, aber gleichwohl als defensive Maßnahme durchaus gerechtfertigt[56].

 Ein weiterer Schwachpunkt des DAAB war die schwammige Verwendung der Begriffe Alkoholkonsum und Alkoholismus, die häufig synonym verwendet wurden und dadurch den Widerstand auch wohlmeinender politischer Freunde schürten. Wer lässt sich schon gerne mit einem Alkoholkranken vergleichen, nur wenn er ab und zu einmal etwas trinkt.  Dass ein Alkoholiker dauerhaft abstinent leben muss, daran zweifelten allerdings nicht einmal die ideologischen  Parteigänger der Alkoholindustrie.[57]

Statistik aus: Aus frischem Quell, Schweizer Verein abstin. Lehrer und Lehrerinnen, 1908:"Alkoholismus und Krankheit"

Statistik aus:Aus frischem Quell, Schweizer Verein abstin. Lehrer und Lehrerinnen, 1908: "Alkoholismus und Sterblichkeit"

Statistik aus:Aus frischem Quell, Schweizer Verein abstin. Lehrer und Lehrerinnen, 1908: "Alkoholismus als Todesursache"

Unverständnis und schließlich Widerstand erzeugte aber die Behauptung des DAAB selbst kleinste Mengen Alkohol seien für Körper und Geist schädlich und nur durch Abstinenz könne der Menschen alle seine Fähigkeiten mobilisieren. Auch die Versuche mittels wissenschaftlicher Testreihen zu beweisen, dass schon geringe Alkoholmengen Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Sterblichkeit negativ beeinflussen würden – diese Art der Beweisführung wurde übrigens von nahezu allen Abstinenzgruppen bemüht – überzeugte die große Mehrheit der Bevölkerung nicht.

Mit dieser Kompromisslosigkeit gegenüber den gegenteiligen Lebenserfahrungen der Menschen gerieten der DAAB wie auch die politisch neutralen Abstinenzvereine in die Isolation. Einige der möglichen Ursache – neben den oben bereits erwähnten – mögen in der Unerfahrenheit der abstinenten Genossen mit der Besonderheit des Alkohols liegen.

  Ähnlich wie bei den christlichen und überkonfessionellen Abstinenzverbänden hatten die aktiven Mitglieder nur in den seltensten Fällen eigene Erfahrungen mit dem Alkoholismus. Ihr persönlicher Entschluss zur Abstinenz war überwiegend das Ergebnis rationaler Entscheidungen. Durch die intensive intellektuelle Beschäftigung mit der medizinischen Wirkungsweise des Alkohols hatten sie objektive Informationen, die sie in ihrer Ablehnung bestärkten. Welche individuellen und sozialen Folgeschäden der Alkoholmissbrauch bewirkte, dazu brauchten sich die Menschen nur umzuschauen; überall war das Elend und Leid sichtbar, dass der Alkohol  anrichtete.

 Letztlich war die Entscheidung zur Abstinenz aber nicht das Ergebnis der eigenen Unfähigkeit mit Alkohol umzugehen, sondern auf Grund rationaler, religiöser oder politischer Einsichten zustande gekommen.

Was es bedeutete, die Vernichtungskraft des Alkohols am eigenen Leibe kennen gelernt zu haben und keinen Tropfen mehr trinken zu dürfen, weil man sonst an der Krankheit zugrunde gehen würde, davon hatten die meisten Abstinenten keine Ahnung.

 Sie wussten und verstanden darum auch nichts von der tiefen emotionalen Bedürftigkeit der Alkoholkonsumenten nach ihrem Heilmittel, geschweige denn von der Bedeutung, die das Unbewusste in diesem Zusammenhang für die Motivation der Trinker spielt[58].

 

Alkohol – psychologische Mehrzweckwaffe[59]

 

Postkarte 1923: "...hängst di halt so ei am elektrischen Draht!"

Postkarte Werbung - Buerger-Braeu: "Wo hat der denn die Kraft her?" - "Na der trinkt doch immer Buerger-Braeu!"

Was die Chefideologen der Abstinenz versäumt hatten zu betrachten, war (und ist) die besondere Eigenart und Wirkungsweise des Alkohols, nämlich die Wahrnehmung und Stimmung der Konsumenten in wunschgemäßer Hinsicht zu verändern. Die positive Erfahrung, dass Alkohol den Konsumenten in gerade diejenige Stimmungslage zu transformieren vermag, nach der sich dieser gerade sehnt, fördert einen Wiederholungszwang. Damit setzt unmerklich ein Prozess der immer stärker werdenden Gewöhnung ein, der im äußersten Fall in Sucht endet, ohne, und das ist das Besondere dabei, dass der Betroffene dies bewusst wahrnimmt.

Darüber hinaus findet eine immanente Beeinflussung der kritischen Reflektion und Selbstwahrnehmung statt, die sich – ähnlich wie bei dem Prozess der Suchtausbildung – quasi hinter dem Rücken des Betroffenen abspielt und den Alkohol immer mehr ins Lebenszentrum des Konsumenten rückt.

Postkarte 1933: "Trink, Brüderlein, trink!"

Der Konsument entwickelt unter diesem Einfluss ein immenses Beharrungsvermögen was die Beibehaltung des Alkoholkonsums betrifft. Da es sich dabei aber um emotionale Faktoren und affektive Stimmungslagen handelt, bleiben Appelle an Logik und Einsichtsfähigkeit der Konsumenten überwiegend wirkungslos. 

 Noch weniger als die Gruppe gefährdeter Konsumenten, fühlen sich die gering Konsumierenden von den Abstinenzforderungen angesprochen. Wer für sich selbst die Erfahrung macht, dass er von den negativen Wirkungen des Alkohols nicht oder nur temporär betroffen ist, der braucht schon gar keine fremdbestimmten Konsumbeschränkungen.

 Somit blieb die sozialistische Abstinenzbewegung als eigenständige Kraft letztlich eine Randerscheinung mit sektiererischem Ambiente; weder die organisierten Arbeiter und ihre Führer, geschweige denn die unorganisierte Arbeiterschaft, waren für eine totale Abstinenz zu gewinnen.  Sie durchschauten zwar die Prinzipien der kapitalistischen Produktionsweise, bekämpften deren Auswirkungen konsequent und sahen auch das Elend, das der Suff bei einigen ihrer Genossen anrichtete, aber ihren maßvollen Umgang mit Alkohol wollten sie sich nicht verbieten lassen.

 Hätte der DAAB mit einem neutralen Programm und einer unpolitischen Weltanscheuung vielleicht mehr Erfolg gehabt? Es gab solche Versuche und  Gruppen, die andere Wege gingen.

Das Blaue Kreuz war eine davon.

 





[36] Nach 1899 in Paris und 1901 in Wien war dies der erste Kongress auf deutschem Boden, wo sich ein großer Teil der europäischen Anti-Alkohol-Bewegung traf.


[37] zitiert nach Klaus Dede in „Genuß und Mäßigkeit“, Bremen 1995


[38] ebenda


[39] Harold James, Deutsche Identität, a.a.O.


[40] „Wollen wir dieses so tief eingewurzelte Übel bekämpfen, so genügt nicht das Bewusstsein seiner Schädlichkeit, es genügt auch nicht die persönliche Enthaltsamkeit und die Befreiung von den Alkoholsitten im engeren Kreise der Jungsozialisten, sondern dann tut der organisierte Kampf gegen den Alkoholismus in der Öffentlichkeit, in erster Linie in der sozialistischen Bewegung, not. Von dieser Erkenntnis beseelt, fordert die Reichskonferenz die Jungsozialisten auf, in den Reihen der sozialistischen Antialkoholorganisation des Deutschen Arbeiter-Abstinenten Bundes den Kampf gegen den Alkoholismus aufzunehmen.“ Der abstinente Arbeiter – Organ des DAAB, Berlin, 23. Jahrgang, 10. Mai 1925


[41] siehe auch weiter unten zum Thema „Bierboykott“


[42] So gründete sich 1922 der „Verband sozialistischer Abstinenten“, der, faktisch ohne Einfluss, die Einheitlichkeit der sozialistischen Abstinenzbewegung aber zusätzlich schwächte.


[43] So wird ein Arbeiter zitiert, der sich zu den Guttemplern, der größten Abstinenzvereinigung in Europa, äußert: „…er (kann) nicht verstehen, weshalb man einer derartigen Loge beitreten soll, wenn man sich in mäßigen Grenzen des Alkoholgenusses hält. So schädlich muß der Genuß des Alkohols doch nicht sein… Für Leute, die Säufer sind, und dadurch ihre Familie aufs Schwerste schädigen, ist der Beitritt zu einer derartigen Loge wohl zu empfehlen; aber im Allgemeinen ist es nicht nötig, den Alkohol so sehr zu bekämpfen, wie es die Temperenzler tun.“, Richard J. Evans (Hg), Kneipengespräche im Kaiserreich, Reinbek 1989


[44] Der abstinente Arbeiter, a.a.O. Ausgabe 2/1925


[45] Wie weit sich der DAAB von den drängenden Problemen der 20er Jahre – politische Putsche, Arbeitslosigkeit, Inflation – entfernt hatte und sektiererische Forderungen ins Zentrum seiner Agitation stellte, zeigt ein Artikel zur Frage, ob die Abstinenzforderung des DAAB Askese sei: “...unser Ziel! Konsumkultur und Optimismus bei bewusster Lebensführung, nicht Lustersatz und dumpfes Dahinleben im Rausch des Alkohol, im Rauch des Tabaks und im Dunst der Unwissenheit. Auch hier gilt es, das Bewusstsein zu reformieren im Kampf gegen den Unverstand der Massen, der auch noch heute unser schlimmster Feind ist.“ (Unterstreichungen v. Verf.), „Der abstinente Arbeiter“, Berlin 1925, (Ausgabe 5/25, S. 2) Der DAAB entfernte sich nicht nur immer mehr von der Basis der Arbeiterklasse und den Empfindungen der Arbeiter, sondern spielte sich auch noch als deren  Lehrmeister auf, der einer verdummten Masse auf den rechten Weg verhelfen muss.


[46] Bei den Wahlen zum Reichstag 1924 erzielten SPD und KPD zusammen ca. 180 Mandate; die 12 abstinenten Abgeordneten repräsentierten also nicht einmal 8% der sozialistischen Abgeordneten.


[47]  „Unsere österreichischen Gesinnungsgenossen haben leichtere Arbeit. Sie können sich auf den großen Vorkämpfer der österreichischen Arbeiterbewegung, auf Victor Adler berufen, der durch sein Beispiel und sein Wort immer wieder für Abstinenz geworben hat.“ In dem gleichen Artikel wird auf den Nachfolger Adlers, den Genossen Otto Bauer hingewiesen, der, in einem flammenden Bekenntnis zur Abstinenz und Organisation im Arbeiter-Abstinenten-Bund, seinen Beitritt zum „österreichischen Bruderbund“ erklärt hat. In: „Der abstinente Arbeiter“, a.a.O., Ausgabe 2/25, S. 1


[48] „Gelänge es … der Temperenzlerbewegung, … die deutschen Arbeiter in Masse zu bewegen, das Wirtshaus zu meiden…,dann hätte sie erreicht, was dem Sozialistengesetz niemals auch nur annähernd gelungen: der Zusammenhalt des Proletariats wäre gesprengt…“ Karl Kautsky, zitiert in Hasso Spode, Die Macht der Trunkenheit, a.a.O.


[49] „Der Abstinente Arbeiter“ 5/1925, Berlin 1925, S. 32f


[50] ebenda


[51] ebenda


[52] Informationsschrift  „Der Aufstieg des Proletariats hängt von den geistigen Fähigkeiten und Leistungen der einzelnen Arbeiter, also von der Tüchtigkeit ihrer Gehirne ab“ hrsg. vom DAAB, Gau IV, Freistaat Sachsen, ohne Datum


[53] Flugblatt des DAAB, Berlin, ohne Datum. Dass sich deutsche Arbeiter ihre politischen Proteste gerne mal für elementare Genusserlebnisse abkaufen ließen, zeigte ihr Verhalten bei den Unruhen von 1848: „Als in den stürmischen Märztagen des Jahres 1848 die Menge vor dem Palais des preußischen Ministerpräsidenten von Auerswald in Berlin randalierte, trat ihr der Fürst Lichinowsky mit der Frage entgegen, was man denn wünsche: Die Antwort war: `Rochen´, denn damals war Rauchen auf allen Straßen und Plätzen Berlins noch strengstens verboten. Lichinowsky verschwand, um alsbald mit der Nachricht wiederzukommen: es werde in Zukunft gestattet. Als der Fürst auch die Frage ` Im Tiergarten ooch?´ nach kurzen Besinnen bejahte, begab sich die Menge, sich friedlich zerstreuend, nach Hause.“ Zitiert aus „Tabago – Ein Bilderbuch vom Tabak und den Freuden des Rauchens“, hrsg. im Auftrag der Fa. Reemtsma zum 50 jährigen Bestehen der Cigarettenfabrik, Hamburg 1960


[54] Flugblatt DAAB, ebenda


[55] Kaiser Wilhelm II. hatte nämlich prophezeit, dass nur die Nation aus dem kriegerischen Ringen des 1. Weltkrieges als Sieger hervorginge, die am besten ihren Alkoholkonsum im Griff habe. Auch hier zeigte die Geschichte erneut die folgenschwere „deutsche Nationalneigung zum Trunke“.


[56] „Will die Geschichte etwas Gewaltiges schaffen, dann schöpft sie aus dem Born unverbrauchter Einfachheit. Dann aber erwächst der Masse die heilige Pflicht, sich unverbraucht und lebenskräftig zu halten. Und hier wird die Sterilisation bedeutsam. Die Abstinenz soll uns ein Volk der Zukunft sichern. Die Sterilisation aber soll und will der Zukunft Platz machen. Das Minderwertige, das im Sumpf der Gemeinheit weiterwuchert, ja das meist wahllos und maßlos zeugt, das soll dem Gesunden zuliebe heute schon aussterben.“ Der abstinente Arbeiter, a.a.O., Ausgabe 1/25. Diese Sätze könnten auch aus einer gesundheitsprogrammatischen Erklärung der NSDAP stammen und dokumentieren eine Überheblichkeit, die uns auch in den Schmähungen gegen eine antikapitalistische, aber alkoholtrinkende Arbeiterschaft begegnet ist.


[57] So äußerte sich der Nervenarzt und Privatdozent M. Kauffmann zur Frage „Wer muß abstinent leben?“ folgendermaßen: “Solche krankhaft veranlagten oder auch krank gewordenen Leute, auf welche selbst geringe Mengen von alkoholischen Genußmitteln abnorm wirken, müssen selbstverständlich dem Freudenbecher entsagen, und vor allen Dingen auch diejenigen, welche nicht Maß halten können, die, wenn sie erst anfangen zu trinken, kein Ende mehr finden...“, M. Kauffmann: Kritik der fanatischen Alkohol-Abstinenz-Bewegung, Leipzig 1913


[58] Freud hatte gerade erst begonnen seine Theorie vom Unbewussten zu entwickeln und war in den Augen der quantifizierbaren Wissenschaften entweder ein Scharlatan oder  ein – im wahrsten Sinne des Wortes – phantastischer Träumer.


[59] vergl. auch Kapitel „Exkurs: Gedanken zur wissenschaftlich-historischen Betrachtung des Alkoholkonsums“


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