Der Kreuzbund [1]

 

Vorbemerkung[2]

 

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem Unternehmen, das Repräsentant für eine weltweite religiöse Überzeugung ist. Dieses Unternehmen bestreitet einen Teil seines Einkommens aus der Herstellung und dem Vertrieb von Alkohol. Die Beschäftigten sind dafür bekannt, dass sie einen guten Tropfen schätzen und haben seit Jahrhunderten die (alkoholischen) Trinksitten eines ganzen Volkes maßgeblich mitbestimmt.

Werbung 1930: Andechser Klosterbier - Bild vergrössern

Postkarte 1920: "Seinem Freunde Frater Jakobus"

Und nun kommen einige Kollegen daher und fordern von diesem Betrieb, er solle sich für Abstinenz stark machen. Die würden Sie vermutlich für nicht ganz normal halten und wahrscheinlich versuchen ein derartiges Ansinnen zu ignorieren oder zu unterbinden.

So ähnlich befleißigte sich jedenfalls die katholische Kirche Anfang des 19. Jahrhunderts als einige ihrer Priester nicht nur den dramatischen Missbrauch des Alkohols anprangerten, sondern auch noch eine allgemeine Mäßigung bis hin zum völligen Verzicht auf Alkohol forderten. 

Dabei waren (und sind) die Mönche zahlreicher Klöster [3] und Orden [4] Erzeuger und Vertreiber von alkoholhaltigen Getränken (Bier, Wein und Spirituosen) und betätigten sich auch heute noch als Gastwirte. Ein Teil der katholischen Kirche ist damit ohne Zweifel ein  bedeutender Förderer der unseligen deutschen Trinksitten.

Kein Wunder also, dass bis zum Ende des 19.Jahrhunderts das Thema Alkohol auf den deutschen Katholikentagen ohne praktische Konsequenzen blieb[5]. Die sparsamen Versuche weniger katholischer Alkoholgegner wurden als ein unerfreuliches Steckenpferd von Sonderlingen ignoriert. Bemerkenswert ist dieses Vorgehen aber nicht wegen der offensichtlichen Trägheit der katholischen Kirche, sich am Kampf gegen die „Geisel der Menschheit“ zu beteiligen, sondern weil bislang von katholischer Seite offenbar niemand ernsthaft die Frage nach dem „Warum“.gestellt hat.

 

Als Pfarrer Josef Neumann mit seinem Fähnlein von 180 aufrechten Branntweingegnern [6] 1897 einen katholischen Mäßigkeitsverein, das spätere  Kreuzbündnis, gründete und damit die Grundlage für die katholische Abstinenzbewegung schuf, zählte man nämlich die organisierte Alkoholgegnerschaft in europäischen Ländern wie Schweden, Dänemark, Schweiz, Holland und Deutschland schon nach Zehntausenden.

Wenn man weiß, dass seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine intensive und von zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen getragene Kampagne gegen den Alkoholmissbrauch auch in Deutschland begonnen hatte, dann muss man sich fragen, warum die katholische Kirche solange gebraucht hat, sich offiziell und organisiert daran zu beteiligen. Das Bezeichnende an dieser Verschleppungstaktik der katholischen Kirche scheint mir zu sein, dass diese seltsamerweise nicht nur als solche nicht kritisiert, sondern auch an keiner Stelle versucht wurde, die Ursachen dafür zu ergründen.

Ich habe bei meinem Quellenstudium[7] keinen einzigen Hinweis auf die jahrhundertealte, systematische Beteiligung der katholischen Kirche an Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von Alkohol gefunden. Darum sucht man natürlich auch vergebens nach der Entdeckung eines kausalen Bezugs zwischen dem „Hinterher -Hinken“ der Katholiken hinter der Abstinenzbewegung und der planmäßigen Alkoholproduktion in den Braukesseln und Weinbergen der katholischen Klöster.

Wer darin eine ungenügende Bereitschaft vermutet, historische Zusammenhänge gründlich aufzuarbeiten, weil dadurch vielleicht ein Schatten auf die Kirche fallen könnte, der liegt möglicherweise nicht ganz falsch. Weder zu dieser geschichtlichen Phase noch zur der – politisch erheblich schwerwiegenderen – Zeit des Faschismus habe ich, in den mir zur Verfügung stehenden Unterlagen, Thesen gefunden, die die ökonomischen Interessen der katholischen Kirche am Alkoholkonsum hinterfragt haben.

Ansichtskarte 1905: der Salvatorgruß

 Wenn man dann später endlich die runden Geburtstage des Kreuzbundes feierte, dann trübte kein Körnchen – das können Sie alkoholisch oder reinigungstechnisch verstehen – Selbstkritik die historische Rückbetrachtung [8] .Ein bedauernswertes Beispiel für diese Konfliktverflachung ist der Rückblick des langjährigen Bundesvorsitzenden des Kreuzbundes, Geistl. Rat Wilhelm Weidmann, auf „Fünfzig Jahre Kreuzbund“. Man erfährt kaum etwas von dem jahrelangen, z. T. hasserfüllten Streit zwischen Mäßigkeit- und Abstinenzbewegung, außer einer beschönigenden Aussage über den Zusammenschluss[9] , und die hohen katholischen Würdenträger und offiziellen Institutionen werden als überzeugte Unterstützer der katholischen Abstinenzbewegung gelobpreist. Das dem keineswegs so war, wird im weiteren Verlauf des Textes deutlich werden.

 

  




 

 

Alkoholherstellung und –verkauf  –  eine Haupteinnahmequelle katholischer Ordensgemeinschaften

 

Wer einen – wenn auch nur ausschnitthaften –  Blick auf die jahrhundertealte Tradition der katholischen Alkoholproduktion wirft, für den wird die gesellschaftliche und finanzielle Bedeutung erkennbar, die der Alkohol für die Kirche hatte. Ich möchte im Folgenden einige Texte zitieren, die die traditionelle und intensive Verbindung der katholischen Kirche mit Herstellung und Verkauf von Alkohol belegen[10]:

Ansichtskarte 1930: Fabrikanlage der Franziskaner-Leist-Brauerei München

 „Bénédictine®ist ein alter Kräuter- und Gewürzlikör, der auf eine alte Klosterrezeptur zurückgeht. Die Basisrezeptur wurde von einem Benediktinermönch um 1510 entwickelt. Der kräftige, aromatisch-süße Kräuterlikör besteht aus Kräuter- und Gewürzauszügen, Zucker und Honig und hat einen Alkoholgehalt von 40 % vol.“

„Der Chartreuse ist ein Kräuterlikör, der von den Kartäusermönchen hergestellt wird. Erst 1755 gelang es dem Kartäusermönch Jérôme Maubec, der Apotheker war, dafür auch ein Herstellungsverfahren zu entwickeln. Seit damals kennen traditionell jeweils nur sehr wenige Mönche die genaue Rezeptur, die deswegen angeblich auch niemals gemeinsam verreisen dürfen. Erst nach dem Ableben eines von ihnen wird dann wieder ein neuer Mönch in das Chartreuse-Geheimnis eingeweiht.“[11]

  „(Im Mittelalter) wurde um die Bischofsstädte vermehrt Wein angebaut, und ebenso in der Nähe von Klöstern, denn die Regel des Benedikt von Nursia erlaubte es den Mönchen, Wein zu trinken. (…) So begann der Weinbau im Anjou auf Initiative des Bischofs von Nantes. (..) In der Pariser Gegend besaß die Abtei Saint-Germain-des-Près 300-400 Hektar Weinbaufläche; und das Kloster von Saint-Denis führte den Weinbau in Argenteuil nordwestlich von Paris ein. (…) Eine ganz erstaunliche Höhe erreichte der Weinkonsum bei den Vertrauten des Bischofs von Arles im Jahre 1424: 2,5l pro Kopf und Tag, das macht im Jahr 900Liter!“[12]

 „Eine der ältesten Klosterbrauereien (in Deutschland, der Verf.) ist Weihenstephan in Freilassing, wo die Benediktiner schon 768 Hopfen angebaut haben sollen. (…) Andernorts brauten nur Klöster (und Adelshöfe) für den Ausschank…“[13]

 Im Mittelalter herrschte in den Städten und auf dem Lande ein sehr strenger Bierzwang, d.h. in der jeweiligen Region durfte nur das dort produzierte Bier verkauft werden. Bei der häufig sehr unterschiedlichen Bierqualität eine wahre Qual für die Bewohner mancher Städte und Landstriche. Ausgenommen vom Bierzwang war nur die Geistlichkeit.

 „Ihr war es gestattet für den eigenen Bedarf auch Bier aus fremden Städten einführen zu können. Das nutzte der Pfarrhof in Görlitz weidlich aus. In einer Stadtgeschichte von Görlitz ist zu lesen, dass es die Geistlichkeit mit dem Bier-Ausschank arg trieb und aus dem Pfarrhof eine Spielspelunke machte. Begünstigt durch die berauschende Wirkung des Bieres, luchsten die Priester mit Karte, Kugel und Brett, den Bürgern ihr Geld ab.“[14]  

Ansichtskarte 1905: der Gruß vom Salvator

 Auch die Paulaner, die im 17. Jahrhundert aus Italien nach Bayern kamen und sich zunächst im Kloster Neudeck bei München ansiedelten, kannten sich gut im Bierbrauen aus. 1660 erhielten sie das Braurecht und entwickelten hochprozentige Biersorten, die gerne in der Fastenzeit angeboten wurden.[15]

Welche Begeisterungsstürme der „Salvatoranstich[16] auslöste, offenbarte sich an seiner alljährlichen festlichen Inszenierung und dass bald überall in Deutschland derartige „Bockbierfeste“ ausgerufen wurden.

Was während dieser Festlichkeiten so alles passierte, demonstrieren die folgenden Postkarten. Und niemandem schien es um die Jahrhundertwende peinlich zu sein, sich nach dem ausgiebigen Konsum dieses stark alkoholhaltigen Bockbieres bei kollektiven und umfassenden Kontrollverlusten zu zeigen. Wieder einmal erweist sich die Postkarte als schonungsloses Medium, gesellschaftliche Umgangsformen und Rituale zu bilanzieren.

Ansichtskarte 1909: Gruß vom Bocktrubel

Ansichtskarte 1905: Gruß vom Bockbierfest

Ansichtskarte 1908:Gruß vom...: "Heimkehrer vom Bockbierfest"

Welche Auswirkungen die kollektiven Besäufnisse für die Salvator- und Bockbierfreunde hatten, zeigt diese Karte unmißverständlich. Niemand, weder Frau noch Mann, waren noch ihrer Sinne mächtig. Volltrunken und von den Folgen des starken Bockbierkonsums gezeichnet, geschoben, geschubst, getorkelt, auf allen Vieren oder gänzlich betäubt, präsentieren sich die Festteilnehmer auf dem Schlachtfeld des Rausches.

Übrigens sind katholische Orden auch noch im 20. Jahrhundert weiterhin an der Herstellung von Alkohol beteiligt: 

„So bestand 1975 eine 27jährige Franziskanerin aus Mallersdorf bei München ihre Braumeisterprüfung als beste von dreißig sonst nur männlichen und weltlichen Studenten. Jetzt ist Schwester Doris Braumeisterin des Mallersdorfer Klosterbräu.“[17]

 Und auf der aktuellen Homepage des Trappistenklosters Abtei Mariawald preisen die Mönche ihre Klosterschänke mit dem leckeren Trappistenbier und ihre traditionsreiche Likörproduktion an:

„Likörproduktion

Vor rund 100 Jahren hatten die Mariawalder Trappisten einen guten Freund und Förderer, der sich mit dem Kloster sehr verbunden fühlte. Gemeinsam mit unserem damaligen Prior entwickelte dieser Apotheker eine Kräutermixtur, die unserem Mariawalder Klosterlikör seit dieser Zeit zugrunde liegt.

(…)

In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts brachte uns ein Mitbruder auf den Gedanken, neben diesem uralten Rezept einen weiteren Likör zu entwickeln, der dem Geschmack entgegenkommt, der eine herbere Richtung bevorzugt.
So entstand der Trappisten-Abteitropfen, in der Farbe etwas dunkler, im Alkoholgehalt etwas niedriger und vor allem auch im Zuckergehalt für Menschen zu verkosten, die dem Süssen weniger zugeneigt sind.
Unser Mariawalder Klosterlikör und unsere Trappisten Abteitropfen sind wegen ihrer bekannten Qualität und Bekömmlichkeit auch als Geschenk vorzüglich geeignet und bereiten immer wieder Freude. Informationen zu unseren Likören, zu Bezugskonditionen und Preisen sowie zu Vertriebspartnerschaften erhalten Sie auf telefonische oder schriftlich Anfrage.“[18]




 

 

 

Wir sind auch noch da! - Die katholische Mäßigkeits-Bewegung

 

Auf dem 54. Katholikentag 1907 wird in der Festschrift zur katholischen Mäßigkeitsbewegung Kardinal Kopp , ein hoher Kirchenfürst, mit den Worten zitiert:

Ansichtskarte 1906: 53. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Essen 1906

“(…) während die Mäßigkeitsbewegung in weltlichen Kreisen immer weiter Umfang gewinne, ihre Erfolge auf kirchlichem Gebiete leider weit zurückständen, ja daß vielfach in kirchlichen Kreisen jedes Interesse und Verständnis für die Mäßigkeitssache fehle…“

Eigentlich hätte sich der Kardinal doch darüber nicht zu wundern brauchen; er musste doch am besten wissen, wie nachhaltig seine Kirche in Herstellung und Vertrieb von Alkohol verwickelt war. Von einer Organisation etwas zu ersehnen, was letztlich gegen ihre Interessen gerichtet ist, löst einen schier ewigen Widerspruch aus.

Dieser Widerspruch behinderte nachhaltig die freie Entfaltung und Entwicklung einer katholischen Abstinenzbewegung und – was beinahe noch schwerwiegender ist – lässt ihn permanent und unauflösbar werden, weil seine eine Seite, die „alkoholische“, verleugnet werden muss. Wer aber diese Verstrickungen ignorieren muss, paralysiert sich selbst und nähert sich fatalerweise schizophrenen Denkstrukturen.

Ein Beispiel für diese ungewöhnliche Selbstdisziplinierung ist das Katholisch-soziale Zentralorgan „Christlich-Soziale Blätter“ vom 25. Febr. 1877, in dem ein aufrüttelnder Artikel zur „Branntweinpest – ein großes Stück sozialen Elendes“ veröffentlicht wurde. An dessen Ende befindet sich ein Angebot des leckeren roten oder weißen „Tiroler-Weins“, den man gleich hektoliterweise für 29 Mark ordern konnte! 

Natürlich wurde dieser Widerspruch in seinen konkreten Auswirkungen auch bewusst wahrgenommen. So wurden auch immer wieder Passivität und Ambivalenz der katholischen Bewegung beklagt [19]. Gerade einer ihrer später verschmähten Protagonisten brandmarkt in seiner Festschrift diese andauernde Untätigkeit, als er feststellt, dass sich an der niederschmetternde Bilanz von Kardinal Kopp auch drei Jahre später nichts geändert hat. [20]

Titelblatt der Agitationsschrift "König Alkohol"

Der Verfasser der Festschrift war Pfarrer Johannes Haw, ein katholischer Geistlicher, der sich seit Ende des 19. Jahrhunderts intensiv mit der Alkoholfrage beschäftigt und eine bedeutsame Agitationsschrift verfasst hatte. [21] Später wird der bekannteste katholische Alkoholgegner und erfolgreiche Agitator für Abstinenz, Pater Elpidius, in seinem Lebenswerk, von dem tiefen Eindruck berichten, den Haw´s Kampfschrift auf ihn gemacht hat. [22]

Haw vertrat eine Position, die von Mäßigkeit statt von Abstinenz bestimmt war. Das war in der damaligen Anti-Alkohol-Bewegung eine durchaus verbreitete Meinung und entsprach exakt der katholischen Auffassung über den Konsum von Genussmitteln.

Diese war und ist die Widerspiegelung der jahrhundertealten Tradition katholischer Klöster in der Alkoholherstellung. Die wissenschaftliche Begründung für diese grundsätzliche Akzeptanz des Alkoholkonsums wurde im Jahre 1900 im „Arbeiterwohl“, Organ des Verbandes katholischer Industrieller und Arbeiterfreunde, geliefert:

„Die äußere Umgebung des Menschen ist durchweg nicht reich an Sinneseindrücken, welche Lustgefühle hervorrufen, bietet weiten Kreisen sogar vorwiegend peinliche Eindrücke. (…) In dem Maße nun, als die Erweckung von Lustgefühlen für den Menschen erlaubt, ja wünschenswert und sogar notwendig ist, ist darum der Genuß alkoholischer Getränke gestattet.“ [23]

Ansichtskarte 1908: der Traum des Mönchs

Mit der Forderung nach „voller Enthaltsamkeit“ und einer „allgemeinen Pflicht nach Abstinenz“ nehmen  solche „rein moralischen Mäßigkeitsbestrebungen“ nicht selten einen „zudringlichen und bevormundenden Charakter an“. [24]

Wie überzeugt der Herr Dr. Pieper von seiner alkoholliberale Position war, zeigt sich an der Tatsache, dass er auch nicht davor zurückschreckte, die katholische Mäßigkeitsbewegung zu kritisieren:

„Es ist tief zu bedauern, dass nicht zum geringsten Theile durch diese Fehler mancher Förderer der Mäßigkeitsbestrebungen die letzteren heute in großen Kreisen der Bevölkerung als etwas durchaus lächerliches angesehen werden. Auch auf katholischer Seite ist diese Anschauung leider weit verbreitet und wird durch manche Erscheinung auf dem Gebiet der katholischen Mäßigkeitsbestrebungen genährt.“ [25]

Da wundert es nun nicht mehr, dass auch der - in allen Erinnerungs- und Gedenkschriften des Kreuzbundes – hoch gelobte und als Gründervater geehrte Pfarrer Josef Neumann , ein Anhänger der Mäßigkeit war. Er hatte über viele Jahre immer wieder auf den Generalversammlungen der Katholiken (den späteren Katholikentagen) versucht den massiven Alkoholmissbrauch in Deutschland auf die Tagesordnung zu setzen und um eine kritische Meinungsäußerung der katholischen Kirche gekämpft.

Titelblatt der Arbeiterwohlfahrt: "Der Schnaps"

Er konnte sich dabei auch auf die 1883 herausgegebene Streitschrift gegen den Schnaps berufen. [26] Darin wird mit dem seinerzeit noch verbreiteten Irrglauben von der Nützlichkeit des Schnapses für die arbeitenden Massen aufgeräumt und Elend und Not angeprangert, die durch den Branntweinkonsum über die Trinker und ihre Familien kommen. Von der schädlichen Wirkung durch Wein und Bier erfährt man allerdings nichts; der Wirkstoff aller drei Getränke, der Alkohol, hatte sich teilweise verflüchtigt.

Doch selbst mit dieser deutlich liberalen Linie gegenüber den Bier- und Weintrinkern hatte Neumann bei seinen Glaubensbrüdern wenig Erfolg. Wie entmutigt er von der Verschleppungstaktik seiner Kirchenfürsten gewesen sein muss, wird an seiner Hinwendung zum bürgerlich, überkonfessionellen Deutschen Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke (DVgMgG kurz DVMG) erkennbar. [27]

Der 1883 gegründete Verein war „zunächst ein reiner Gesellschaftsverein, in dessen Führungsspitzen hohe und höchste Personen aus ganz Deutschland wirkten. (…) Die persönliche Abstinenz (…) war keine Voraussetzung, so daß jedem Mitglied der Genuß von Alkohol gestattet war. Man hatte lediglich dem Mißbrauch den Kampf angesagt“. [28]

Es überrascht nicht, dass das offenbar die einzige Richtung war, für die man in der katholischen Kirche Sympathien aufbringen konnte. Und so beschloss Neumann 1896 zunächst eine Art katholischer Sektion des DVMG zu gründen. Er stellte aber ziemlich schnell fest, dass „diese Art von Mäßigkeitsverein im katholischen Sektor nicht wirksam arbeiten konnte“.

Durch seine unermüdliche und unerschütterliche Werbearbeit und Agitationsreisen – auf sämtlichen Katholiken- und Caritastagen ist Neumann dabei und setzt die Alkoholfrage auf die Tagesordnung – wurde seine Mäßigkeitssache bald überall bekannt. 1897 erfolgte die selbstständige Bildung eines katholischen Mäßigkeitsvereines, der ein regelmäßig erscheinendes Aufklärungs- und Informationsblatt, den „Volksfreund“, herausgab; damit war der Keim für den heutigen Kreuzbund gelegt.

   




 

 

Mäßigkeit oder Abstinenz – Richtungskämpfe der katholischen Alkoholgegner

 

Wer gehofft hatte, dass damit das entscheidende Hindernis für eine organisierte und von der katholischen Kirche geförderte Anti-Alkoholarbeit ausgeräumt war, wurde jedoch enttäuscht. Denn nun begann ein Streit um die richtige Linie – mit Haken und Ösen – wie man ihn sonst nur bei konkurrierenden sozialistischen Parteien kennt.

In Anlehnung an den DVMG gab es zunächst keine klare Bestimmung für eine Mitgliedschaft. Jeder, der nur die Ziele der Bewegung „den Missbrauch geistiger Getränke zu steuern, sowohl in vorbeugender Weise, als auch im Kampf gegen das bereits zutage getretenen Übel und seine Ursachen“ bejahte, war willkommen. [29]

„Mäßigkeit für Alle, Enthaltsamkeit für die Jugend, Trinker und Trinkerfreunde!“, dieser Parole konnten sich auch Liebhaber eines „Guten Tropfens“ anschließen. Allerdings begann man schon eine gewisse Differenzierung der Mitgliedschaft vorzunehmen. Im Volksfreund erscheint 1898 ein Statut, das zum ersten Mal eine Dreigliedrigkeit der Mitglieder vornimmt:

    • Mäßige

    • Branntweinabstinente und

    • Totalabstinente

    Neumann äußert sich zu dieser Differenzierung so:

    „Die im rheinisch-westfälischen Industriebezirk blühenden Vereine haben eine zweite Gruppe von Mitgliedern mit Enthaltsamkeit von den gebrannten Getränken (relative Abstinenz) und teilweise noch eine Gruppe von Mitgliedern mit Enthaltsamkeit von allen geistigen Getränken (absolute Abstinenz) eingerichtet. Die Mitglieder der 2. und 3. Abteilung bilden das Kreuzbündnis.“ [30]

    Dieses Zweiklassensystem wird von den meisten Abteilungen der katholischen Mäßigkeitsbewegung bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts beibehalten. Der in einigen Regionen und Ländern bereits praktizierten Konzentration der Mitgliedschaft auf ausschließlich Totalabstinente begegnet Neumann darum noch mit Skepsis:

    „Wenn für die Schweizer Verhältnisse die Abschaffung der zweiten Klasse sich bewähren sollte, so können wir sie für Deutschland nicht entbehren. Mögen die Resultat der strengen Abstinenz z.B. in Hamburg noch so glänzend sein, so wird doch in gewissen Gegenden das Hauptgewicht auf die 2. Klasse zu legen sein, wenn nicht von vorne herein die ganze Bewegung als aussichtslos betrachtet werden soll.“ [31]

    Plakat Franziskaner Bräu München: "Wir trinken mäßig, aber regelmäßig..."

    "Wir trinken mäßig, aber regelmäßig..."

    Diesen persönlichen Standpunkt hielt Neumann letztlich für den einzig erfolgversprechenden Weg[32] – in einem Land, dessen katholische Kirche so nachhaltig in Herstellung, Vertrieb und Konsum von Alkohol verschiedenster Couleur verwickelt war, eine pragmatische Position, die sich nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland auch wieder durchgesetzt hat.

    Dass sich Neumann mit seiner liberalen Anschauung letztlich nicht behaupten konnte, war auf verschiedene Entwicklungen zurück zu führen, die sich außerhalb der katholischen Mäßigkeitsbewegung schon lange vollzogen hatten.

    Die beiden einflussreichsten Abstinenzgruppen in Europa und Deutschland, die Guttempler und das Blaue Kreuz, beide schon seit Mitte der 1880er Jahre aktiv und mit tausenden von Mitgliedern, verfochten längst eine totale Enthaltsamkeit von allen alkoholischen Getränken. Sie befanden sich damit zwar im Gegensatz zum DVMG, hatten aber durch das intensive persönliche Engagement ihrer Mitglieder einen starken Einfluss auf die Abstinenzbewegung.

    Ansichtskarte von 1907: Aufruf zur Fehde gegen den "Volkstyrann"

    Ein Übriges taten die medizinischen Forschungen und Erkenntnisse über den Alkoholismus. Zahlreiche renommierte Ärzte und Wissenschaftler belegten die absolute Giftigkeit des Alkohols für den menschlichen Organismus und traten für eine Totalabstinenz ein (s. auch Anm. 62).

    Diese veränderte Situation erreichte auf dem IX. Internationalen Kongress gegen den Alkoholismus einen ersten Höhepunkt.

      




     

     

    Der  Bremer Kongress 1903  

    Dieser Kongress fand in einer historischen Phase statt, in der Forscher und Wissenschaftler den Menschen suggerierten, sie hätten nun bald die letzten Geheimnisse der Welt enthüllt und nichts sei in dieser modernen Zeit mehr unmöglich. Materialistische Weltanschauungen hatten Hochkonjunktur. Der Glaube an die Allmacht des Menschen und nicht an die eines allmächtigen Gottes beherrschte insbesondere die deutsche Gesellschaft nach 1871.

    Da schien eine religiöse Kraft wie der Glaube an Gott, der den Lauf der Dinge und das Schicksal eines jeden Einzelnen bestimmt, zu einem naiven Ritual zu verkümmern, dass man seinen Kindern zum Nachtgebet überlies. Jedenfalls glaubte die Mehrheit der deutschen Abstinenzbewegung, auf religiöser Basis keinen aussichtsreichen Kampf gegen den Alkoholismus und schon gar nicht gegen die gesellschaftlichen Trinksitten führen zu können.

    Vor diesem Hintergrund erntete einer der Protagonisten dieses wissenschaftlichen Objektivismus, Prof. August Forel [33]   für seine scharfen Attacken gegen die christliche Weltanschauung von Blaukreuz und Kreuzbündnis großen Beifall auf dem Bremer Kongress: mit dem medizinischen Krankheitsbegriff vom Alkoholismus habe die Anti-Alkoholbewegung endlich eine objektive Basis erhalten, erfolgreiche Behandlungsmethoden zu entwickeln.

    Der Trinker sei kein Sünder, wie die Blaukreuzler behaupteten und nur durch das Evangelium zu retten, sondern ein Kranker, der nur durch das Zusammenwirken wissenschaftlicher Behandlungsmethoden geheilt werden könne.

    Die Blaukreuzler waren über diese und andere „Gottlosigkeiten“ so empört, dass sie sich aus der nationalen und internationalen Bewegung gegen den Alkoholismus endgültig verabschiedeten. Hier zeigte sich ein deutlicher Unterschied zum konfessionellen Konkurrenten, dem Kreuzbündnis.

    Die Blaukreuzler blieben jahrzehntelang eine ausschließlich religiös motivierte Bewegung, die sich hartnäckig weigerte neuere Forschungen und Erkenntnisse zum Alkoholismus anzuerkennen [34] und jeden Versuch, politischen Einfluss auf Gesellschaft und Staat zu nehmen, kategorisch ablehnte. Vereinzelte „weltliche“ Aktivitäten wie z.B. die Errichtung von alkoholfreien Treffpunkten wurden von der Blaukreuz-Leitung konsequent untersagt. Da das Blaue Kreuz trotzdem einen beträchtlichen Zulauf hatte und ansehnliche Erfolge in der „Trinkerrettung“  erzielte, sah man auch keine Veranlassung, etwas an dieser Linie zu ändern.

    Immerhin waren die Vertreter des Kreuzbündnisses nicht so empfindlich. Pfarrer Neumann war zwar auch empört über die unchristlichen Anschauungen und die z. T. demagogischen Angriffe Forel`s auf die katholische Kirche [35] und wehrte sich wortkräftig auf den Versammlungen, aber er zog sich nicht in die Schmollecke des beleidigten Sektierertums zurück.

    Zum einen weil Neumann und seiner katholischen Anti-Alkoholbewegung immer klar war, dass das Problem des Alkoholismus nicht nur durch die Schaffung von Trinkerheilanstalten zu bewältigen war, sondern auch gesellschaftspolitische Maßnahmen erforderte [36]. Zum anderen, weil die katholische Mäßigkeitsbewegung auch ein offenes Ohr für Forels Anregungen in der Behandlung der Alkoholfrage hatte. [37]

    Aber die versuchte Isolierung christlicher Trinkerrettung bei den Treffen nationaler und internationaler Alkoholgegner war es nicht, die beinahe zur vollständigen Paralysierung der katholischen Mäßigkeitsbewegung geführt hätte. Die Gefahr kam diesmal nicht von innen, sondern von außen: Von den 180 Mitgliedern, die 1899 das Kreuzbündnis von Pfarrer Neumann bildeten, hatte ein gewisser Dr. med. Schmüdderich [38] allein 110 von den Guttemplern „abgeworben“.

     




     

     

    Abtrünnige Guttempler „unterwandern“ die katholische Mäßigkeitsbewegung

    Diese ehemaligen Guttempler waren katholische Alkoholgegner mit dem klaren Bekenntnis zur Abstinenz. Da ihnen in der katholischen Kirche – wie allen anderen Kämpfern gegen den Alkohol –  Abwehr und Widerstand entgegenschlugen, hatten sie sich der internationalen, überkonfessionellen Abstinenzbewegung der Guttempler angeschlossen, die 1883 in Deutschland - ausgehend von den USA über Skandinavien – die erste organisierte Vereinigung  gegen den Alkoholismus in Europa gegründet hatte.

    Obwohl die Guttempler keine klassische Freimaurerloge waren [39], deren geheimnisumwitterte, spirituelle  Rituale in der konservativen und aristokratisch Bevölkerungsschicht tiefes Unbehagen hervorriefen, erwirkten katholische Bischöfe aus Amerika, Kanada und Norwegen einen Beschluss beim Heiligen Stuhl, dass kein „Katholik bei der freien religiösen Anschauung des Ordens, die im Gegensatz zu den strengen dogmatischen Forderungen der katholischen Kirche steht, Mitglied des Ordens sein darf“.

    In einem Erlass von 1892 bzw. 1893 bestimmte die Kongregation dies ausdrücklich! [40]

    Auch wenn sich die Guttempler diese Bevormundung und massive Einmischung in ihre Politik und Struktur nicht gefallen ließen und bis zum Papst gingen, um eine Aufhebung dieses Beschlusses zu erreichen, wurden sie erst 1965 durch ein Schreiben des Apostolischen Nuntius in Deutschland rehabilitiert. [41]

    Jedenfalls waren diese widerwilligen Abtrünnigen des Guttempler-Ordens frei von jeglicher Rücksichtnahme auf katholische Ordensinteressen und Alkoholgemäßigte. Sie forderten klar und konsequent:

    „Kein Mitglied (der Loge) darf irgendwelche alkoholischen Getränke (Wein, Obstwein, Bier, Braunbier, Branntwein, usw.) herstellen, kaufen, verkaufen, als Getränk gebrauchen, anderen zum Trinken liefern oder liefern lassen. Jedes Mitglied ist verpflichtet, der Herstellung, dem Verkauf und dem Gebrauch von alkoholischen Getränken in jeder geeigneten Weise entgegen zuwirken.“ [42]

    Kein Wunder, dass Bischöfe und Heiliger Stuhl eine entschiedene Abgrenzung gegen dieses ordensfeindliche Statut durchsetzen mussten. Eine ausdrücklich katholische Mitgliedschaft bei den Guttemplern war angesichts der alkoholischen Verwicklungen der katholischen Kirche in das Alkoholgeschäft eine offene Kriegserklärung

    Mit diesen kompromisslosen Alkoholgegnern blies auf einmal ein ganz anderer Wind in die katholische Mäßigkeitslethargie. Als die Abspaltergruppe von den Guttemplern unter der unerbittlichen Führung von Dr. Schmüdderich 1899 den kleinen Haufen von Pfarrer Neumann aufmischten, brauchten sie keine 5 Jahre um das bisherige 2 Klassensystem der Mitgliedschaft abzuschaffen. Nach der neuen Satzung und mit Anerkennung durch den Erzbischof von Köln waren ab 1904 nur noch Totalabstinente Vollmitglieder.

    Eigentlich hätte damit der Streit in der katholischen Abstinenzbewegung abgeschlossen sein können. Doch neben der Schmüdderich-Gruppe hatte sich eine andere Abspaltung von den Guttemplern selbstständig gemacht und den „Verein abstinenter Katholiken“ (VaK) gebildet. Dieser forderte nicht nur die beispielhafte Abstinenz im Kampf um alkoholkranke Trinker, sondern eine allumfassende und allgemeingültige Abstinenz von allen alkoholischen Getränken.

    Denken wir an die massive Verstrickung der Kirche und insbesondere der katholischen Ordensbrüder in die Alkoholherstellung, dann wird klar, dass eine derartige Radikalisierung der katholischen Mäßigkeitsbewegung nicht widerstandslos hingenommen werden konnte.

     




     

     


    Mäßigkeit wird Minderheit

     

    Nicht nur Pfarrer Neumann blieb – aus inhaltlichen, nicht aus taktischen Erwägungen heraus –  ein Anhänger der Mäßigkeit [43]. Da passte es zweifellos einer nicht gerade kleinen Gruppe von Geistlichen ins Konzept, dass der Pfarrer Johannes Haw, der gerade seine Kampfschrift „König Alkohol“ fertig gestellt hatte, sich anschickte, die Mäßigkeitsbewegung, die eben einen solchen Dämpfer erhalten hatte, wieder zu beleben.

    Haw hatte in seiner Agitationsschrift zwar ausdrücklich dem Schnaps, den Kampf angesagt, sah aber durchaus den Alkohol als grundsätzliches Übel, selbst in der Form von Bier und Wein. Allerdings „kennt Haw aber (auch, RMB) die Spannung (Unterstreichung, RMB) in der mancher Geistliche steht, deshalb auch sein Ruf zur Mäßigkeit, zur Schnaps-Abstinenz.“ [44]

    Für den Grundwiderspruch zwischen dem Bedürfnis nach einem „befreienden, guten Tropfen“ und der Erfahrung wie viel soziales Elend der Alkohol angerichtet hat, den Begriff Spannung zu benutzen, ist schon bezeichnend. Doch noch nicht einmal diese Kompromisslinie wird von einer Mehrheit der Geistlichkeit getragen. Haw wird von seinen Berufskollegen als „Schnaps-Haw“ diffamiert. [45]

    „Geradezu  humoristisch klingt der Tonbandbericht eines emeritierten Pfarrers, der als Kaplan zur Mäßigkeit des Rektors Haw stand, in dem er von der feuchtfröhlichen Geselligkeit seines damaligen Pfarrers erzählte, der so gar nichts für die `Sache des Haw am Hut hatte`, nein, von dem wolle er nichts wissen!“ [46]

    Mit solchen entmutigenden Erfahrungen und dem Wissen, dass „die eigentlichen Multiplikatoren für einen katholischen Verein die Geistlichen und Ordensleute (waren)“ [47], war die Beharrlichkeit mit der Haw seine Sache der Mäßigkeit vertrat, der  objektiven Lage angemessen und ein durchaus kluges diplomatisches Vorgehen. Derartiger taktischer Schachzüge bediente sich übrigens auch der große Agitator Elpidius. Als er in der Diözese Trier, dem Hauptwirkungsgebiet von Haw, predigte, verzichtete er auf die Forderung der Abstinenz [48]. In seinen Memoiren schreibt er dazu:

    „In den eigentlichen Weinländern der Trierer Diözese habe ich nicht für die Abstinenz geworben. Das würde auch nur Widerspruch wecken. Ich hatte früher dort schon einmal in einem Winzerdorf versucht, wenigstens den Schulkindern die völlige Abstinenz zu empfehlen, mit dem Erfolg, dass die Männerwelt bis in die Nacht in der Wirtschaft über mich geschimpft hat. Man kann es verstehen. Die Winzer, (…), sehen in jedem, der auch nur vor Unmäßigkeit warnt, ihren Feind.“ [49]

    Dann hätte er es eigentlich auch verstehen müssen, dass sich dieser Gegenwind aus den selben Gründen auch von den eigenen Glaubensbrüdern erheben musste. Aber soweit mochte nicht einmal Elpidius gehen, seine eigene Kirche in eine Reihe mit dem Alkohol-Kapital zu stellen. Immerhin war er der Einzige, der die alkoholische Tradition seiner Franziskanerbrüder wenigstens erwähnte.

    Haw war also mitnichten der Mann, der zu spät kam und hat auch keineswegs mit der Gründung seines katholischen Mäßigkeitsbundes Deutschlands „den Anschluß verpasst für den neuen Trend (der Abstinenz, RMB)“ wie es ihm einige neuere Kreuzbündler vorhalten. Ideologisch hatte er mit Sicherheit mehr heimliche Anhänger als der Kreuzbund jemals in seinen besten Zeiten haben sollte; dass er auf diese Art von Sympathisanten gerne verzichtet hätte, ist zu vermuten [50].

     Dennoch oder vielleicht gerade deshalb sah er sich von Beginn an vehementen Angriffen ausgesetzt. Sein Mäßigkeitsbund rufe „eine Spaltung in der katholischen Antialkoholbewegung hervor und schädig(e) das ältere Kreuzbündnis in moralischer und finanzieller Hinsicht“. So wurde es auf der 8. Delegiertentagung des Kreuzbündnisses 1909 festgestellt. Und die ehemaligen Guttempler, die sich im VaK organisiert hatten, machten ihrer radikalen Kompromisslosigkeit wieder einmal alle Ehre: „Die Mäßigen sind unsere größten Gegner!“

    Als sich im Dez. 1909 auf einer außerordentlichen Generalversammlung des Kreuzbündnisses beide Organisationen unter dem Namen „Kreuzbündnis/Verein katholischer Abstinenter“ (KB) zusammenschlossen [51], fühlte man sich mit neuer Macht versehen und verstärkte die Angriffe auf den Mäßigkeitsbund (MB). Bei verschiedenen offiziellen Treffen  sprach man dem Mäßigkeitsbund seine Existenzberechtigung ab und forderte – erfolglos – sogar die Auflösung des Bundes durch den Bischof. Und eine weitere Zusammenarbeit zwischen KB und dem MB wurde 1911 durch die Generalversammlung des KB abgelehnt. [52]

    Dennoch war die Entwicklung zu einem echten Abstinentenbund nicht mehr aufzuhalten. Haw`s Schachzug selber einen Abstinentenverein neben dem Mäßigkeitsbund zu gründen und beide Ende 1915 zu einem gemeinsamen Abstinentenbund, dem Kreuzbund, zu verschmelzen, hielt den Niedergang seiner Organisationen nicht mehr auf.

    Mit dem Eintritt von Pater Elpidius in das Kreuzbündnis und seinem klaren Bekenntnis zur Abstinenz, dass er in unzähligen öffentlichen Versammlungen erfolgreich propagierte, stiegen die Mitgliederzahlen sprunghaft an: von 2.700 im Jahre 1908 bis auf 55.000 im Jahre 1917. Dem hatte Johannes Haw nichts mehr entgegen zu setzen und die entscheidenden Würdenträger mochten wohl den Werbeeffekt, den das starke Mitgliederwachstum für die katholische Kirche insgesamt hatte, nicht mehr ignorieren. [53]

    Nach einer kurzen  Phase der Entspannung, während derer die Einflusssphären der beiden konkurrierenden Organisationen von offizieller katholischer Seite klar gegeneinander abgegrenzt waren, fand 1921 der endgültige Zusammenschluss von KB und MB statt; damit vollzog sich letztlich die Auflösung der organisierten Mäßigkeitsbewegung in der katholischen Kirche. Das Einzige was von den antialkoholischen Aktivitäten des Pfarrers Johannes Haw geblieben ist, war der Name seiner Organisation, „Kreuzbund“ und ein negativer Gesamteindruck, der einem aus den vorliegenden Quellen förmlich entgegen springt. Dabei hat er, wie wir später sehen werden, nur die offizielle Kirchenmeinung wider gespiegelt.

    Ein anderer katholischer Alkoholgegner hatte bei den Chronisten der katholischen Abstinenzbewegung einen sehr viel positiveren Eindruck hinterlassen.


     




     

     

    Pater Elpidius Weiergans


    Foto von Pater Elpidius aus dem Buch"ßne Kölsche Jung"

    Pater Elpidius

    Als der Geschäftsführer des Kreuzbündnisses, Pater Syring, erfreut feststellte, dass „die Entwicklung, die das Kreuzbündnis im Jahre 1910 genommen hat, (dürfte) in der Geschichte der deutschen Abstinenzbewegung einzig dastehen“, nannte er nicht den Namen Elpidius. In typischer Tradition eines Vertreters der „reinen Lehre“ – Syring gehörte zur Fraktion der Totalabstinenten – führte er den Aufschwung auf das Bekenntnis zur Abstinenz zurück. 

    Dabei stand doch schon im „Volksfreund“ von 1909 wie man die Menschen für die Abstinenz gewinnt: „Mehr Agitation! Ohne Agitation erreichen wir im öffentlichen Leben nichts. Das bewahrheitet sich besonders im Kampf gegen den Alkohol.“ Und so ein – überaus erfolgreicher – Agitator war Elpidius. Die katholische Kirche müsste Pfarrer Haw eigentlich immer noch dankbar sein, dass seine Agitationsschrift  „König Alkohol“ maßgeblich für die Entscheidung von Elpidius war, sich mit seiner ganzen Kraft dem Kampf gegen den Alkohol und für Abstinenz zu widmen. 

    Pater Elpidius war ein außergewöhnlicher Agitator und ein hervorragender Redner. Mit seinem rheinischen Humor, seiner bildreichen, konkreten Sprache und seinem Mut sich auch gefährlichen Konfrontationen zu stellen [54] beeindruckte er die Menschen.

    Foto von Pater Leppich 1959 dpa

    Pater Leppich

    „Er hatte einen Bekanntheitsgrad zu seiner Zeit und für sein Anliegen, der dem eines Paters Leppich [55] nach dem zweiten Weltkrieg vergleichbar ist. Damals gab es noch kein Mikrophon wie heute, das den Redner zwingt, sich dem Gesetz des technischen Hilfsmittels zu unterwerfen und statisch gebunden vor einem dynamischen Mikrophon mit geschulter Mikrophonstimme eine Rede vorzutragen. Die Kraft seiner Stimme erreichte alle, da schlief keiner. Die im Kopf erarbeitete Rede ging durch die Glut eines engagierten Herzens, um das Herz des Zuhörers zu bewegen, damit es bereit wurde Entscheidungen zu treffen.“ [56]

    In seinem Lebensbericht schreibt er:

    „Für viele gilt: `Antialcoholica sunt; non legetur`. Sie lesen nicht, was gegen den Alkohol geschrieben ist. Sie fürchten, dass ihre bessere Erkenntnis sie zu einem unbequemen Opfer drängen könnte. In Aachen sagte ein Akademiker: `In die Vorträge des P. Elpidius gehe ich nicht, der ist noch imstande und überzeugt mich`.“

    Wenn er vor manchmal mehren tausenden von Zuhörern sprach, versuchte er auch sich direkt mit den zahlreichen Alkoholfreunden auseinanderzusetzen. Er verteilte Zettel, auf denen jeder, der wollte, seine Fragen und Meinungen notieren konnte. Nach seinem Vortrag führte er dann eine Art virtueller Diskussion mit den Fragstellern.

    Ansichtskarte 1940: "Der Größte Feind des Menschenwohl, Das ist und bleibt der Alkohol - Doch in der Bibel steht geschrieben: Du sollst auch Deine Feinde lieben!"

    Die Bibel muß man erst noch drucken, die sagt: "den Feind soll man verschlucken."

    Einige besonders häufig vorgetragene Meinungen, mit denen die Fragesteller den Pater gerne in Verlegenheit gebracht hätten, finden sich auch auf Postkarten wieder. Er hatte immer das letzte Wort und machte seine Gegner sprachlos. [57] 

    Elpidius war aber nicht nur ein begnadeter Redner und ein mutiger Franziskaner, sondern auch der Einzige - nach den mir zur Verfügung stehenden Quellen -, der immerhin eine gewisse Vorliebe seiner Mitbrüder für den Alkohol anmerkte, indem er die Frage aufwarf

    "Nimmst a Strick - stirbst; nimmst ka Strick - stirbst a; Also nimmst a Strick!"

    Gemälde von Eduard Grützner:"Ein guter Jahrgang"

    Eduard Grützner:

    "Ein guter Jahrgang"

    (Weinprobe im Klosterkeller)

    „Ist es nicht sonderbar, dass viele von uns die Auffassung haben, als sei der Franziskaner der Typ eines Genussmenschen. Daran sind wohl vor allem die Bilder von Grützner Schuld. Dann mag aber auch unsere Gastfreundschaft Veranlassung dazu geboten haben.“

    Da scheint sich der Pater doch in eine etwas willkürliche Begründung zu versteigen; dass der Maler Eduard Grützner [58] ausschließlich Phantasiemönche abgebildet hat, die sich virtuellen Biergenüssen hingegeben haben, scheint wenig überzeugend. Und dass man auch ohne Alkohol Gastfreundschaft walten lassen kann, müsste auch Elpidius klar gewesen sein. Den wahren Grund benennt er nämlich selber:

    „Noch einige Jahre vor dem Kriege 1914 unterhielten wir in den großen Klöstern Brauereien.“

    Auch wenn Elpidius im Weiteren versichert, dass seine Glaubensbrüder inzwischen in größerer Zahl abstinent leben, spürt man förmlich das Unbehagen, das ihn bei dieser Geschichte überkommt. Und der noch von Pfarrer Haw ins Leben gerufene Priester Abstinenten Bund (PAB) hatte so wenige Mitglieder (1906 waren es ganze 360), dass Elpidius` Versicherungen hier auch nicht überzeugend wirken.

    Dennoch hat er wenigstens ansatzweise den Finger auf ein Problem gelegt, dass einen Grundwiderspruch gerade in der katholischen Abstinenzbewegung darstellt. Dass er dabei nicht weiter gegangen ist, kann man ihm, der so entscheidend am Erfolg des Kreuzbündnisses beigetragen hat, nicht übelnehmen.

    Wer es schafft, innerhalb von zwei Jahren, zwischen 1910 und 1912, die Mitgliedszahlen des Kreuzbündnisses von ca. 10.000 auf knapp 50.000 zu verfünffachen, hat seinen Auftrag übererfüllt.

    Wenn Pater Elpidius bei seinen Zetteldiskussionen die Frage nach der alkoholischen Verstrickung seiner Glaubensbrüder gestellt wurde, dann war das sein einziger wunder Punkt. Die Franziskaner hatten nämlich mitnichten die Braukessel abgeschafft - wie dieses Elpidius behauptet hatte - und ihr angeblich nur mässiger Konsum war eben keine Abstinenz.


     




     

     

    Was ist geblieben?

      

    Ein neuer Kreuzbund mit zehntausenden von Mitgliedern, die mit der Mäßigkeit endlich Schluss machten? Hatte sich nun tatsächlich die Totalabstinenz in der katholischen Alkoholgegnerschaft durchgesetzt? Und waren die Kirchenfürsten nun bereit sich für die Abstinenzforderung in den eigenen Reihen einzusetzen?

    Mitnichten!

    Nach wie vor galt die Abstinenz als freiwillige Entscheidung einzelner, als Akt der Liebe, wie Pater Elpidius sich ausgedrückt hatte. Nur wer in der Trinkerrettung arbeitet, für Alkoholkranke selber und für Kinder war die Abstinenz eine notwendige Voraussetzung. An diesen Forderungen hatte selbst das Alkoholkapital nicht viel auszusetzen, solange die katholische Kirche, wie übrigens auch die anderen „Mutterkonzerne“ der Abstinenzgruppen[59], nicht ein grundsätzliches Alkoholverbot forderten.

    Je nach dem Ausmaß der Verstrickung in Herstellung, Vertrieb oder Verkauf von Alkohol beteiligten sich die gesellschaftlich relevanten Gruppen mehr oder weniger glaubwürdig am Kampf gegen die „Geisel der Menschheit“.

    Weder die katholische noch die evangelische Kirche als religiöse Heimat von Blaukreuz und Kreuzbund, noch die SPD als ideologische Mutterpartei des Deutschen Arbeiter Abstinentenbundes, noch die übrigen bürgerlichen Parteien, deren alkoholgegnerischen Mitglieder sich im DVMG gesammelt hatten, ließen sich zu einer eindeutigen Stellungnahme gegen die grundsätzliche Schädlichkeit des Alkohols hinreißen, geschweige denn zur Durchsetzung ordnungspolitischer oder juristischer Sanktionsmaßnahmen. [60]

    Ansichtskarte 1910:Historie vom Salvator II

    Doch selbst wenn es keine ökonomischen Verwicklungen mit dem Alkohol gab, die natürlich als starkes Widerstandspotenzial gegen relevante antialkoholische Bestimmungen wirkten, reichten allein die verführerische Kraft und die bewusstseinsverändernde Potenz des Alkohols aus, um den Einfluss der Alkoholgegner zu nivellieren.

    Das Bedürfnis zahlloser Menschen nach „feuchtfröhlicher Geselligkeit“ [61], nach einer unkomplizierten Methode, es sich gut gehen lassen zu wollen, nach genussvoller Lebensart, ließ und lässt den Kampf gegen den Alkohol zu einer wahren Sisyphosarbeit werden. Damit das so bleibt haben die Freunde eines „Guten Tropfens“ einige unwiderstehliche Begründungen entwickelt, nach denen es keinen Grund gibt, nicht zu trinken. Diese „Argumente“ beschreibt Pfarrer Haw in seiner Agitationsschrift „König Alkohol“:

    Gemälde von Grützner "Bierprobe"

    Genießender Kapuzinermönch

    (Eduard Grützner)

    „`Hat man sich (..) einmal an das Trinken gewöhnt, so ist an Gründen zum Weitertrinken niemals Mangel. Die Menschen trinken, wenn sie sich wiedersehen, sie trinken, wenn sie Abschied nehmen. Sie trinken, wenn sie hungrig sind, um den Hunger zu betäuben, sie trinken, wenn sie satt sind, um den Appetit anzuregen. Sie trinken, wenn`s kalt ist, zur Erwärmung, sie trinken, wenn`s warm ist, zur Abkühlung. Sie trinken, wenn sie schläfrig sind, um sich wach zu halten, sie trinken, wenn sie schlaflos sind, um einzuschlafen. Sie trinken, weil sie traurig sind, sie trinken, weil sie lustig sind. Sie trinken, weil einer getauft wird, sie trinken, weil einer beerdigt wird, sie trinken, trinken, trinken.`

    Wer sollte da nicht mithalten?“ [62]

    Trinkerrettung ja, Alkoholverbot nein; auf diese einfache Formel muss das Ergebnis der oft heftig und scheinbar radikal geführten öffentlichen Auseinandersetzung um Nutzen oder Schaden des Alkohols bilanziert werden. Die katholische Kirche reiht sich da nahtlos in die Abfolge derjenigen Organisationen ein, die in einer Zeit dieser großen öffentlichen Debatte ein zeitgemäßes Aushängeschild ihrer alkoholkritischen Anschauungen brauchten. Und wo es – um in der christlichen Bildersprache zu bleiben – das eine oder andere Schäfchen zu retten oder gar zu gewinnen galt, durfte man das selbstverständlich nicht anderen Konkurrenten überlassen. [63]

    Noch 1927 definiert der spätere Direktor der Caritas, Walter Baumeister , „die katholische Einstellung gegenüber geistigen Getränken (…):

    Aansichtskarte: der Geist: "saufa wölle se alle, aber sterba will koiner!"

    "Auch das gab es:

    bei aller Alkoholtoleranz der katholischen Kirche überkommt den einen oder anderen Trinker bei seinen Gelagen das schlechte Gewissen in der Form eines Pfarrers, der wie ein Geist über die Säuferrunde kommt und diese mit ihrer Völlerei und Sterblichkeit konfrontiert. Da scheint es doch besser zu sein, man tritt ohne das Kainsmal des Säufers in das Reich des Allmächtigen."

    Alkoholische Getränke sind Genußmittel. Sie können nicht als an und für sich schlecht bezeichnet werden. (…) Der Genuß ist deshalb an sich erlaubt, vorausgesetzt, daß er sich im Rahmen strenger Mäßigkeit bewegt. Vollständiger Verzicht (Abstinenz) ist ein gutes Werk, dessen Übernahme zwar weder durch göttliche noch menschliche Gebote gefordert wird, wohl aber aus dem Geist der Liebe als freiwillige Tat entspringt.“ [64]

    Bei diesen Feststellungen, könnte man sich fragen, ob der Mann vergessen hat, dass es fünfzehn Jahre zuvor die Vereinigung der beiden wichtigsten katholischen Alkoholgegnerverbände gegeben hat und damit die klare Ausrichtung auf Totalabstinenz. Wie wir wissen, ging 1921 der katholische  Mäßigkeitsverein von Pfarrer Haw im katholischen Kreuzbündnis auf und man verabschiedete sich endgültig von dem Gedanken an Mäßigkeit.

    Aber Baumeister war nicht irgendein kleiner katholischer Pfarrer, dessen persönliche Erfahrungen mit dem Feind der Menschheit, ihn zu einem unerbittlichen Alkoholgegner werden ließen. [65] Baumeister war katholischer Funktionär, er vertrat die offizielle Position der katholischen Kirche. Und die hatte sich von der grundsätzlichen Akzeptanz des  Alkohols, in Produktion, Vertrieb oder Konsum, nie getrennt. [66]

    Von einer Bekämpfung der unseligen, deutschen Trinksitten, wie wir es von fast allen Abstinenzbewegungen zu hören bekommen, wie sie Pfarrer Haw in seinem „König Alkohol“ anprangert und gegen die Pater Elpidius in seinen großen Versammlungen immer wieder agitiert, ist von offizieller Seite kaum etwas zu hören.



     


     

     

    Kreuzbund im Faschismus und Resümee

    Da scheint es nur konsequent zu sein, dass eine ungeschminkte Aufarbeitung der katholischen Abstinenzarbeit während des Faschismus nicht stattgefunden hat. Es finden sich in den Chroniken da und dort einige Hinweise auf eine zumindest anfängliche positive Reaktion des Kreuzbundes auf die Nazidiktatur. 

    Aus einer Rede von Adolf Hitler

     Als sich der Jungkreuzbund im Juni 1933 zu seinem Bundestag traf, spiegelte das Tagungsmotto „Um den Bund von morgen“ eine erkennbare Übereinstimmung mit den Zeichen der Zeit wider. Im Hauptreferat machte der Pater Dr. Desiderius Breitenstein deutlich, dass „wir zu der neuen Zeit positiv stehen“. Es gilt „den Zusammenhang von Nationalem und Christum“ zu betonen.

    Und in einem anderen Beitrag von Erich Reisch bekannte sich dieser „in deutscher Schicksalsstunde zu einem heiligen deutschen Reich, nicht zu einem nationalen, liberalen Staat“. [67]

    Wie weit sich der Kreuzbund konkret auf die menschenverachtende Ideologie des Faschismus eingelassen hat, könnte nur durch ein intensives Quellenstudium in den katholischen Archiven erforscht werden. Schwerwiegender für eine Beurteilung der kirchlichen Inaktivität ist unzweifelhaft das grundsätzliche Einverständnis einer bedeutenden Gruppe katholischen Kirchenfürsten mit einigen wichtigen Grundideologien der Nazidiktatur: dem Widerwillen gegenüber allen demokratischen, liberalen Gesellschaftsformen, einer tiefen Aversion gegen den Bolschewismus und dem kaum verhohlenen Antisemitismus[68].

    Vielleicht ist es auch gar nicht so sinnvoll, diese Übereinstimmungen der katholischen Kirche und speziell des KB, quasi gewaltsam und „von außen“ ihrer eigenen Geheimniskrämerei entreißen zu wollen; es scheint jedenfalls unstrittig zu sein, dass die aktiven Anpassungsleistungen der christlichen Kirchen ungleich schwerer wiegen in der historischen Bewertung als deren Verstrickungen in die Alkoholherstellung und ihre latente Alkoholbefürwortung.

    Für wesentlicher halte ich vielmehr den deutlich spürbaren Versuch seitens der katholischen Chronisten, diese „Schulden“ unter den Teppich zu kehren, damit nur ja kein Stäubchen den christlichen Glanz der katholischen Nächstenliebe beflecke. Da kann man vor der ehrlichen Aufarbeitung der Blaukreuz-Geschichte durch Heinz Klement[69] nur den Hut ziehen, der den Mut und die Beharrlichkeit hatte, die ideologische Nähe der Blaukreuzführung mit dem NS-Gedankengut schonungslos offenzulegen.

    Zu diesem Aspekt gehören z.B. die Rassenideologie, die vermeintlichen Erkenntnisse aus der Vererbungslehre über den Alkoholismus und die daraus abgeleitete medizinische Notwendigkeit der Euthanasie. Keine der bedeutenden Abstinenzgruppen hatte sich klar und eindeutig gegen diese menschenverachtenden Ideologien abgegrenzt. Selbst eine klassenbewusste Bewegung wie der Arbeiter-Abstinentenbund übernahmen diese rassistischen Ideen, die sowohl von Wissenschaftlern und Medizinern (z.B. August Forel), als auch von Politikern und Kirchen entwickelt, bzw. moralisch unterstützt wurden.

    Ein bisschen von dem Gründungswiderstand der Protestanten, mit einer Prise lutherischer Standfestigkeit und ein wenig calvinistischer Pedanterie hätte ich den katholischen Chronisten schon gewünscht. So bleibt der fade Nachgeschmack einer glorifizierten Abstinenzgeschichte, in der es nicht um die kritische Aufarbeitung der katholischen Anti-Alkoholbewegung geht, sondern um die permanente Politur einer glänzenden Kirchengeschichte, die vor jedem vermeintlichen Makel bewahrt werden muss. Und mir bleibt das bei solchen Gelegenheiten gerne „ins Feld geführte Argument“ der Netzbeschmutzung erspart; es ist nicht mein Nest, das da bekleckert ist.

     



    [1] Bei der Arbeit über den folgenden Abschnitt konnte ich mich erfreulicherweise, neben einigen katholischen Agitationsbroschüren und den Memoiren von Pater Elpidius, auf die umfangreiche Quellensammlung von Herrn Wilfried Knievel, Münster, stützen, der mir seine Unterlagen unkompliziert und bereitwillig zur Verfügung gestellt hat. Für seine Freundlichkeit und Gesprächsbereitschaft sei ihm an dieser Stelle herzlich gedankt.

    [2] Die nachfolgenden kritischen Bemerkungen richten sich nicht gegen den Kreuzbund als alkoholgegnerische Organisation. Die Gründer des Kreuzbundes waren überzeugte Kämpfer gegen den Alkoholmissbrauch; dass sie sich mit einer konsequenten Abstinenzforderung in Gegensatz zu den Partikularinteressen einzelner Kirchenvertreter und ganzer katholischer Orden brachten, war unvermeidbar. Wein- Bier und Schnapsherstellung war eine der Haupteinnahmequellen der Mönchsorden. Damit entstand ein kaum auflösbarer Widerspruch zwischen dem Kreuzbund und der katholischen Kirche, die – ob sie wollte oder nicht - Teil des Alkoholkapitals war. Inhaltliche Auseinandersetzungen um die „reine Linie“ in der Alkoholgegnerschaft, Mäßigkeit versus Totalabstinenz, sind unter diesem Vorzeichen zu betrachten und zu bewerten.

    [3] Eines der bekanntesten Klöster für sein stark alkoholhaltiges Bier – über 7% – ist das Kloster Andechs.

    [4] Benediktiner, Franziskaner, Paulaner, Zisterzienser, Trappisten (eigentlich eine strengere Form der Zisterzienser) usw.

    [5] „Auf den Katholikentagen von 1887 bis 1894 wurde die Alkoholfrage überhaupt nicht mehr erwähnt.“, vergl. Heribert Welter „Zur Geschichte der katholischen Suchtkrankenfürsorge“, Hamm Hoheneck-Zentrale, o. Datum; S. 9f;

    [6] Zu dieser Zeit handelte es sich bei der katholischen Anti-Alkoholbewegung mitnichten um eine Organisation, die totale Alkoholabstinenz forderte. Es ging in erster Linie um Mäßigkeit, d.h. um einen reduzierten, kontrollierten Umgang mit Alkohol. Schnaps wurde als das Grundübel angesehen, Wein und Bier als akzeptable Ersatzgetränke. Mit dieser Kompromisslinie  stieß man die zahlreichen katholischen Hersteller, Vertreiber und Liebhaber eines guten Tropfens nicht unnötig vor den Kopf.

    [7] Um die unterschiedlichen Interessenslagen und die jeweils historischen Verwicklungen in die politischen und ökonomischen Auseinandersetzungen wenigstens ansatzweise erfassen zu können, hätte es eines intensiven Studiums der vorhandenen Quellen in den Archiven der verschiedenen Diözesen der katholischen Kirche bedurft. Das konnte ich leider nicht leisten, zumal es fraglich gewesen wäre, ob ich als Nicht-Katholik überhaupt einen Zugang zu diesen Dokumenten erhalten hätte.

    [8] Die wenigen Hinweise bez. irgendwelcher „Ungereimtheiten“ innerhalb der katholischen Abstinenzbewegung erschöpfen sich meistens in zweifelhaften Hinweisen und Andeutungen. So äußert sich z.B. Wilfried Knievel, der den Versuch einer Chronologie der Kreuzbund-Bewegung unternommen hat, zur Arbeit des Kreuzbundes im Nationalsozialismus überaus vorsichtig: “Gelegentlich werden im Kreuzbund Anpassungsstrategien praktiziert, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind.“ Kleine Kreuzbund-Chronik, erschienen in „Weggefährte“ 2/1996

    [9] „Glücklicherweise entwickelte sich der Mäßigkeitsbund ähnlich wie das Kreuzbündnis zu einem reinen Abstinentenverein. So war die Voraussetzung zu einem Abkommen geschaffen…“ W. Weidmann: „50 Jahre Kreuzbund“, Hoheneck-Jahrbuch 1947, S.56 

    [10]Obwohl sich mit den Hinweisen auf diese Verstrickung ganze Bücher füllen ließen, habe ich bezeichnenderweise in den Veröffentlichungen der katholischen Abstinenzbewegung kein Wort dazu gefunden.

    [11] Zitiert aus Wikipedia, www.wikipedia.de, Stichwort Likör

    [12] Bruno Laurioux: Tafelfreuden des Mittelalters, Augsburg 1999, S. 84ff

    [13] Michael Jackson: Das große Buch vom Bier, Bern 1977, S. 40, 52

    [14] Emil Ulischberger: Wahre Geschichten um das Bier, Leipzig 1992, S. 33

    [15]Für den klösterlichen Hausbedarf hatten die Paulaner Mönche schon ab 1634 Bier gebraut. Ihre Ordensregel erlaubte ihnen generell nur so karge Nahrung, dass sie vor allem während der verschärften Kasteiung in den Fastenzeiten dringend »flüssiges Brot« zur Stärkung brauchten. Um die Klosterkasse aufzufüllen, verkauften sie nach und nach ihr begehrtes Bier auch außer Haus. Jeweils im März schenkten sie zu Ehren ihres Ordens-
    gründers am Nockherberg ein besonders starkes Bier aus: den späteren »Salvator«.
    Der erste Schluck wurde dem Kurfürsten als Begrüßungstrunk gereicht. Die klösterliche Braustätte bildete bald eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die bürgerlichen Brauhäuser.“ Homepage der Paulanerbrauerei, Stichwort Historie; www.nockherberg.com

    [16] Zeremonielle Prozedur zum Fassanstich (Öffnung eines Bierfasses um mit dem Zapfvorgang beginnen zu können)

    [17] Das große Buch vom Bier, a.a.O., S. 40

    [19] So wird in der Zeitschrift „Soziale Revue“ mit spürbarer Bitterkeit die Propagandaschrift von Pfarrer Neumann zitiert, der sich darüber beklagt, „dass die Mehrheit des Klerus über den Alkoholismus (nicht) genügend aufgeklärt sei“; Dr. F. Keller in „Soziale Revue“, 7. Jahrgang, Essen 1907

    [20] Im gleichen Jahr kommt die „Soziale Revue“ bei dem Versuch einen Überblick über die Antialkohol-Bewegung zu vermitteln zu dem lapidaren Ergebnis: “Mangels einheitlicher Zusammenfassung ist es zur Zeit unmöglich, die Tätigkeit der zahlreichen katholischen Mäßigkeitsvereine und –bruderschaften zu verfolgen.“

    [21] Johannes Haw: „König Alkohol“ erschien 1904 im Verlag Fredebeul & Koenen, Essen in mehreren Auflagen und ca. 50.000 Stück.

    [22] „Da kam für mich eines Tages die große Gnadenstunde im Jahre 1904, (…). Ein Mitbruder hatte mir bei der Abreise ein Büchlein von Direktor Haw gegeben mit dem Titel: „König Alkohol“. Ich las, was dieser seeleneifrige Priester mit viel warmer, barmherziger Liebe so fesselnd und packend geschrieben hatte. Ich sah die ganze große Elendsprozession an mir vorüberziehen, (…). Das griff mir ans Herz. Um diese zu retten, dazu konnte doch kein Opfer zu groß sein. Und hier wurde doch nur ein kleines Opfer, aber ein sehr wirksames Opfer verlangt. Es war einfach die aus Liebe geübte Abstinenz: Was die Trinker tun müssen, um gerettet zu werden, freiwillig, aus Liebe tun!“ Pater Elpidius Weiergans: `ne kölsche Jung als Franziskaner; Essen 1950, S. 237f

    [23] Mäßigkeitsbestrebungen, Vortrag von Dr. Aug. Pieper; abgedruckt in „Arbeiterwohl“, 20. Jahrgang, 9.-12. Heft, Köln, 1900.

    [24] Zitate in Arbeiterwohl, a.a.O.

    [25] Arbeiterwohl, a.a.O.

    [26] „Der Schnaps“ Eine Schrift für`s Volk; hrsg. von einer Commission des Verbandes „Arbeiterwohl“, Köln 1883, verfasst von Laurenz Loison, der auf der 28. Generalversammlung 1881 einen Antrag auf „Wiederbelebung“ der alten Mäßigkeitsvereine stellte. Ein Zusatzantrag, der Mäßigkeit als totale Enthaltsamkeit definieren wollte, wurde abgelehnt.

    [27] Er wurde Mitglied des DVMG - später gehörte er sogar dem Vorstand an - und war ehrlich genug, zuzugeben, dass er durch diesen viele wichtige Eindrücke und Erkenntnisse gewonnen hätte.

    [28] Hans Joachim Ewers: Das Kreuzbündnis; Kreuzbund-Chronik, ohne Jahresangabe und Ort

    [29] „Volksfreund“, 1899, Nr. 1, S. 1; zitiert in Heribert Welter: Zur Geschichte der katholischen Suchtkrankenfürsorge; Archiv der Hoheneck-Zentrale, S. 20

    [30] Volksfreund, 4. Jahrg., ebenda

    [31] Volksfreund, 7. Jahrg., ebenda

    [32] auch wenn er schließlich Ende 1903 zähneknirschend einem Antrag zustimmte, der nur noch Totalabstinente als Mitglieder des Kreuzbündnisses zuließ. Die Schnapsabstinenten wurden zu Teilnehmern degradiert und die Mäßigen wurden als Gönner bezeichnet. H. Welter, a.a.O.

    [33] Seine Missachtung religiöser und damit s. M. n. irrationaler Wirkungsfaktoren bei der Heilung des Alkoholismus wird in seinem Aufsatz über Alkoholiker deutlich: “Wenn man überlegt, (wird) man mühelos finden, dass (…) die religiösen Gebräuche der verschiedenen Konfessionen, auf der praktischen Anwendung gewisser metaphysischer Glaubensbekenntnisse (Unterstreichung R.M-B) beruhen. Es geschah schon mit großer Mühe, dass die Medizin, dadurch, dass sie der Wissenschaft folgte, anfing, allmählich die Glaubensbekenntnisse aufzugeben, um sich der induktiven experimentellen Methode zu unterwerfen, wenigstens in der Theorie und im Prinzip (…). Diesem Prinzip verdankt sie alle ihre Fortschritte, und dessen Negation verdankt sie alle ihre Schwächen und alle Rückschritte.“ August Forel: „Verbrechen und konstitutionelle Seelenabnormitäten“,  München 1909, S. 160

    [34] vergl. Abschnitt „Das Blaue Kreuz“

    [35] Forel ironisierte nämlich den biblischen Ausspruch, „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, indem er statistisches Material über den überdurchschnittlichen Zusammenhang von Alkoholismus und Kriminalität in katholischen Gebieten bilanzierte. Zitiert in einer „Artikelsammlung“ über die Zeitung „Der Rufer“, Organ des katholischen Mäßigkeitsverbandes, hrsg. von Pater Johannes Weber, Pater Haw-Archiv, Leutesdorf 1994; S. 47f

    [36] Das KB hatte von Anfang auch soziale und politische Ziele angestrebt.

    „Die Mitglieder suchen (…) durch folgende charitative Mittel ihr Ziel zu erreichen:

    • durch Aufklärung über die Gefahren und Schäden des Missbrauchs geistiger Getränke in Wort und Schrift, in Versammlungen und durch Massenverbreitung von Flugblättern und Zeitschriften

    • durch Einwirkung auf den Erlaß entsprechender Gesetze und Verordnungen seitens des Staates…

    • durch Reform der Trinksitten und Trinkstätten…

    Flugblatt des Kreuzbündnisses zu Begin des 20. Jahrhunderts in Weggefährte 2/1996

    [37] P. Johannes Weber:  Artikelsammlung…, ebenda

    [38] Schmüdderich war ein echter Radikaler der Abstinenzbewegung; er trat von Beginn an für Totalabstinenz ein und bezichtigte insb. die Mäßigkeitsgruppe um Pfarrer Haw der Spaltung und Schwächung des Kreuzbündnisses (KB). 1913 musste er vom Vorsitz des KB zurücktreten, nachdem er in einer öffentlich verbreiteten Kampfschrift  das gesetzliche Verbot der Herstellung, des Vertriebs und des Konsums von Alkohol gefordert hatte. Damit war er selbst für die katholischen Vertreter einer umfassenden Alkoholenthaltsamkeit zu weit gegangen.

    [39] „Der Guttemplerorden war kein Geheimbund und gehörte auch nicht der Freimaurerei an. Das haben die Freimaurerlogen öffentlich und freiwillig bekannt.“ H.J. Ewers: Das Kreuzbündnis, a.a.O.

    [40] Die Vermutung liegt nahe, dass es ohne diesen Unvereinbarkeitsbeschluss nicht zu dieser Radikalisierung der katholischen Nüchternheitsbewegung gekommen wäre und die ureigenste, katholische Sache der Mäßigkeit noch länger Bestand gehabt hätte..

    [41] Es gab zwar – während der NS-Diktatur in Deutschland – im Zuge des Verbotes der Logen durch das Naziregime eine kurze Phase in der das Verbot aufgehoben war; 1945 wurde es jedoch wieder erneut eingesetzt.

    [42] Grundlogen-Gesetz, Art. II, 1, zitiert in H. J. Ewers, a.a.O.

    [43] Noch auf dem Caritastag 1905 in Dortmund hielt Neumann ein Referat über „Die Pflichten der Katholiken im Kampf gegen die Unmäßigkeit“ an dessen Ende die Erklärung verabschiedet wurde: „Wir bekämpfen den Trinkzwang und die Unmäßigkeit, nicht aber jeden Alkoholgenuß.“ H. Welter, Zur Geschichte…, a.a.O., S. 32

    [44] P Johannes Weber, Artikelsammlung Der Rufer, a.a.O., S. 45

    [45] Ein Los das Pater Elpidius einige Jahre später mit ihm teilen wird, der wegen seiner erfolgreichen Agitationsarbeit für Abstinenz von manchem gläubigen Alkoholfreund mit dem Teufel verglichen wurde: So hatte sich bei Schweizer Studenten der drohende Spruch eingebürgert: „Der Elpidius soll Dich holen!“

    [46] P. Johannes Weber, ebenda

    [47] „Wie jeder Diözesenbeauftragte brauchte er für seine überörtliche Arbeit das Votum der Bischöfe. Damals konnte ein Verein nur mit Zustimmung des Bischofs seinem Vereinsnamen das Wort „Katholisch“ hinzufügen, was auch heute noch gilt.“ J. Weber, Artikelsammlung…, a.a.O. S. 45

    [48] Möglicherweise wollte er aber auch einfach nur keinen offenen Konflikt mit Haw herbeiführen, den er als Glaubensbruder und Alkoholgegner gleichermaßen schätzte.

    [49] Elpidius, `ne kölsche Jung…, a.a.O., S. 331

    [50] „Seine (Haw`s, RMB) Bemühungen waren nicht vergebens, und er erhielt Unterstützung und Zustimmung gerade aus den katholischen Kreisen, die eine Verantwortung zu tragen hatten, beim hohen Klerus und bei katholischen Laien.“ J. Weber, Artikelsammlung…, a.a.O., S. 61

    [51] Diese Vereinigung hatte den VaK eine echte  Überwindung gekostet. Sie hatten nämlich besonderen Wert darauf gelegt, zwar ein katholischer Verein zu sein, sich aber den hierarchischen Strukturen der katholischen Kirche nicht unterwerfen zu wollen. Ihre Verfassung sei absolut demokratisch und eine Delegiertenversammlung habe das Sagen, die jeden organisierten, kirchlichen Einfluss, wie z.B.  Diözesanvertreter, zurückweist.

    [52] Mit welcher Radikalität das Kreuzbündnis alle Mäßigkeitsbefürworter bekämpfte, zeigt Schmüdderichs’s Broschüre „Die katholische Nüchternheitsbewegung“. Dort heißt es u.a. zur Forderung nach Prohibition: Jeder der nicht dieser Ansicht sei, gehöre entweder ins Idiotenhaus, „weil er als geistiger Krüppel nicht normal mehr denken und urteilen kann, oder ins Zuchthaus…“ zitiert in J. Weber, Artikelsammlung, a.a.O. S. 78. Damit war S. allerdings selbst für die Mehrheit des KB zu weit gegangen. Auf massiven Protest hin musste S. von seinem Posten als Vorsitzender des KB zurück treten.

    [53] Welche Rolle die öffentliche Resonanz auf die Kirchenfürsten gespielt haben mag, wird bei folgenden Einschätzung sichtbar: Es ist schon deshalb notwendig „überall Ortsgruppen zu gründen, damit in diesen gerettete katholische Trinker oder Gefährdete Schutz vor dem Rückfall finden und nicht gezwungen sind, zu diesem Zwecke zu den kirchlich verbotenen Guttemplern zu gehen. (…) Auch das protestantische blaue Kreuz hat schon manchen Katholiken zum Abfall von der Kirche veranlasst.“ Denkschrift betreffend das Kreuzbündnis und den Mäßigkeitsbund, verfasst 1915 von Pfarrer Maas, Vorsitzender des KB,  Dortmund 1915, S. 17

    [54] Bei manchen Versammlungen hatte das örtliche Brauereigewerbe seine Brauerknechte zu den Treffen bestellt und Freibier ausgeschenkt, um die derart eingestimmten Teilnehmer zu Zwischenrufen und Radau zu veranlassen. Pater Elpidius ließ sich aber nicht einschüchtern und hatte meist die besseren Argumente parat, die die Störer zum Schweigen brachten.

    [55] „Das Maschinengewehr Gottes“, der Beiname des Jesuitenpaters Johannes Leppich, ist die konsequente Fortsetzung der „Patronentasche“ des Paters Elpidius. Auch Pater Leppich verstand es die Menschen zu fesseln: auf öffentlichen Plätzen, in Fußballstadien und Zirkuszelten. Notfalls diente ihm auch ein Autodach als Kanzel. Entscheidend war jedoch nicht der äußere Stil seiner Auftritte, sondern die Botschaft, die er verkündete und die ähnlich wie die von Elpidius, kompromisslos und kompromittierend zugleich war. „Meine Damen und Herren, manchmal ekelt mich diese verfettete Bundesrepublik an: Wir leben von Schweinskotelett und Kinokarte und merken gar nicht, dass die Welt glüht.“ Damit rüttelte er die Menschen auf und griff u.a. die saturierten Kirchenfürsten an, weil er auch die Spaltung der christlichen Kirchen anprangerte. Schließlich verschwand er – nach langen innerkirchlichen Debatten – hinter den Klostermauern seines Ordens, wo er 1992 77jährig starb.

    [56] J. Weber: Artikelsammlung… a.a.O. S. 73

    [57] Wie systematisch Elpidius die Auseinandersetzung mit den Gegnern führte, wie modern er seine Strategie und Taktik entwickelte, zeigt sich an dem Büchlein, das sozusagen als rhetorische Munition im Kampf gegen den Alkohol dienen sollte. Es stellte eine perfekte Praxisanleitung für den Umgang mit den fünfzig häufigsten Gegenargumenten dar. Das Material erhielt er durch seine Methode der Zetteldiskussionen. Durch diese Zetteldiskussionen „wurde ich gewahr, was man am meisten gegen die Abstinenz ins Feld führte, und das war sehr wertvoll für die Behandlung des Stoffes in der Kirche. Die Haupteinwürfe habe ich in dem Büchlein Patronentasche der Abstinenten zusammengestellt.“ Pater Elpidius: „`ne kölsche Jung…“, a.a.O., S. 258

    [58] Eduard Grützner (1846 – 1925), Maler. „Mit dem Gemälde `Im Klosterkeller` aus seiner Studienzeit, klingt die künftige Thematik seiner Arbeiten bereits an. Grützner spezialisiert sich in der nachfolgenden Zeit mit großem Erfolg auf die Darstellung klösterlichen Lebens. Meist spielen die Szenen in feuchtfröhlicher Atmosphäre in Kellern, Küchen und Bierstuben.“ Aus www.kettererkunst.de

    [59] Mit Ausnahme der Guttempler, die an keine der großen, gesellschaftlich bedeutsamen Organisationen angeschlossen waren, hatten alle anderen Abstinenzgruppierungen im günstigsten Fall den Charakter von Feigenblättern. Um die Alkoholfrage und die soziale Frage wurden zwar in der Öffentlichkeit heftige Debatten geführt, und es gab immer wieder Versuche, eine Prohibition - wenigstens teilweise – durchzusetzen, real kam es jedoch nie zu wirklich einschneidenden Maßnahmen gegen den Alkohol als Ganzes, wenn man von einigen alkoholbezogenen Steuererhöhungen absieht.

    [60] Wie man es heutzutage bei der Debatte um das Rauchen, bzw. den Nichtraucherschutz erlebt.

    [61] Vergl. Anm. 42

    [62] Zitat von Prof. Gustav v. Bunge, bekannter Mediziner im ausgehenden 19. Jahrhundert, erklärter Alkoholgegner; in Johannes Haw: König Alkohol, a.a.O. (Anm. 20), S. 56

    [63] „Von (den Guttemplern, RMB) wissen wir, dass sie nach dem Kriege ganz gewaltige Anstrengungen zur Ausdehnung ihres Ordens machen werden und so wird für uns grosse Wachsamkeit und Arbeit nötig sein.“ (Unterstreichung, RMB); Denkschrift, a.a.O., S. 17; vergl. auch Anm. 49

    [64] W. Baumeister: „Die katholische Arbeit“ in „Die Bekämpfung des Alkoholismus durch die konfessionellen Verbände“, ohne Jahresangabe und Ort, vermutl. 1927/28

    [65] Pfarrer Josef Neumann hatte einen alkoholkranken Bruder, um den er sich – leider vergeblich – aufopferungsvoll gekümmert hat. Der Bruder starb schließlich in einer Heilanstalt.

    [66] „…die Begründung (für den Kampf gegen den Alkoholismus, RMB) aber liegt auf dem Gebiet der tatkräftigen werktätigen Nächstenliebe.“ W. Baumeister: Die katholische Arbeit, ebenda

    [67] Aus „Kreuzbund“ Lingen Emsland – 75 Jahre Dienst am Menschen, hrsg. Kreuzbund, Regionalverband Emsland Süd, 1986. Derselbe Reisch hielt auch auf dem Bundestag des Kreuzbundes, einen knappen Monat später, ähnlich pathetische Reden.

    [68] „Wo ist der Exequent und der Schacherjud mehr zu sehen, als im Hause des Trinkers?“ „Es ist in der Welthistorie zu lesen, dass man zu verschiedenen Zeiten greulich mit den Juden umgegangen ist unter dem Verdacht, sie hätten die Brunnen vergiftet.“ Alban Stolz: Ein Gläschen Schnaps; Wien 1947, originalgetreuer Nachdruck  einer Agitationsschrift von 1916, verfasst 1845. Der Text ist vom Rektor des Kreuzbund Österreich, Zimmerl, mit den Worten veröffentlicht worden: „Möge die Schrift      allen an der körperlichen und geistigen Gesundheit unseres Volkes interessierten Männer und Frauen Anregung geben…“

    Ein weiterer, die katholische Kirche als weltweite Glaubensinstitution betreffender Vorwurf des Antisemitismus, wird in dem Drama „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth erhoben. Hier beschreibt Hochhuth auf der Grundlage historischer Quellen die aktive Untätigkeit des Vatikans gegen die systematische Judenvernichtung, vor dem Hintergrund eindeutiger Informationen und Kenntnisse des heiligen Stuhls über eben diese Verbrechen. In einem Kapitel im Anhang, „Historische Streiflichter“, werden Forschungsergebnisse über die Verstrickungen des Vatikans und der deutschen Bischöfe mit den faschistischen Ideologien vorgestellt. Rolf Hochhuth: „Der Stellvertreter“, Hamburg 1963, S.229 - 273

    [69] Vergl. Kapitel „Das Blaue Kreuz


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