Sinalco - Eine alkoholfreie Erfolgstory

Wer kennt sie nicht, die markante, typische Flaschenform mit dem roten Punkt und dem unverwechselbaren Namen, der zu einem Begriff für Brause und Limonade geworden ist.

Dass Sinalco zu der meistverkauften deutschen Limonade und einem weltbekannten Markenartikel werden konnte, war kein Zufall, sondern dem glücklichen Zusammentreffen zweier Männer zum richtigen Zeitpunkt geschuldet:

Die Bekanntheit des Naturheilkundlers Bilz, Ausgangs des 19. Jahrhunderts, gab den guten Namen, der clevere Geschäftsmann Hartmann sorgte für ein perfektes Marketing und die bedingungslose Bereitschaft der Massen nach allem zu greifen, was Gesundheit versprach, waren die Triebkräfte, die aus Sinalco, einer Brause unter vielen, einen beispiellosen Welterfolg machten. 

Sinalco, wie viele andere alkoholfreie Getränke, kam in einer Zeit auf den Markt, als die Geisel epidemischer Krankheiten den Menschen noch höchst bewusst war und von ihrer Bedrohlichkeit wenig eingebüßt hatte. Die Medizin war angestrengt  dabei, ihre durch krasse Fehlbehandlungen beschädigte Reputation wieder aufzurichten [1]. Gleichzeitig artikulierten sich immer lauter werdende Stimmen aus allen Schichten der Bevölkerung gegen den gesundheitsschädlichen und sozial verderblichen Alkoholkonsum in Deutschland.

Diese historischen Bedingungen kamen für die Limonadenhersteller wie gerufen. Der Gesundheit Gutes tun, das war ihr Verkaufsschlager, indem sie ausdrücklich die alkoholfreie Zusammensetzung betonten und den Konsumenten eine schmackhafte und vor allem gesunde Alternative zu alkoholhaltigen Getränken versprachen. Ich möchte mir deshalb erlauben, Sinalco stellvertretend für die Vielzahl anderer alkoholfreier Erfrischungsgetränke, die Ende des 19. Jahrhundert auf den Markt kamen, zu betrachten.


Wasser - tierischer Treibstoff oder heiliges Wundermittel

Postkarte 1942: "Sauf! - Das ist Richtig!"

Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch an einen Spruch meiner Oma, der ungefähr so lautete: "Trink Wasser wie das liebe Vieh, und denk` es sei Krambambuli" Für die völlige Korrektheit des Zitates möchte ich mich nicht mehr verbürgen, der Sinn bleibt davon aber unberührt: Wenn man schon Wasser wie die Tiere trinken soll, dann muß es irgendein besonderes Wasser, vielleicht eines mit Zauberwirkung, sein. Auf alle Fälle tut man so als sei irgendetwas Spezielles darin.

Postkarte 1942: "Erntewetter! - Durstige Kehlen!"

Die Firma Frigeo bedient bis heute diese (Kinder-)Phantasien mit einem ganz konkreten und realen "Krambambuli": Mit dem Ahoi-Brausepulver - in vier verschiedenen  Geschmacksrichtungen erhältlich - konnte man das schnöde Wasser in einen knallbunten, sprudelnden Spezialtrank verwandeln. Neben der giftgrünen Waldmeister-Brause, die ich in den 60er Jahre bevorzugte, gab es noch welche mit Zitronen-, Orangen- und Himbeergeschmack [2].

Ob dieser großmütterliche Grundgedanke nun Pate für Dutzende von Erfrischungsgetränken gestanden hat, die Ende des 19. Jahrhunderts auf den deutschen Markt strömten, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen; meine Oma wäre - 1887 geboren -  damals allenfalls als kindliche Geschmackstesterin in Frage gekommen. Allerdings dachte zu dieser Zeit niemand im Traum daran, dass sich mit den Vorlieben von Kindern einmal so einträgliche Geschäfte machen lassen würden. Zielgruppe für die neumodischen Getränke waren damals ausdrücklich die Erwachsenen.


Die neue Naturheilkunde...

Postkarte 1905: "Sebastian Kneipp"

Auf die Idee, dass mehr im Wasser steckte, als nur den Durst zu stillen und zwar in erster Linie den tierischen, kamen Anfang des 19. Jahrhunderts verschiedene Naturheilkundler, von denen der bekannteste der Pfarrer Sebastian Kneipp war.

Eigene positive Erfahrungen bei der Behandlung eines Lungenkatarrhs mit kalten Waschungen und Bädern, sowie das Studium eines Naturheilbuches von J.S. Hahn [3] ließen ihn das Wasser als elementares Heilmittel und Therapeutikum bei der Behandlung von Krankheiten erkennen und einsetzen.

Wie nachhaltig diese Betonung des natürlichen Quellwassers und seiner heilsamen Wirkungen war, zeigt dieses Titelbild einer Lehrschrift zum Thema anti-alkoholische Jugenderziehung:

Buchtitel: "Aus frischem Quell"

Postkarte 1939: die chem- Werke Albert

Der politische und sozial-hygienische Nährboden, auf dem diese Naturheilkunde gedeihen konnte, war eine neue, gebildete, ökonomisch bedeutsame und selbstbewusste Bevölkerungsschicht, das Bürgertum, sowie zunehmende Zweifel an der Kompetenz der Mediziner. Die damalige Schulmedizin, deren ärztliche Vertreter, wegen der Zugangsberechtigung zum Hochschulstudium, sich nahezu ausschließlich aus der reichen Bürgerschicht und dem Adel rekrutierten, genoss immer weniger Ansehen.

Neue und alte Seuchen wie Typhus, Lungentuberkulose und Cholera, die mit besonderer Intensität in den katastrophalen  Arbeiterbehausungen der Großstädte wüteten, aber auch die sich rapide verbreitenden Geschlechtskrankheiten Tripper und Syphilis, verunsicherten die Menschen. Noch 1892 erkrankten in Hamburg bei einer Cholera-Epidemie fast 17.000 Menschen und über 8.000 starben.

Fehlendes Wissen um die Wirkungen von Heilmitteln und die Beliebigkeit mit der ärztliche Therapien verordnet wurden [4] ), brachten die Medizin immer stärker in Misskredit. Schriften wie die des Försters und Ärztegegners, J.H. Rausse, "Über die gewöhnlichsten ärztlichen Missgriffe..." [5] aus dem Jahre 1847 drückten diesen Ansehensverlust aus.


...und ihr Protagonist Bilz

Bilz Titeleinband 1902: Jubiläumsausgabe 1 Million

Unter diesen Bedingungen entstand und entwickelte sich ein fundamentales Interesse der Menschen an Gesundheit und der Information über neue Heilmethoden.  Als 1888 der gelernte Weber, Friedrich Eduard Bilz, ein in verständliche Sprache gefasstes Buch über "das neue Heilverfahren, ein Nachschlagebuch für Jedermann in gesunden und kranken Tagen" herausbrachte, löste er nicht nur einen Run auf dieses Buch aus, sondern sorgte damit auch für die massenhafte Verbreitung und Anwendung naturheilkundlicher Verfahren.

Bilz war das, was man einen sog. Selfmademan nennen würde. 1842 in dem kleinen Dorf Arnsdorf  (Sachsen im Kreise Rochlitz) geboren, wuchs er mit sechs Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit 14 Jahren musste er schon eine Lehre als Weber beginnen, ein Broterwerb, der damals kaum noch Aussicht auf eine solide Berufsperspektive bot, da die Industrialisierung mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls, sich bei der Landbevölkerung als gnadenloser Jobkiller erwies.

Ansichtskarte ca. 1920: Kinderarbeit in einer Weberei

Fabrikmäßiger Einsatz der Lohnarbeiter an mechanischen Webstühlen. Ein Aufseher schikaniert Kinder. (Motiv. ca. Ende 19. Jahrh.)

Ansichtskarte nach ca. 1920, vermutlich als agitation gegen Kinderarbeit: ca. 1905 wurde die Kinderarbeit offiziell in Deutschland verboten.

Der junge Bilz musste in einem Nachbardorf seine Ausbildung beginnen. 14 Stunden Arbeit sechseinhalb Tage in der Woche unter unerträglichen Arbeitsbedingungen. Bilz schrieb später darüber: "Hierzu kam noch, dass dieser Arbeitsraum in den seltensten Fällen durch Öffnen der Fenster frische Luft bekam, so dass der Aufenthalt in demselben außerordentlich ungesund für die darin Arbeitenden sich gestaltete." [6]

Werbemarke ca. 1910

Mit ziemlicher Sicherheit sind in diesen Erfahrungen die Ursachen für seine spätere Beschäftigung und Propagierung für gesunde Lebensweise und Naturheilkunde zu finden. Ehe sich diese allerdings realisieren ließen, hatte Bilz noch ein, zu dieser Zeit jedoch typisches, Martyrium zu bestehen. Arbeitslosigkeit, Wanderschaft, extreme Armut, die ihn zum Betteln zwang, Krankheit und sogar ein Tag in Polizeigewahrsam.

Werbemarke ca. 1910

Wenn Bilz nicht das Glück gehabt hätte, die Tochter eines Webmeisters in Meerane [7] zu heiraten und sich mit der elterlichen Weberei selbständig machen zu können, wäre er vielleicht wie so viele andere seiner arbeits- und heimatlos gewordenen dörflichen Landsleute zugrunde gegangen. So aber fand er auch die Zeit, sich seinen schon während der Lehrzeit begonnen autodidaktischen Studien der Naturwissenschaften und naturorientierter Weltanschauung zu widmen.

Werbemarke ca.1910

Nach einer Pockenepidemie 1871 in seinem neuen Wohnort Meerane, an der 389 Menschen starben, wurde er Mitglied des dortigen  "Vereins für die Gesundheitspflege und Naturheilkunde". Er sammelt alle verständlichen Anleitungen zur Krankenbehandlung bzw. übersetzt sie in eine verständliche Sprache und spricht mit Naturheilkundigen.

Als er dann 1888 die Ergebnisse seiner langjährigen Arbeiten als Standardwerk gesunder Lebensführung und naturheilkundlicher Krankenbehandlung veröffentlichte, konnte er sich vor Käufern kaum retten.

Werbemarke ca.1910

Wenige Wochen nachdem das Buch fertig geworden war, es kostete gerade einmal 75 Pfennige, fand in Meerane eine Ausstellung zur naturgemäßen Gesundheitspflege statt. Die Besucher dieser Gesundheitsmesse rissen ihm sein Werk aus den Händen und wirkten als kostenlose Werbeträger für seine Anschauung einer modernen Naturheilkunde.

Werbemarke 1910

Innerhalb weniger Jahre erlebte das Buch eine Millionenauflage; es wurde in zwölf Sprachen übersetzt und zu einem echten Welterfolg. Schließlich umfasst es 1918 Seiten und behandelt von "Abgeschlagenheit" bis "Zwölffingerdarmkrebs" sämtliche bekannten Krankheitsbilder und ihre Heilungsmöglichkeiten auf der natürlicher Basis von Luft, Licht und Wasser.


Hygiene - Zauberwort für Volksgesundheit

Werbung aus den USA ca.1910

Postkarte 1905: Robert Koch, Direktor des Hygienischen Institutes Berlin

Postkarte 1940: Emil von Behring, Bezwinger der Diphtherie und des Tetanus zum 50-jährigem bestehen der Serumtherapie

Die Menschen wurden geradezu fasziniert von der Aussicht die epidemischen Erkrankungen besiegen zu können und sich einer dauerhaften Gesundheit zu bemächtigen. Und dies mit scheinbar einfachen Methoden und billigen Arzneimitteln. Hygiene wurde zu einem Zauberwort für Volksgesundheit und schuf ein neues Gesundheitsbewusstsein bei den Menschen.

Dresden, der neue Wohn- und Wirkungsort von Bilz, hatte sich inzwischen zu einem Mekka der Hygiene und Volksbelehrung im Sinne einer modernen und verantwortungsbewussten Gesundheitsvorsorge entwickelt. Karl August Lingner, der Erfinder des Mundwassers Odol und spätere Direktor des Deutschen Hygiene Museums, hatte als einer der ersten erkannt, welche Bedeutung die Information und Belehrung der Bevölkerung über Ursachen und Bekämpfung von epidemischen Krankheiten haben. Bevor er 1911 die Direktion des Hygienemuseums angetragen bekam, hatte er sich schon einen Namen mit der Gründung einer "Desinfections-Anstalt" (1901) und einer "Lesehalle" (1902) gemacht. 1903 schuf er die erste Ausstellung "Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung".

Robert Koch (1843 - 1910) und Rudolf Virchow (1821 - 1902) lieferten mit ihren Forschungen und Entdeckungen wesentliche Grundlagen für den Sieg über die bedrohlichen Infektionskrankheiten und schufen damit die Basis für eine wirkungsvolle Gesundheitserziehung. Mit den regelmäßigen Hygiene-Ausstellungen im Deutschen Hygiene-Museum zeigte Karl-August Lindner wie eine zeitgemäße Erziehung zur Vorbeugung vor Krankheiten und eine moderne Gesundheitsvorsorge aussehen kann. [8]

Reklamemarke: zur Städteausstellung in Dresden zum Thema "Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung"

Plakat zur Hygiene-Ausstellung 1911

Plakat zur Hygiene-Ausstellung 1911


Gesundheit als leicht käufliche Ware

So sehr die damalige Entwicklung Bilz mit seinen Ideen, Heilmethoden und Gesundheitsprodukten förderlich war, so fundamental unterschieden sie sich aber von den klassischen Methoden der Medizin und den naiven Hoffnungen der Menschen sich Gesundheit möglichst billig kaufen zu können. Die Naturheilkunde appelliert an das Bewusstsein der Menschen für eine gesunde und natürliche Lebensweise, die eine aktive und eigenverantwortliche Beteiligung der Anwender erfordert. Die wäre zwar eigentlich - im Konzert mit der kostenlosen Verfügbarkeit von Wasser, Licht und Luft - zum Nulltarif zu haben, aber ihre Nutzung erfordert Initiative, Überlegung, Raum und Zeit. Voraussetzungen, die den meisten Menschen, auch heute noch, zu unbequem und zu aufwendig sind.

Postkarte 1915: "Dr. Eisenbart kuriert die Leut' auf seine Art"

Postkarte 1906: "Unerreichtes Kräftigungsmittel..."

Leichter und schneller glaubte man sich das angestrebte Ziel nach dauerhafter Gesundheit und damit letztlich nach möglichst langem Leben, mit der Hilfe von perfekten Ärzten und allmächtigen Medikamenten sichern zu können. Die Mediziner wurden zu Halbgöttern in weiß und zwielichtige Gesundheitsapostel machten mit obskuren Allheilmitteln und der sog. Patentmedizin glänzende Geschäfte.

Unzählige, als hochwirksame Medikamente angepriesene Präparate kamen auf den Markt und wurden mit modernsten Werbemethoden vermarktet. Bezeichnenderweise bestanden diese Mittel überwiegend aus Wasser, Farbstoffen und Alkohol! Letzterer fand sich meist in hoher Konzentration vor (zwischen 15% und 50%!) und wurde besonders gerne in den Staaten der USA verordnet, die eine strikte Anti-Alkoholpolitik verfolgten.

Eine irgendwie geartete therapeutische Wirkung entfaltete sich eher zufällig und unabsichtlich und war wahrscheinlich dem typischen Placeboeffekt geschuldet. Die messianische Hoffnung der Menschen nach einem omnipotenten Allheilmittel mit lebensverlängernden Effekten, das keine eigene Aktivität erforderlich macht, herrschte jedenfalls ungebrochen und versprach gewaltige Profite.

Werbung der Bilz-Natur Heilanstalt Dresden-Radebeul

Postkarte 1900: Bilz-Natur Heilanstalt Dresden-Radebeul

Auch im Bereich der stationären Naturheilbehandlung brummte das Geschäft: Sanatorien und Natur-Heilanstalten schossen wie Pilze aus dem Boden.

Im Werbe-Anhang des Bilz`schen Naturheilkundebuches (100. Auflage von 1902) preisen allein 17 verschiedene Heilinstitute ihre Künste an. "Beste Heilerfolge" bei Unterleibserkrankungen, Gicht und Rheumatismus, Krankheiten der Geschlechtsorgane, Hautkrankheiten, Asthma, Bleichsucht, Veitstanz, Schwächezustände, namentlich auch der Geschlechtsorgane (!), sowie Schlaflosigkeit und kalten Füßen und Händen verspricht man den gesundheitsbesorgten Mitmenschen.

Erwartungsgemäß hatten die praktizierenden Ärzte nicht immer die erfolgversprechenden Gegenmittel parat; und so ging für das gutbetuchte Bürgertum und insbesondere für die nervösen oder gelangweilten Damen der Adelsschicht ein Sanatoriumsaufenthalt weit über die diagnoseorientierten Heilbehandlung hinaus. Die Kur wurde zum durchstrukturierten "Gesamtkunstwerk" das mindestens ebenso der Unterhaltung wie der Heilung diente. [9]

So konnte sich Bilz über die Nachfrage seines Buches nicht beklagen. Und er hatte endlich das Geld um seine Träume zu verwirklichen. Angeregt auch durch zahlreiche seiner Leser gründete er 1892 eine zunächst noch kleine, primitive Naturheilanstalt. Binnen weniger Jahre wuchs mit dem Geld aus seinen Büchern (Helfricht, S.24) die Einrichtung zu einem bekannten, beliebten und vielfrequentierten Sanatorium. Zeitweise nahmen bis zu 180 Gäste und Patienten die Segnungen der klassischen  Naturheilkunde in Anspruch. Bilz war ein bekannter und gemachter Mann. Er hatte, trotz zahlreicher Anfeindungen und Angriffen von Neidern und Konkurrenten, eine als Naturheilkundler hervorragende Reputation.


Die Geburtsstunde der Bilz-Sinalco-Brause

Vor diesem Hintergrund überraschte eines Tages im Jahre 1900 Franz Hartmann, ein cleverer Geschäftsmann aus Lage, ein kleiner Ort in der Nähe von Detmold, den erfolgreichen Sanatoriumsleiter und Sachbuchautor mit einer glänzenden Idee. Wie wäre es, eine Limonade aus Wasser und verschiedenen Fruchtzusätzen unter dem Namen des  bekannten Naturheilkundlers auf den Markt zu bringen?

In der Tat: diese Kombination von Mineralwasser mit gesunden Fruchtsäften und einem zugkräftigen Namen, diese "Krambambuli-Mischung" sollte es in sich haben!

Bilz, von dem bereits einige andere Reform-Produkte unter seinem Namen vertrieben wurden [10] war jedenfalls begeistert. Die verschiedenen Bestandteile der im Obst enthaltenen Mineralsalze und Fruchtsäuren hatte er schon lange als der Gesundheit förderlich angepriesen. Und die positive Wirkung des Fruchtzuckers auf den Energiehaushalt des Körpers war ihm ebenfalls bekannt.

Dass man der Brause schließlich sogar Heilkräfte nachsagte, war zwar übertrieben, konnte aber auch nicht ganz ausgeschlossen werden. Dem Absatz konnte es nur dienlich sein und so wurden die Brauseetiketten mit dem Hinweis versehen: "Für Magen-, Nerven-, Rheumatismus- und Lungen-Leidende sehr zu empfehlen." [11]

Nachdem sich Hartmann und Bilz geeinigt hatten, startete 1901 der "Fürstlich Lippische Hoflieferant" die Kampagne mit "Bilz-Limetta", aus der dann 1902 "Bilz" bzw. die "Bilz-Brause" wurde. Der besondere Pfiff war, dass Hartmann nur das Früchtekonzentrat produzierte, die sogenannte "Bilz-Seele" und damit die Getränkehersteller belieferte. Diese mussten nur noch Wasser, Kristallzucker und Kohlensäure zumischen und fertig war der "Krambambuli-Trank".

Bilz-Brause Flasche

Sinalco Brauseflasche

Sinalco Brauseflasche mit Sektglas...

1902 wurden 3 Mio. Liter Bilz-Getränke verkauft, 1903 schon 7 Mio. und 1904 dann 25 Mio. Bereits 1903 boten rund 30.000 deutsche Gaststätten, Erfrischungshallen, Kantinen und Verkaufsstellen das aromatische Getränk an. Im Sommer 1904 verkaufte man in Berlin täglich die sensationelle Menge von 60.136 Flaschen "Bilz-Brause", die Flasche für 8 bis 10 Pfennige. [12] Und in einem Werbeprospekt hieß es 1905: "In den gemäßigten Zonen, wie in den heißen Tropenländern, auf den Kriegsschiffen unserer Marine, in den Hauptstädten des Kontinents...werden heute die Bilz` alkoholfreien Getränke in den Wirtschaften verlangt und mit Behagen getrunken..." [13]

Werbung des Pilz-Champagner Konkurrenzproduktes

Fälschung

 Bilz-Brause Flaschenetikett

Original

Das war keineswegs übertrieben; der Erfolg der Bilz-Brause war so durchschlagend, dass einige dreiste Konkurrenten ungefragt versuchten, sich an dem Geschäft zu beteiligen. Sie brachten Limonade mit ähnlicher Aufmachung auf den Markt und verkauften sie - wie z.b. eine holländische Firma - unter dem Namen "Pilz-Brause"!

So gut das Geschäft auch lief, oder vielleicht gerade deswegen, Hartmann und Bilz bekamen Streit. Bilz fühlte sich übervorteilt und strengte eine Klage gegen Hartmann an, die allerdings abgewiesen wurde.

Postkarte ca. 1960: Werbung der Sinalco Bilz-Brause in Südamerika

Postkarte 1960: Sinalco Werk in Detmold

Schließlich wurden Hartmann die Querelen mit seinem Namensgeber und der Ärger mit den Nachahmern und Fälschern zu bunt und er schrieb einen Wettbewerb für einen neuen Namen aus. Heraus kam der im Jahre 2005 einhundert Jahre alt gewordene Markenname "Sinalco".

Die Anti-Alkoholbewegung hatte sozusagen ihr Ersatzgetränk mit dem passenden Namen erhalten: Sinalco bedeutete die Zusammenziehung zweier lateinischer Wörter, "sine alcohol", auf Deutsch "ohne Alkohol".

Nur in einigen Ländern Südamerikas blieb man bei dem ursprünglichen Namen Bilz.

Diese unverkennbare Bezugnahme auf den Alkohol wurde auch in der spezifischen Symbolik des Sektkelches deutlich, der immer wieder auf den Werbeabbildungen von Sinalco auftauchte. Die überschäumende Limonade weckt unzweifelhaft die Assoziation an übersprudelnden Sekt und spricht damit insbesondere auch die weiblichen Konsumenten an, die ihrer Vorliebe für den Alkohol nicht gänzlich entsagen möchten.

Sinalco Actie 1928

Postkarte 1918: Sinalco : "Mit Sinalco, uns der Sieg, wie im Frieden so im Krieg!" - Offenbar kam die Verteilung von Sinalco an die Soldaten einfach zu spät um noch den Sieg zu erzielen und den schädlichen Einfluss des Schnaps` zu kompensieren

Postkarte 1916: Asbach : "Der alte deutsche Cognac!"

Doch ganz unabhängig vom seinen anti-alkoholischen und gesundheitlichen Entstehungswurzeln entwickelte sich Sinalco zu dem erfolgreichsten europäischen Erfrischungsgetränk. Das Stammhaus in Detmold wurde zum Zentrum der Sinalco-Produktion, 1908 wurde die Sinalco-Aktiengesellschaft, Franz Hartmann, Detmold gegründet und mit einem Stammkapital von einer Million Mark eingetragen.

1937 wurde dann das unverwechselbare Markenzeichen entwickelt: der rote Punkt mit dem Schriftzug "Sinalco" und schließlich die besondere Flaschenform.  Sinalco überstand zwei Weltkriege, in denen sie auch den Wettkampf mit dem beliebten Betäubungsmittel Alkohol überlebte, und blieb, bis Coca-Cola und McDonald den deutschen Lebensmittelmarkt übernahmen, eines der beliebtesten Erfrischungsgetränke.

Postkarte 1930: Chabeso auf der Int. Hygiene Ausstellung Dresden 1930

Plakat 1954: "Afri-Cola erfrischend"

Sinalco konnte nach der Übernahme der Sinalco-Markenrechte durch die Düsseldorfer Getränke-Firma Hövelmann und mittels eines neuen Marketing- und Vertriebskonzept 2005 sogar seinen 100. Geburtstag feiern. Wenn man die prominenten Geburtstagsgäste betrachtet, die sich die Ehre gaben [14], muss sich Sinalco um seine Zukunft wohl keine Sorgen machen.

Keine Zukunftsängste zu haben, dass ist ja heutzutage nicht gerade selbstverständlich. Die Sinalco-Mitkonkurrenten, von Chabeso

(der Name wird inzwischen wieder von der Brauerei Riegeler, als Sponsor einer Eishockey-Mannschaft, verwendet) über Frada, Komoll und Pomril bis Si-Si sind ja lange schon von der Bildfläche und vom Markt verschwunden.

Einzige Ausnahme ist Afri-Cola, das aber wegen seines Produktkonzeptes (Colagetränk) nicht direkt mit den fruchtsafthaltigen Erfrischungsgetränken zu vergleichen ist. Gleichwohl ist Afri-Cola nach einer unverwechselbaren und unvergesslichen Werbekampagne in den 70er Jahren durch Charles Wilp und einem Absatztief während der 80er und 90er Jahre inzwischen wieder zu einem Kultgetränk geworden. An der historischen und ökonomischen Bedeutung von Sinalco kann Afri-Cola allerdings nicht rütteln. Bis heute ist Sinalco konkurrenzlos.

Postkarte 1969: "Alle im Afri-Cola Rausch!"

Postkarte 1970: "Die Götterquelle mit dem AFRI-Schlauch"



Blechschild aus der Ausstellung im Zuckermuseum: "Bronte alkoholfrei und spritzig"

Blechschild aus der Ausstellung im Zuckermuseum: "Clio die Perle der Erfrischung"

Unser besonderer Dank gilt Frank Rawlinson, Berlin, der uns bei diesem Kapitel mit Rat und Bildmaterial unterstützt hat. F. Rawlinson hatte im Jahre 1999 eine Ausstellung im Berliner Zuckermuseum mit eigenen Exponaten zur Geschichte der Limonaden- und Erfrischungsgetränke organisiert und gestaltet.


Blechschild aus der Ausstellung im Zuckermuseum: "Trinkt HERVA alkoholfrei. Denn HERVA schmeckt."
Blechschild aus der Ausstellung im Zuckermuseum: "Abgespannt? dann... CHABESO-COLA"

Blechschild aus der Ausstellung im Zuckermuseum: "CHABESO schmeckt - mit Wein und Sekt"



[1] Siehe Abschnitt: Die neue Naturheilkunde

[2] "Die Geschichte des Brausepulvers beginnt im Jahre 1925 in Stuttgart. Der Kaufmann Theodor Beltle entdeckt...einen Limonadengrundstoff, der sich mit frischem Wasser in Sekundenschnelle zu einem schmackhaften Erfrischungsgetränk mischen läßt.... Zusammen mit seinem Schwager Robert Friedel gründet Beltle ein Unternehmen und beginnt mit der Herstellung von Frigeo-Trinktabletten in den Geschmacksrichtungen Zitrone und Orange." Der Name Ahoi-Brause entspringt einer eigenwilligen Assoziationsreihe von Beltle: Brause-Wasser-Schiffahrt-Matrose-Ahoi; Dorothea Cerpnjak: Ahoi-Brause, Leipzig 2004, S. 9ff)

[3] "Unterricht von der Kraft und Wirkung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen"; Johann Sigmund Hahn, zitiert in: Jürgen Helfricht, Detmold und Radebeul 1992

[4] Eines der beliebtesten Therapeutika, der Aderlass, wurde z.b. als Universalheilmittel auch bei körperlich stark geschwächten Patienten angewendet, obgleich es die Widerstandskraft der Kranken weiter verringerte

[5] J.H. Rausse, Zeits 1847, zitiert in J. Helfricht, a.a.O., S. 7

[6] Und weiter: "Wenn man nun erwägt, daß wir in den kurzen Wintertagen ununterbrochen sechs bis sieben Stunden bei Licht zu arbeiten hatten und noch dazu in einem kleinen Raume, worin regelmäßig sechs bis sieben Rubölampen brannten und acht bis zehn Personen atmeten und ausdünsteten, so entrollt sich für jeden Denkenden ein Bild, wie gesundheitsvernichtend der Aufenthalt in solchen Räumen wirken musste." Jürgen Helfricht, a.a.O., S. 11

[7] Sachsen, in der Nähe von Chemnitz

[8] Abbildungen: Odol, Int. Hygiene Ausst. 1911 (Plakat und Postkarte) aus: "Das deutsche Hygiene-Museum Dresden : 1911-1990", Hrsg. Klaus Vogel, Dresden 2003

[9] Thomas Mann hat mit seinem Buch "Der Zauberberg" ein "Heil-Kunstwerk" der ganz besonderen Art entworfen.

[10] So gab es beispielsweise  Bilz` Reform-Cacao, -Schokolade, -Melange, -Mandelmilch und -Kindernahrung

[11] zitiert in J. Helfricht a.a.O. S. 43

[12] zitiert in J. Helfricht a.a.O., S. 43ff

[13] zitiert in J. Helfricht S. 44).

[14] Selbst der Altbundeskanzler G.S. war dabei


weitere Literatur zur Geschichte der Sinalco von 1902 bis 1997:

"Lippischen Mitteilungen“ Band 70, Selbstverlag des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe e.V., Detmold 2001 und hier insbesondere den Beitrag von Dr. Ernst-August Elbrächter, Vorstandmitglied der Sinalco AG von 1963 bis Anfang 1978, über „Innovationen und Ihre Vermarktung“ .


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