Saufen und sich berauschen - ein menschliches Grundbedürfnis...
Auch das Mittelalter war voll von Bildern wie die Menschen innerhalb ihrer sozialen Gruppen, in denen sie lebten, tranken, sich zuprosteten oder unter den Tisch soffen: Bauern und Handwerker, die in ihrem arbeitsreichen und armseligern Leben ohnehin nicht viel zu lachen hatten, ließen sich dann auf Festen und Feiertagen nicht selten bis zum Überlaufen vollaufen:
Der Klerus sah sich indessen lieber beim Verkosteten des Weines oder beim Abschmecken des Bieres, das in den Klosterbrauereien prächtig heran reifte. Und der Adel ließ sich gerne bei opulenten Festen abbilden, und demonstrierte damit seinen Reichtum und seine Macht. Das einige der hohen Herrschaften es beim Feiern übertrieben und sich den zeitgenössischen Malern auch schon mal unter den Tischen präsentierten, focht niemanden an. Im Gegenteil, handelte es sich hier um ein Zeichen äußerster Genussfähigkeit und grenzenloser Hingabe.
Die adligen Nebentätigkeiten, Raubrittertum und sonstige kriegerische Handlungen waren selbstverständlich ebenfalls von exorbitanten Trinksitten begleitet. Das führte - sehr zum Ärger mancher Heerführer - allerdings soweit, dass die Disziplin der Soldaten einem derartigen alkoholischen Gärungsprozess ausgesetzt war, dass Kampfhandlungen zeitweilig unterbrochen werden mussten, weil es entweder zu viel oder zu wenig zum Trinken gab.
... und deutsche Leidenschaft
Wenn man die z.T. überaus drastischen Bilder betrachtet, könnte man fast glauben, dass das Trinken eine der Hauptbeschäftigungen der Menschen war. Und für die Deutschen scheint das auch zutreffend gewesen zu sein Diese hatten nämlich schon früh den Ruf, die schlimmsten Säufer auf Gottes Erde zu sein.
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So stellte z.b. die schwedische Königin Christine 1671 voller Abscheu fest, dass "die Deutschen dumme Trunkenbolde (seien)" und auf einer Bildertafel des 18. Jahrhunderts werden die typischen "Aigenschafften" des Deutschen so beschrieben: seine Zeit verbringt er "mit Trincken", seine ganze Liebe gilt "dem Trunck" und sein Leben endet folgerichtig "im Wein"[1]. Dementsprechend wurde in einer satirischen Zeichnung um 1520 der Deutsche als "Weinschlauch" charakterisiert, der seinen aberwitzig vollen Weinbauch auf einer Schubkarre vor sich hertragen muß. Dass es sich hierbei keineswegs um eine erst im Mittelalter entstandene Marotte der Deutschen handelte, geht aus den Zeugnissen des altrömischen Geschichts-schreibers Tacitus hervor. In seinen Beschreibungen über die Germanen, nannte er deren dauernden Durst als ihre hervorstechende Eigenschaft. -Tag und Nacht durchzutrinken (sei) "für niemand eine Schande" stellte er fest. Derartige Zechereien endeten verständlicherweise häufig im Streit, der sich allerdings nicht mit bloßen Schimpfereien begnügte, sondern "öfters Todschlag und Verwundungen" hervorbrachte[2]. Auch Jahrhunderte später hatte einige Urväter der Deutschen nichts von den Trinksitten ihrer Vorfahren verlernt. Venantius Fortunatus ein späterer Bischof gruselte es bei den Gelagen der Franken: "Umher lagen die Zecher bei ehernen Bechern und tranken Gesundheiten um die Wette wie Rasenden. Wer nicht mittat, galt als Tor. Man musste sich glücklich preisen, aus dem Trinken mit dem Leben davon zu kommen."[3] |
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Gegen die Trinklust hilft kein Gesetz noch christliches Gebot...
Begleitet wurde Entwicklung der Trinkgewohnheiten im 16. und 17. Jahrhundert von einem Aufschwung der Braukunst und dem Beginn der Branntweinproduktion. Schon in dieser Zeit lagen sich Befürworter und Gegner des (Alkohol-)Trinkens in den Haaren. In Wort und Schrift polemisierten Gelehrte, Geistlichkeit und Mediziner gegen das Trinken "über das rechte Maß". Gleichzeitig wurden Reichstagserlasse gegen das Zutrinken verabschiedet und schwere Strafen "für hohe und gemeine Sünder angedroht"[4].
Doch auch der zunehmende Protestantismus mit seiner genussfeindlichen Variante des Kalvinismus und den Lutherischen Brandreden gegen den deutschen Durst konnte den Saufteufel nicht austreiben.
Das Bedürfnis sich zu betrinken, war offenbar größer und unausrottbar. Daran sind auch nicht - wie heutzutage manchmal der Eindruck erweckt werden soll - die ausgeklügelten Marketingstrategien der Alkoholproduzenten und ihre Unterstützer schuld. Die Macht des Alkohols über Wahrnehmung und Gefühle der Menschen und seine Fähigkeit diese auf angenehmste Weise zu verändern, so dass alle empfundenen Belastungen und Erschwernisse des Lebens nichtig und klein erscheinen, bedürfen keiner Verkaufstrategie. Keine Suchtprävention, keine Verkaufbeschränkungen und keine Verbote haben daran je etwas ändern können.
Dieses "Wundermittel" findet immer seine "Kunden" und bindet sie an seine Produkte umso stärker je häufiger es benutzt wird. Nur der Tabak kann auf eine vergleichbare "Produkttreue" verweisen, seine Fähigkeit zur Metamorphose seiner Liebhaber ist gleichwohl beschränkter.
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[1] "Kurze Beschreibung der In Europa Befindlichen Völker Und Ihren Aigenschafften" zitiert in R. und M. Hübner, Der deutsche Durst, ,Leipzig 1994
[2] Hübner, Der deutsche Durst, a.a.O., S.9ff
[3] ebenda., S.12
[4] ebenda, S. 16ff
... aber kein Genuss ohne Reue
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Trinkrituale und Trinken in Gemeinschaft
Der Kater, der Affe und der § 11 - Geheimnisvolle Symbolik der Karten
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Die Geschichte des Trinkens ist auch immer eine Geschichte gemeinschaftlichen Trinkens gewesen. Individuelles Trinken in den eigenen vier Wänden, Trinken gegen das Alleinsein oder die Einsamkeit ohne soziale Kontrolle wie es heutzutage in den Industriegesellschaften üblich geworden ist, war lange Zeit ein unbedeutender Faktor in der Konsumgeschichte des Alkohols. Die Menschen tranken - streng hierarchisiert - gemäß ihrer sozialen Zugehörigkeit in ihrer Gruppe, gemeinsam und zu bestimmten Anlässen, Veranstaltungen und Festen. Diese Gemeinsamkeit der Trinkenden in ihrer sozialen Gruppe wurde reguliert durch eine Art von Regelrahmen, der die Trinkenden vor den Folgen individuellen Kontrollverlustes schützen sollte. Der beliebteste Ort gemeinschaftlichen Trinkens war und ist das Wirtshaus, bzw. die Kneipe. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts auch ein sozialer und politischer Treffpunkt für die Arbeiterklasse von dem Kautsky als dem "einzigen Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariers" sprach [1]. Selbst in unseren Tagen besingen die deutschen Barden von Alexander bis Westernhagen "die kleine Kneipe von nebenan", "in der ich mich frei fühlen kann" und in der man mit Gleichgesinnten unbesorgt seinem Rausch entgegen trinkt. |
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Der Begriff Kneipe stammt allerdings aus der Tradition eines ganz anderen Gruppentrinkens, der Korporation oder dem studentischen Verbindungswesen. Die Geschichte der Verbindungen geht bis ins späte Mittelalter zurück und diente der sozialen Absicherung der Studenten und der Geselligkeit. Die Mitglieder einer Verbindung mussten sich einem strengen Regelwerk unterwerfen, das u.a. im Tragen der Farben, dem Fechten und den Trinkveranstaltungen zum Ausdruck kommt. So ist die Kneipe ursprünglich eine nichtöffentliche Trinkveranstaltung von Verbindungsstudenten und/oder sogenannten Alten Herren (Verbindungsmitglieder, die ihr Studium abgeschlossen haben). Der Comment (franz.: "wie") regelt genau, wer sich wie bei einer Kneipe zu verhalten hat. Einige Auszüge aus dem Comment einer Verbindung machen dieses disziplinierende und teilweise entwürdigende Regelwerk deutlich: § 51: Verstoß gegen den Comment, namentlich Störungen der Ordnung, werden mit Bierstrafen geahndet. § 52: Wird jemand zu einem Quantum verdonnert, so hat er es immer sofort und ohne Widerspruch zu trinken. |
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Begründung kann erst nach dem Trinken verlangt werden. (...) § 57: Bei grobem Verstoß wird der Bierverschiß verhängt. Bierverschiß ist der Aufenthalt abseits von der Kneipentafel auf einem Stuhl, der auf einem Tisch steht, und dem Ausschluß von allen Bierfunktionen und dem Biergenuß. Ebenso darf das Bierschwein (der Bestrafte) weder rauchen noch reden. Er ist nicht mehr bierehrlich..."[2] Auf den Abbildungen einiger Postkarten findet sich immer wieder ein geheimnisvolles Zeichen, der § 11, das in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem Motiv steht. Erst das Regelwerk der studentischen Verbindungen bei ihren Trinkveranstaltungen hat den Zusammenhang hergestellt. § 11 bedeutet "porro bibitur", kommt aus dem lateinischen und heißt. "es wird fortgesoffen" oder "es darf weiter getrunken werden". Der Affe symbolisiert die tierische Seite des Menschen und steht für Trunkenheit. Der in diesem Zusammenhang benutzte Begriff "einen Affen haben" hat sich in der Sprache der Drogenszene zu seinem Gegenteil verwandelt; dort bedeutet er nämlich "einen Entzug haben".
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Wir finden diesen fatalen Zusammenhang von Rausch, Trunkenheit und Entzugserscheinungen eindringlich dargestellt auf dieser Karte. Welche unerquicklichen Auswirkungen der Suff am nächsten Morgen hat, symbolisieren Kater (Katzenjammer), Raubfisch und Affe, letzterer mit einem überdimensionalen Korkenzieher mit dem er dem Trunkenbold das Gehirn martert.
Sich in Gruppen zu treffen und zu trinken diente aber nicht nur der sozialen Unterstützung vor den Folgen individuellen Kontrollverlustes, sondern entsprach auch den Bedürfnissen der Menschen nach Gemeinschaft und geeigneten Treffpunkten und Aufenthaltsorten zur Kommunikation. Die beengten Wohnverhältnisse ließen es für die Masse der Bevölkerung nicht zu, sich zuhause treffen zu können Also schloss man sich in Vereinen, Verbänden oder sonstigen Gruppierungen zusammen und versammelte sich in Gaststätten und (Vereins-)lokalen. Mit der Gründung des Zweiten Deutschen Kaiserreiches 1871 schossen die Vereinsgründungen und Gruppen, die zuvor noch argwöhnisch von den staatlichen Kontrollorganen beobachtet und teilweise sogar verboten worden waren, wie Pilze aus dem Boden. Es gründete sich sogar ein Verein zur Bekämpfung der Vereinsmeierei![3]
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________________________________________________ [1] - "Ohne Wirtshaus gibt es für den deutschen Proletarier nicht blos kein geselliges, sondern auch kein politisches Leben" Zitiert in: Hasso Spode, a, a, O.S. 237 [2] - zitiert in "Falsch verbunden", Reader zum Verbindungs(un)wesen in HH, Hg. Asta der Uni HH, 2005) [3] So hieß es in einem Artikel der "Winsener Nachrichten" vom 17. 5. 1908: "Nachdem wir es in unserem lieben Vaterland bereits zu einem Verein zur Bekämpfung der Vereinsmeierei gebracht haben, fehlte uns an der vollkommenen Vollkommenheit nichts mehr" - zitiert in: Herbert May, Andrea Schilz: Gasthäuser- Geschichte und Kultur, Petersberg 2004 [4] ebenda [5] ebenda |
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