Gedanken zum (Un)Wesen des Alkoholismus

Brief an Ernst Herhaus  –  Beichten eines Alkoholikers

Alkoholiker – ein Gottesurteil?



Gedanken zum (Un)Wesen des Alkoholismus oder                                                         

die blinden Flecken der Alkoholgegner


Ähnlich wie die Abstinenzbewegung haben auch viele Wissenschaftler, die sich mit der historischen Entwicklung des Alkoholkonsums und den gesellschaftlichen Zusammenhängen beschäftigt haben, die stimmungs-beeinflussenden und rauschhaften Komponenten des Alkohols weitgehend unberücksichtigt gelassen. Vielleicht, könnte man vermuten, war ihnen die Kraft des Alkohols, individuelle Wahrnehmungen und Gefühle in beliebig gewünschter Weise zu verändern, zu unheimlich, weil zu wenig in wissenschaftliche Kategorien fassbar, als dass sie sich den irrationalen Einflussfaktoren eines solchen Zaubertrankes  gewachsen fühlten.[1]

Jedenfalls trägt diese besondere Qualität des Alkohols zu einer ausgesprochen zwiespältigen Bewertung desselben bei. Die einen würden ihn am liebsten vernichten, wie die zahlreichen Abstinenzbewegungen erkennen ließen und die anderen genießen ihn mit einer Leidenschaft selbst dann noch, wenn sie Gefahr laufen von ihm vernichtet zu werden.

Postkarte um 1960: Alkoholisches Wohlbefinden im Hochstadium: die Absurdität der alkoholisierten Wahrnehmung unterstreicht die Potenz des Alkohols, die Sinneseindrücke eines Trinkers vollständig zu täuschen. AK einer Serie zu den Auswirkungen des Alkoholkonsums auf Trinker; erschienen seit ca. 1960 bis heute.

 Dazwischen gibt es eine große Gruppe von Konsumenten, die von den besonderen Qualitäten des Alkohols immerhin so angetan sind, dass sie ihn regelmäßig und in z.T. beträchtlichen Mengen trinkt. Immer geht es dabei um die besondere Potenz des Alkohols, Wahrnehmung und Stimmung in eine gewünschte Richtung zu modifizieren. Gelingt dieses - und man muss konstatieren, dass dies in den meisten Fällen gelingt - dann wächst das Bedürfnis nach Wiederholung des Erlebten. Dieses Bedürfnis wird umso intensiver, je häufiger diese Transformationen von Stimmungen und Gefühlslagen erlebt werden.

Postkarte um 1960:

Alkoholisches Wohlbefinden im Hochstadium: die Absurdität der alkoholisierten Wahrnehmung unterstreicht die Potenz des Alkohols, die Sinneseindrücke eines Trinkers vollständig zu täuschen.

AK einer Serie zu den Auswirkungen des Alkoholkonsums auf Trinker; erschienen seit ca. 1960 bis heute.

 Bei diesen Vorgängen vollzieht sich gleichermaßen ein aktueller Verlust des individuellen Steuerungsvermögen und ein permanenter - je öfter der Alkohol konsumiert wird. Was

also zu Beginn des Konsums eine gezielte Aktion war, um für eine bestimmte Zeit die Selbstkontrolle aufzugeben, gerät mit zunehmender Wiederholung dieses Vorgangs zu einem Dauerverlust der Kontrollfähigkeit auch dann, wenn gar kein Alkohol getrunken wird.

Wir haben es hier mit dem typischen Phänomen der Suchtentstehung zu tun, das allen stimmungsverändernden und rauscherzeugenden Stoffen mehr oder weniger eigen ist. Dieser Verlust der individuellen Steuerungsfähigkeit tritt unabhängig vom Willen der Konsumenten ein, er ist sozusagen eine diesen spezifischen Stoffen innewohnende Qualität.

Ein Beispiel für diese personen- und willensunabhängige Eigenschaft ist die massenhafte Verabreichung von Morphin an verwundete Soldaten im deutsch-französischen Krieg 1870/71, in deren Folge zahlreiche Soldaten an schweren Entzugserscheinungen litten[2]. Dieses Suchtphänomen, das man zunächst als solches gar nicht diagnostizieren konnte, das gleichwohl aber existierte, vollzog sich unabhängig vom Willen der Betroffenen und selbst ohne ein ursprüngliches Bedürfnis nach der stimmungsverändernden Wirkung des Stoffes.

Postkarte 1912: „Alkoholische Transformation“ Unter Alkoholeinfluss werden auch human-biologische Beziehungsgrenzen überwunden.

  Jede bewusste und reflektierte Erfahrung bei dem Einsatz von Rauschmitteln birgt also in sich das Bedürfnis zur Wiederholung trotz oder gerade wegen des damit verbundenen zeitweiligen Kontrollverlustes; wer, wie die Anonymen Alkoholiker sagen, immer öfter einen Stoff probiert, der alles besser macht[3], der wäre ja dumm davon abzulassen. Aber der geht eben auch das Risiko der Sucht, wenigstens aber das der Gewöhnung ein.

Postkarte 1912:

„Alkoholische Transformation“ Unter Alkoholeinfluss werden auch human-biologische Beziehungsgrenzen überwunden.

 Dieses Risiko wird umso größer je stärker das Bedürfnis nach einem sich-besser-fühlen-wollen ist. Das heißt im Umkehrschluss, je defizitärer die individuelle Lage ist – ob physisch[4], emotional, sozial, oder ökonomisch ist dabei völlig unerheblich, entscheidend ist dafür ganz allein das subjektive Mangelgefühl[5] – umso stärker wird das Bedürfnis nach Erlebnissen, die diese Lage wenigstens scheinbar erträglicher gestalten oder sogar verbessern.

Unter Praktikern in der Suchtarbeit ist es kaum umstritten, dass diese Erklärungsansätze die Suchtentstehung erläutern. Allerdings gibt es auch hier Gegenstimmen, die überwiegend von Seiten der Theoretiker vorgebracht werden: defizitär orientierte Erklärungsansätze seien einseitig, weil sie die Motive der Konsumenten auf einen Faktor reduzieren und nicht-defizitäre Beweggründe außer Acht lassen würden.

Nun unterliegen aber das eigene Trinkverhalten und die persönlichen Motive eines Konsumenten auch seiner individuellen Einschätzung und subjektiven Bewertung. Das, was sich für einen differenziert und distanziert wahrnehmenden Betrachter nach genauerer Untersuchung der Umstände, womöglich als ein defizitär bestimmtes Trinkverhalten definieren ließe, kann vom Konsumenten, aber auch von anderen Standpunkten durchaus anders wahrgenommen und eingeschätzt werden.

Die persönlichen Handlungsmotive auf ursächliche Einflüsse und Faktoren zu entschlüsseln, unterliegen damit genauso subjektiven Kriterien, wie die Wahrnehmungen und Beurteilungen außenstehender Betrachter. Am stärksten betroffen von der eigenen Verstrickung in den sich zuspitzenden Suchtprozess sind jedenfalls die Konsumenten selber.

„Trinkstadien“ nach Wilhelm Busch u.a.:

„Es ist ein Brauch von alters her, Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ Am Ende lacht sich der Teufel ins Fäustchen, weil der einstmals große Tröster nur noch eine Qual geworden ist.

AK zwischen 1905 und 1915 AK zwischen 1905 und 1915 AK zwischen 1905 und 1915

AK zwischen 1905 und 1915


Die Fähigkeit, die Motive des eigenen Konsums zu erkennen und geeignete Schlüsse für alternatives Handeln zu ziehen, ist wegen der einschränkenden Wirkung des Alkohols auf die Selbstwahrnehmung nachhaltig reduziert. Die eigentliche Motivbildung, d.h. Herausbildung der elementaren Gründe für das eigene abweichende Trinkverhalten, vollzieht sich unbewusst, quasi hinter dem Rücken des Betroffenen.

In der Selbstwahrnehmung können diese Gründe genau gegenteilig erscheinen, als sie sich bei genauerer Untersuchung und Betrachtung, z. B. im Rahmen einer therapeutischen Behandlung, entpuppen würden. So betonen bekanntermaßen manche Konsumenten nachdrücklich, dass sie nicht tränken, weil es ihnen schlecht gehe, sondern um ein gutes Gefühl noch zu verstärken. Wir finden diese Phänomene bei der speziellen Trinksitte, positive Ereignisse mit Alkohol zu „begießen“, zu verstärken.

Die Schnaps-Firma Asbach hat auf diesen Trinkmotiven eine ganze Werbekampagne unter dem Motto aufgebaut: „Wenn einem so viel Gutes wiederfährt, das ist schon einen Asbach-Uralt wert!“

Entscheidend für die Interpretation eines bestimmten Trinkverhaltens ist jedenfalls nicht das subjektive Motiverlebnis des Konsumenten, sondern seine individuelle Lagebestimmung. Selbst diese kann, objektiv Existenz bedrohend auf Grund alkoholischer Folgewirkungen  wie Hepatitis, Leberzirrhose oder Verlust des Arbeitsplatzes, vom Konsumenten akzeptiert und ohne Konsequenzdruck eingeschätzt werden

So hat sich dieser klassische Erklärungsansatz zur Entstehung von Sucht, auch wenn er vermeintlich wissenschaftlichen Kriterien nicht gerecht wird, in der Praxis der Suchtarbeit immer wieder als Motiv bildend heraus gestellt.

Der Schein  trügt: nicht der Wind, der Alkohol macht taumelnd

Ebenfalls hat sich in der konkreten Arbeit mit Abhängigen ergeben, dass diese Entwicklung zur Sucht ein Prozess des zunehmenden Kontrollverlustes ist, der von den Betroffenen als solcher nicht realisiert wird.

Es vollzieht sich quasi hinter dem Rücken des Konsumenten eine emotionale und rationale Beeinträchtigung seiner Selbstwahrnehmung, die von außen womöglich als Kontroll- und Realitätsverlust diagnostiziert werden würde, von dem Betroffenen selber aber nicht so geteilt oder erlebt wird.

AK versendet 1912 „aus fröhlicher Stimmung“ an ein Frl. Toni. Dass ein junger Mann bei seiner Freundin und i.d.R. zukünftigen Lebensparterin mit einem Vollrausch prahlt, wird auf zahlreichen AK dieser Zeit wiedergespiegelt.

AK versendet 1912:

„aus fröhlicher Stimmung“ an ein Frl. Toni.

Dass ein junger Mann bei seiner Freundin und i.d.R. zukünftigen Lebensparterin mit einem Vollrausch prahlt, wird auf zahlreichen AK dieser Zeit widergespiegelt.

Die allgemeine Ursache dafür mag für die Hirnforscher[6] in der Erzeugung eines sog. Suchtgedächnisses liegen, dass den Konsumenten immer wieder an das einmal erlebte erinnert und wie eine innere, permanente Konsumaufforderung wirkt. Die individuelle Ursache liegt jedoch in der ganz persönlichen und positiven Erfahrung der Konsumenten mit der Wirkung des jeweiligen Rauschmittels. Wie stark diese Komponente wirkt und wie sehr sie sich einer verallgemeinerbaren, abstrakten Erklärung entzieht, zeigen die unterschiedlichen Suchtentstehungen und – entwicklungen von Betroffenen.

 Je stärker und intensiver die individuell erlebte Potenz eines Rauschmittels ist, Wahrnehmung, Stimmung und Gefühle positiv für den Konsumenten zu beeinflussen und damit seine subjektive Befindlichkeit und Lage emotional zu transformieren, um so stärker entwickeln sich Widerstand und Abwehr gegen alternative Modelle und Verhaltensweisen diesen Konsum zu modifizieren oder gar ganz zu unterlassen. Dieser Widerstand gegen eine Aufgabe des Trinkens wird selbst dann noch aufrechterhalten, wenn der Konsument spürt wie sehr ihm der Alkoholkonsum – psychisch, physisch und sozial – schadet. Auch dies zeigt eine irrationale Komponente, die sich auf einer logisch-rationalen Erkenntnisebene nicht erschließt. 

August Forel, einer der großen Begründer der Alkoholismusforschung, hat dieses Phänomen als „circulus vitiosus des Alkoholismus“  bezeichnet: „Der Mensch trinkt, zuerst mässig, dann weniger mässig. Indem er dies tut, vermindert er seine Urteilskraft und die Widerstandsfähigkeit seiner Willenskraft…“[7]

 Diese Blockade gegen eine Verhaltensveränderung steigert sich noch in dem Maße wie die emotionalen und materiellen Voraussetzungen für alternative Handlungsmodelle eingeschränkt sind. Anders gesagt, wer nichts gelernt und keine Mittel zur Verfügung hat, wer unsicher sich selbst und der Zukunft gegenüber steht, der bleibt bei dem, was bekannt ist und schon immer geholfen hat. Dass sich dabei schon mehr oder weniger stark eine Verselbständigung dieses einen Verhaltensmusters durchgesetzt und dass dieses Verhalten schon eine neue Qualität mit einem komplexen Begründungs- und Legitimationszusammenhang gewonnen hat, das sich einer rationalen und reflektierenden Betrachtung und kritischen Beurteilung immer weiter entzieht, wird individuell kaum wahrgenommen, geschweige denn erkannt.

Postkarte 1905: Katerfrühstück – Alkoholisches Schlechtbefinden am Morgen danach mit alkoholtypischer Tiergesellschaft;

Genau diese Veränderungen sind mit kausal-wissenschaftlichen Methoden, historisch-philosophischen Konstruktionen oder dialektisch-materialisten Untersuchungen nicht zu fassen. Bezeichnenderweise werden solche Versuche in den mir vorliegenden und berücksichtigten Betrachtungen auch gar nicht erst gemacht. Die Abweichungen von zivilisatorischen Entwicklungsprozessen, wie der Alkoholismus und die Abstinenzradikalität seiner Gegner, bleiben in den Untersuchungen ebenso einer ausschließlich abstrakten Rationalität unterworfen wie die gelungenen Ergebnisse der Zivilisierung von Gesellschaften. [8]

Postkarte 1905: Katerfrühstück – Alkoholisches Schlechtbefinden am Morgen danach mit alkoholtypischer Tiergesellschaft;

Diese Betrachtungsweise stößt dann an ihre Grenzen, wenn sie mit der Irrationalität individueller wie gesellschaftlicher Handlungen konfrontiert wird. Alkoholismus scheint das Ergebnis außer Kraft gesetzter Rationalität zu sein, wer sich konkret mit dem Phänomen Alkoholismus beschäftigt, stellt aber fest, dass es emotionale und affektive Elemente sind, die die Entwicklung zum Alkoholismus bestimmen.

Ganz unabhängig von den Bedingungen, die zu einer Suchtbildung führen, existiert offenbar ein über alle Stufen der menschlichen Entwicklung nachweisbares Bedürfnisses nach Rausch und Kontrollaufgabe[9]. In den Frühphasen der menschlichen Entwicklung bis ins Mittelalter hinein, war der Kontrollverlust rituell inszeniert, sozial anlassbezogen, reguliert und kontrolliert. Der Prozess der Zivilisation ist auch ein Vorgang der emotionalen Selbstkontrolle und Affektsteuerung[10], der eine zunehmende Spannung und Widersprüchlichkeit mit den Bedürfnissen nach Rausch und Kontrollaufgabe erzeugt.

Postkarte 1959: Alkohol als Lebensmittelpunkt;

Die geltenden Normen nach Affekt- und Selbstkontrolle haben zwar den Prozess der Industrialisierung und Zivilisierung vorangetrieben, gleichzeitig haben sie aber auch eine - zeitweilige - Abwendung von diesen Normen bewirkt. Das, zum Ausgang des 19. Jahrhunderts einsetzende, Vereinswesen ist ein Ausdruck dieser systematischen Abwendung von Selbstbeschränkung und Affektkontrolle. Noch heute sind Schützen- und Karnevalsvereine, freiwillige Feuerwehren und – nicht zu vergessen – das studentische Verbindungswesen, Orte des organisierten Kontrollverlustes.

Postkarte 1959: Alkohol als Lebensmittelpunkt;

Für den immer größer werden Anteil der  überwiegend unorganisierten Stadtbevölkerung werden haufenweise Groß- und Klein-Events gemanagt,  die der Ausgangspunkt für massenhafte Berauschung sind. Eine Abstinenzbewegung die ausschließlich Vernunft und Kontrollfähigkeit in den Fokus ihrer Politik stellen, ignoriert das menschliche Bedürfnis nach Kontrollaufgabe und isoliert sich selbst.

 Wenn sich der Mensch – mit welcher primären Motivation auch immer –  des Alkohols bedient, dann benutzt er einen Stoff, der seine Fähigkeit zum rationalen Denken beeinträchtigt und schließlich ganz außer Kraft setzt. Wiederholt er diesen Vorgang und lässt ihn zu einem dauerhaften Konsum werden, setzt er seine Steuerungsfähigkeit herab und verliert schließlich die Kontrolle über sein Handeln und seine Entwicklungsfähigkeit.

 Genau dies geschieht in der Entwicklung des Alkoholismus; wobei der Alkoholismus selber den Abschluss eines Prozesses darstellt, der aus verschiedenen Entwicklungsphasen besteht, deren Erscheinungsformen immer schon den temporären, individuellen Kontrollverlust voraussetzen. Wenn der Mensch Alkohol konsumiert, so setzt er sich also dem Risiko eines doppelten Kontrollverlustes aus: dem des akuten, der dem Alkohol ohnehin innewohnt und der bewusst oder unbewusst einkalkuliert, z.T. auch beabsichtigt ist, und dem der durch den permanenten Konsum schleichend entsteht.

Letzterer verläuft aber nicht nur unbeabsichtigt und in seiner prozessualen Intensivierung unmerklich, sondern auch noch – seitens des Alkohols – unter dem Deckmantel einer bewusst gegenteiligen Selbsteinschätzung. Eine der zentralen Wirkungsweisen des Alkohols liegt in dem Abbau emotionaler Hemmungen und einer damit einhergehenden Selbstüberschätzung beim Konsumenten. Diese Reduzierung der Selbstwahrnehmung und individuellen Reflexionsfähigkeit entfaltet sich auch gegenüber den Steuerungspotentialen bez. des Alkoholkonsums.[11] 

Diese zunehmende Unfähigkeit eines Alkoholkonsumenten zur realistischen Selbsteinschätzung, je mehr er trinkt, umso unkritischer wird er sich selbst gegenüber, hat G. Bunge bereits vor über 100 Jahren registriert: „In dem Maße, als die Selbstkritik sinkt, steigt die Selbstgefälligkeit.“ [12]

Obwohl sich der Alkoholkonsum schon längst verselbständigt hat und Beginn, Ende oder Menge des Konsums nicht mehr der freien Entscheidung unterliegen, hat der Trinker immer noch den Eindruck keineswegs abhängig zu sein und jederzeit aufhören zu können.

Postkarte um 1960: Diese drastische Karikatur trifft wesentliche Phänomene des Alkoholismus: - Gestörte Selbstwahrnehmung – Kontrollverlust - Weitertrinken trotz deutlich negativer Konsequenzen - Unglaubwürdige Vorsätze zur Abstinenz - Ironisierung und Verharmlosung des Suchtcharakters; AK einer Serie zu den Auswirkungen des Alkoholkonsums auf Trinker; erschienen seit ca. 1960 bis heute.

Wer sich also mit Untersuchungen zur Wirksamkeit mäßigender oder antialkoholischer Bewegungen beschäftigt oder selbst eine abstinenzpolitische Absicht verfolgt, muss diese „irrationalen“ oder emotionalen Aspekte als veränderungsresistent wirkende Faktoren mit einbeziehen. Allerdings ist das in dem von mir gemeinten Sinne nicht erfolgt und führt bei den Abstinenzbewegungen des frühen 20. Jahrhundert zu Sektierertum und Isolation.

Postkarte um 1960: Diese drastische Karikatur trifft wesentliche Phänomene des Alkoholismus: - Gestörte Selbstwahrnehmung – Kontrollverlust - Weitertrinken trotz deutlich negativer Konsequenzen - Unglaubwürdige Vorsätze zur Abstinenz - Ironisierung und Verharmlosung des Suchtcharakters; AK einer Serie zu den Auswirkungen des Alkoholkonsums auf Trinker; erschienen seit ca. 1960 bis heute.

Wer`s glaubt…!  

Die Zeugnisse einer individuellen Entwicklung zu Alkoholabhängigkeit geben beredte Auskunft darüber wie problematisch die geforderten und normierten Anpassungsprozesse an bürgerlich neuzeitliche Verhaltensnormen und Benimm-Standards für einige Angehörige dieser Industrie-Gesellschaft verlaufen. Unbestreitbar sind diese, nach dem bürgerlichen Verhaltenskodex gescheiterten Existenzen, heißen sie nun Fallada, Herhaus, Roth, Faulkner, Lowry oder Thomas, der Intelligenz zugehörig und haben die kulturelle Ausgestaltung und Entwicklung ihrer Gesellschaft maßgeblich beeinflusst.

Nicht selten korrespondierte ihr äußerlicher Erfolg mit einer inneren Verzweiflung über ihre Unfähigkeit ein sog. „normales Leben“ führen zu können. Wie mächtig diese innere Unsicherheit, Angst, Schuldgefühle und Selbstzweifel bei vielen dieser Künstler wirkten, beschreiben eindrucksvoll und erschütternd zugleich die Biographien eines Hans Fallada, Dylan Thomas oder Ernst Herhaus. Sie alle waren sich ihrer Abhängigkeit und den daraus resultierenden Folgen für sich und ihr privates Umfeld voll bewusst. Mit dem Trinken aufhören konnten sie trotzdem nicht.

Offenbar haben Intelligenz, Reflexionsfähigkeit und Rationalisierungskompetenz genauso wenig Einfluss auf die Entstehung von Sucht wie auf deren Überwindung. Rauschbedürfnis und systematische Herbeiführung von Kontrollverlusten als alternativloser Voraussetzung für eine Suchtentstehung sind nicht nur immanentes Bedürfnis humaner Gesellschaften und ihrer Subjekte, sondern Spiegelbild individueller Eigenheiten und unterschiedlicher Anpassungsleistungen an gesellschaftliche Normen und temporär erlaubtes Abweichungsverhalten. Mit einer modifizierten Betrachtung und Bewertung auf üblicherweise als abweichend definierte Anpassungsprozesse ändert sich für den einzelnen („Abweichler“) nichts grundsätzlich.

Die Kriterien zur Beurteilung erfolgreicher oder misslungener Sozialisierungen wirken nicht nur äußerlich auf das Individuum mittels Stigmatisierung und Ausgrenzungs- bzw. Akzeptanzritualen. Jedes einzelne Mitglied einer Gruppe, jeder Angehörige einer Gesellschaft entwickelt früh eine eigene Wahrnehmung für seine Wirkung auf  Gruppe und Gesellschaft.

So kann einerseits die misslungene Anpassungsleistung an den herrschenden Normierungsdruck als individuelles Versagertum empfunden werden, das unter allen Umständen – z.b. mittels Alkohol verschleiert werden muss – andererseits kann aus dieser alkoholischen Abweichung gerade auch ein Zuwachs an individueller Bedeutung interpretiert werden. Ernst Herhaus und insb. der jüngste Protagonist dieser alkoholischen Abweichler, Harald Juhnke wurden von ihrem sozialen Umfeld viel zu sehr begafft, als dass sie ernsthaft einen Ausweg aus dieser Lage gesucht hätten, obwohl sie die tödliche Kehrseite ihres alkoholbedingten Starrummels durchaus spürten.

Herhaus hatte das Glück es noch mit Menschen zu tun zu haben, die sein unnormales Trinken ablehnten und als Korrektiv gegenüber seinem alkoholischen Normbruch wirkten. Juhnke fehlte dieser Rettungsanker; dass die vermeintliche Akzeptanz seines Trinkverhaltens durch sein Publikum ausschließlich dessen voyeuristischem Bedürfnis geschuldet war, konnte er nicht mehr realisieren.

Vor diesem Hintergrund reift eine ganz eigene Dynamik und persönliche Bewertung darüber heran wie sich einer im Spannungsfeld von Anpassungserwartung und noch erlaubtem Abweichungsverhalten  zurechtfindet[13].

Somit kann erst eine Niveauangleichung zwischen äußerlich annähernd wertfreier Beurteilung und der  individuellen Selbsteinschätzung gegenüber den eigenen Sozialisierungskompetenzen zu einer möglichen Entspannung bei einzelnen Mitgliedern von Gruppen und Gesellschaften führen. Entspannung meint in diesem Fall, dass Druck und Angst vor dem Gefühl der Abweichung und Andersartigkeit nachlassen, einer geforderten Norm entsprechen zu müssen ohne ihr entsprechen zu können.

Wie sehr manche Menschen nicht nur unter diesem Empfinden der Andersartigkeit leiden, sondern unter der grundsätzlichen Normierung des Seins, dazu noch einmal Ernst Herhaus:

„Das (Lesen, R.M-B) regte mich an in meinem Suchtkerker, von einer praktikablen Geisteswissenschaft zu träumen, in der Traumwiesen Liebesmut, Sprachwissen Liebesbekenntnis(…), Krankheitswissen Liebesschmerz, Gemeinschaftswissen Liebestreue und Gotteswissen Liebesüberlieferung in den Rang alltäglicher Wirklichkeit bringen könnten – falls auch Nichtwissen und Nichtverstehen und Nichthoffen als Quellen der ernstzunehmenden Erfahrungen erlebt würden, weil Leidensgeduld und Krankheit nicht länger als entwertete Anomalie dastünden.“ [14]

Gerade Herhaus ist ein tragisches Beispiel für den erlebten, aber nicht realisierten und nicht eingestandenen Widerspruch zwischen Schein und Sein der eigenen Persönlichkeit. Diesen für ihn nie lösbaren und quälenden Konflikt konnte er bis zu seiner Ernüchterung im Jahre 1973 nur mit Alkohol betäuben. Mit seinen Lebensbeichten „Kapitulation – Aufgang einer Krankheit“[15] und „Der zerbrochene Schlaf“[16] hat er eine eindringliche und eigenwillige Darstellung über diese grundlegende Schwierigkeit vorgelegt, ohne sich dieses Konfliktes wirklich bewusst zu werden.

Herhaus hat zwar seinen selbstmörderischen Saufzwang stoppen können, die Gründe für sein Trinken waren ihm m.M.n. aber weiterhin nicht zugänglich. Ohne emotionale Selbsterfahrung und eine sich anschließende, rationale Selbsterkenntnis des individuellen Alkoholismus, bleibt der Alkohol nur eine Charaktermaske, die zwar in der Form der Abhängigkeit zu einem selbstständigen und behandlungsbedürftigen Phänomen wird, gleichwohl aber nur die innewohnenden Widersprüche des Trinkers verdeckt und überlagert.

Herhaus wird damit zu einem spezifischen Beispiel für die unbewusste Selbstbehandlung von schmerzlichen, psychischen Konflikten mittels Alkohol. Die Abhängigkeit zu überwinden und in den Zustand des Nichttrinkens zu kommen, half ihm aber nicht, seine innere Kontroverse zwischen dem Erwartungsdruck nach erfolgreicher Lebensbewältigung einerseits und der Unfähigkeit diesem gerecht werden zu können, also realer Banalitätserfahrung andererseits aufzulösen.

Als begaffter, alkoholischer Normabweichler sich publikumswirksam erhöht zu fühlen, bediente nur die Fata Morgana  seines narzisstisch geformten Denkmals. Je näher er glaubte, ihm gekommen zu sein, umso weiter entschwand es in der Ferne. Die reale Unerreichbarkeit seine Versagensängste mittels alkoholischer Denkmalpflege überwinden zu können, führte nicht zu einer schonungslosen Konfrontation und der ev. Überwindung eben dieser Ängste, sondern verstärkte nur die verzweifelte Suche nach einem neuen „Heilmittel“, das weniger selbstzerstörerisch wirkte als der Alkohol.                

Sein unübersehbarer Zwang zum Größenwahn mittels Sprache, Schrift und Auftritt seine Umgebung zu manipulieren war nur ein anderes, nicht alkoholisches Substitut zur Verschleierung und Nichtwahrnehmung seiner inneren Widersprüche. Eine innerliche Überwindung des Alkoholismus sieht anders aus. Warum sich diese bei Herhaus nicht vollziehen konnte, möchte ich mittels eines fiktiven Briefes an Herhaus zeigen.

Nachdem der Alkoholiker „Franz“ - in hoffnungsfroher Hinwendung an die „beste und exakteste Beschreibung der Krankheit Alkoholismus“[17] - Herhaus`  Bekenntnisse gelesen hat, ist seine Erwartung hier etwas über das Wesen des Alkoholismus und seine Überwindung erfahren zu können, schwer enttäuscht worden. Stattdessen fühlt er sich als missbrauchter Leser eines Autors, dem es nur darauf anzukommen scheint, Aufmerksamkeit und Bewunderung für ein vermeintlich außergewöhnliches Leben zu heischen. Und so schreibt er denn seinen Brief an Herhaus.


Brief an Ernst Herhaus  –  Beichten eines Alkoholikers                              

 „Kapitulation - Aufgang einer Krankheit“  und   „Der zerbrochene Schlaf“,

Lieber Ernst!

Ich heiße Franz und bin Alkoholiker. Du bist der erste, dem ich das gestehe. Ich war noch nie in einer Selbsthilfegruppe, obwohl ich der Meinung bin, dass Selbsthilfe ein gutes Instrument ist, um trocken zu bleiben. Ich bin aber auch ohne sie trocken. Darum halte ich mich nicht an die Regel, nur über mich selber zu sprechen und keine Kommentare über andere Alkoholiker abzugeben. Weil ich nämlich über Dich reden möchte. Außerdem redet man nie nur über andere und kann selber außen vor bleiben. Wahrscheinlich nervst Du mich bloß deswegen so, weil Du ein Spiegel für mich bist. Mit all den Eigenschaften, die mir so gar nicht gefallen. Aber darüber will ich hier nicht weiter spekulieren.

Da ich Dich leider nicht mehr persönlich sprechen kann, weil Du 2010 gestorben bist, nehme ich sozusagen im Geiste mit Dir Kontakt auf. Vielleicht bis Du ja auch gar nicht tot und kannst Briefe an Dich lesen. Vielleicht treibst Du es wie Dein heißgeliebtes Idol, Juliana von Norwich, der Du Deine Lebensbeichte gewidmet hast. Juliana hatte sich 1373 einmauern lassen und war damit für ihre Umwelt auch wie tot. Sie existierte aber noch mehr als 40 Jahre, ohne dass jemand mit ihr sprechen konnte. Und Du hattest Dich schon zu Lebzeiten,  „zwischen Unterwürfigkeit und Selbstüberschätzung hin und her schwankend“[18], als Eingemauerten deklariert[19]. Zwei in einem Kerker, der Ihnen Größe und Demut zugleich verleiht und damit Unsterblichkeit  sichert.

Nun ja, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber ich habe doch erhebliche Zweifel, dass Du, lieber Ernst, wie Deine Ikone irgendwann heiliggesprochen werden solltest. Nein, auch nicht von Deiner „Truppe“  wie Du die AA-Selbsthilfe[20] so gerne mit militärischem Duktus nennst. Dabei sollte man glauben, dass Du nun, wo Du doch „kapituliert“ hast, friedfertiger geworden seiest. Der Krieg hatte doch vorher stattgefunden, bei Deinen alkoholischen Attacken gegen Dein eigenes Leben,  gegen das Leben von Schneeflocke, Deiner Frau und gegen die vielen anderen aus Deiner Lebensumwelt.

Wer kapituliert hat, muss die Waffen abgeben und Frieden (mit sich) machen. Wer glaubt, nun um Trockenheit kämpfen zu müssen, hat schon verloren. Um im Gedächtnis dieser Krankheit und der von ihr Gezeichneten einen besonderen Platz einnehmen zu können, bedarf es mehr als die theatralische Vermarktung der eigenen Säuferkarriere. Zumal es davon schon ziemlich viele gibt. Nicht nur solche wie die des großen Hans Fallada, der sein trauriges Ende hinter der virtuellen Fassade eines Erwin Sommers vorweg genommen hatte.

Meistens bedienten und bedienen sich die Protagonisten Alkoholiker keiner Pseudonyme; zur Heilung ihrer Krankheit gehört auch die schonungslose Offenheit über Lug und Trug sich selbst und anderen gegenüber. Das kann z. B. die ungeschminkte Schilderung der persönlichen Abstürze sein. Allerdings zeigt die Konfrontation mit dem unweigerlich  tödlich verlaufenden „Aufgang einer Krankheit“[21] selten präventive Wirkung bei denen, die sie bräuchten. Ohne den eigenen Niedergang, den sich kein Alkoholiker vom anderen abkucken kann, wahrzunehmen, bewegt sich wenig in Richtung Trockenheit.

So unvergleichlich die Wahrnehmungen der Trinker über ihre innere und äußere Demontage sind, so sehr gleichen sich ihre Konsequenzen. Das Eingeständnis keine Macht über den Alkohol zu haben und den ernsten Willen, das erste Glas stehen zu lassen. Wer diese Konsequenzen im Kreise Gleichbetroffener regelmäßig immer wieder erneuert, bleibt Symptom frei.

Nicht weniger hast Du in Deinen Selbstdarstellungen, darf ich sagen beschworen?  Das macht Deine Darstellungen nicht überflüssig, weil sie andere schon vor Dir veröffentlich haben. Es ist gut, die individuellen Verläufe dieser Krankheit zu kennen und zu erkennen, dass kein Trinker sich damit herausreden kann, bei ihm sei doch alles ganz anders und nur deshalb habe er nichts damit zu tun. Deine Beichte ist aber nicht deswegen schon besonders wertvoll, weil sie als – wie „Der Stern“ einmal behauptet hat – „die beste und exakteste Beschreibung der Krankheit Alkoholismus“  zu beurteilen  sei. Was Deine alkoholischen und trockenen Erfahrungen betrifft, so bleiben diese einmalig im Sinne von unwiederholbar, nicht etwa einzigartig!

Aber natürlich hat der Stern nicht die Erlebnisschilderung der brutalen Nüchternheit Deiner Alkoholiker-Karriere gemeint. Du hast, auf Deine tatsächlich einzigartige Weise, ich glaube ohne es zu wissen, ein grundlegendes Problem von Menschen ins Zentrum Deiner Darstellung gerückt. Wie geht ein Mensch mit dem Widerspruch zwischen der phantasierten (erhofften, gewünschten) Größe der eigenen Person einerseits und der (real) wahrgenommenen Banalität andererseits um. Mit diesem Auseinanderklaffen zwischen Sein und Schein haben schon psychisch Gesunde ihre liebe Not.

Für Dich muss die Banalität Deines Seins schon immer wie ein unerträglicher Alptraum gewirkt haben. Ob Du davon überhaupt jemals etwas gespürt hast, scheint mir allerdings recht unwahrscheinlich zu sein. Was aber nicht heißen muss, dass Du Dich davor nicht gefürchtet hast. Deine Furcht vor der Erkenntnis eigener Bedeutungslosigkeit muss gewaltig gewesen sein. Wer sich schon als Kind zu Höherem berufen sah, musste alle Energie darauf verwenden, die Niederungen kindlicher Unfähigkeitserlebnisse zu vermeiden.

Das Höhere war der Doktor, den Dir Tante Ida einst weissagte. „Du machst mal einen bedeutenden Doktor“ verkündete sie Dir, als Du sieben warst. Dass sie Dir gleichzeitig den ersten Schnaps anbot, war nicht gerade pädagogisch wertvoll, aber eine gute Alternative, falls es mit der Promotion nichts werden sollte. Die Basis war gelegt: „Eine sonderbare Gier nach mehr durchzog mich“, und Du kipptest das Glas herunter, weil „der Ekel so groß“ war. Ida war begeistert und „dann kreischte sie: `Er säuft den Schnaps wie toll! ...Ernst, jetzt hast Du Teufelspisse im Blut und tollen Brand im Herzenssäckchen. Teufel erbleiche, Gott will es! `“ Ob so viel Gottgewolltes Deinem gelittenen Gedächtnis bei dem Versuch einer nachträglichen Lebenslauf-Rekonstruktion geschuldet ist, scheint angesichts der Hektoliter Schnaps, die Du in den folgenden Jahren in Dich hinein geschüttet hattest, durchaus möglich.

Vielleicht ist es aber auch nur Ausdruck Deines schriftstellerischen Verständnisses. Schließlich hatte Deine Mutter schon damals konstatiert: „Ein  Buch ist entweder langweilig oder es ist ein Buch mit sieben Siegeln.“ Und Du wolltest Bücher schreiben, am liebsten „ein Buch (…)wie den `Zauberberg`. Über Krankheit.“ [22] Das war – Hut ab – „Dein verrücktester Traum“. Ich glaube ja, Du hast nachträglich die Berichte über Deine Alkoholiker-Karriere als Realisierung Deiner vermeintlichen Träume rekonstruiert. So als sei nicht Dein Alkoholismus die Voraussetzung für eine Reflexion dieser Krankheit, sondern eine Art göttlicher Vorbestimmung[23], der Du immer nur demütig gefolgt bist. Alkoholismus als Weisung von oben; das ist mal was ganz Neues.

Was die Qualität Deines „Zauberbergs“ betrifft, so  ist Dir diese – jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach  – nicht wirklich gelungen; man kann es auch übertreiben mit den „sieben Siegeln“ oder anders gesagt: „sieben Siegel“ machen noch keinen Thomas Mann. Wahrscheinlich, würdest Du jetzt behaupten, gehöre ich zu den sog. „halben Leuten“. Das sind die, „denen  eine Hälfte fehlt, die Hälfte, die weh tut, die geistige Hälfte“.

Andererseits wird ein Buch nicht deswegen gehaltvoller, weil es aus lauter verschlüsselten Botschaften besteht. Ich argwöhne viel eher, wer sich mit 15 Jahren schon als „Kreatur der Wildnis“ (was immer das sein mag) betrachtet und eine Karriere als Künstler anstrebt, den hat der Horror der Banalität schon längst zum „Hybristen“ mutiert. Und dass Du Dich mit 15 schon für eine „Ruine von Kind“ gehalten hast, halte ich – mit Verlaub – für Quatsch und Beispiel für eben diese nachträglichen Rekonstruktionen eines Lebenslaufs, in denen sich das Schicksal eines vermeintlich Vorbestimmten erfüllt.

Neben diesen bedeutungsschwangeren Prophezeiungen finden sich dann auch wieder ganz profane Mitteilungen, die Deinen frühen, exorbitanten Alkoholkonsum nachvollziehbar machen. Die Spannungen unter denen Du gelebt hast, sind nämlich augenfällig; wer sechszehnjährig regelmäßigem Pilskonsum in der Kneipe frönt und sich dem ortsbekannten Dorfalkoholiker als Saufkumpan anschließt, der muss seine liebe Not mit sich gehabt haben. Deine Eltern schienen jedenfalls mit Dir und deiner Erziehung recht überfordert gewesen zu sein. Von einem Versuch etwas über die Gründe für Dein abnormes Trinkverhalten und Deine verschwiegene Seelenpein (nicht Deine phantasierte)herauszufinden, liest man in Deinen Aufzeichnungen nichts. Du musstest Dir woanders das suchen, was Du als Hilfe empfunden hast.

Ich möchte nicht in Deiner Haut gesteckt haben; andererseits war die meinige auch nicht viel heimeliger. Meine erste Erfahrung mit Alkohol war der augenblickliche Kontrollverlust und endete im Rinnstein. Ich war da bloß 3 Jahre älter als Du. Ich erwähne das deshalb, weil ich – eben aus eigener Erfahrung – weiß, dass es für frühes, unnormales Trinken immer sehr konkrete Gründe gibt. Alkoholiker wird man nicht aus Vorbestimmung, sondern wegen eines desolaten familiären und sozialen Umfeldes und einer Gesellschaft, die findet, dass ein rechter Mann nur einer wird, wer mindestens einen  Rausch gehabt hat.

Von derart banaler Ursachenfindung sucht man bei Dir allerdings vergebens. Das Ausbleiben dieser Suche kennzeichnet die eigentliche Beschränktheit Deiner Texte. Stattdessen schwadronierst Du lieber über Deine Zugehörigkeit zu großen Meistern und hellen Köpfen einer gestrigen Elite. Thomas Mann, Ernst Jünger, Henry Miller, Max Horkheimer sind die Männer Deines geistigen Schlages.

Wenn Du bei Jüngers Tagebuch-Notizen aus dem Krieg („Der Ort gleicht einem Schlammloch…Auch in das Innere der Gebäude dringt die Schlammflut ein…Das Reich des Todes wird zum Abstellraum; man steckt, was unbequem, was schwierig scheint, dorthin auf Nimmerwiedersehen.“) gleich die Verbindung zu „staatlichen Aufbewahrungshäusern für Süchtige und Gemütskranke“ ziehst, dann sagt das nur etwas über Deine Fähigkeit phantastische Assoziationsketten zu produzieren aus.

Mit der Realität einer Suchtkrankenhilfe hat das wenig zu tun. Dem tausendfachen Sterben in den Schützengräben quasi als Pendant „die gewaltsame Ruhestellung von Menschen…(und, R.MB) den langsamen Massenmord per Chemie“ von Süchtigen und Gemütskranken[24]  gegenüberzustellen, empfinde ich nur noch als grotesk.

Wenn Du Abhängige und psychisch Kranke mit Soldaten im Krieg vergleichst, die von profitgierigen Weißkitteln (Deine gängige Titulierung von Medizinern und Psychiatern) „zum Abschuß freigegeben[25]“ werden, entlarvst Du unfreiwillig nur Deine elende Angst vor der eigenen inneren Leere. Wirklich, mir stinkt Deine paranoide Aversion gegen professionelle Suchthilfe, Dein fanatischer Hass auf Krankenhausmedizin und Deine pauschale Gleichsetzung von medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung mit Ausbeutung und Vernichtung von Kranken.

Es ist, gelinde gesagt, grober Unfug, einen totalen Gegensatz zwischen professioneller Suchtbehandlung und Selbsthilfe zu behaupten. Auch wenn es Alkoholiker gibt, die nur mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker  - offenbar die einzige Selbsthilfe, die Du überhaupt akzeptierst – trocken geworden sind, spricht das noch lange nicht gegen eine psychotherapeutische Behandlung von Suchtkranken. In diesen Behandlungen  wird nämlich etwas von dem erkennbar und spürbar, was einen Menschen zum Süchtigen hat werden lassen; es entsteht ein emotionaler und geistiger Prozess des Erlebens und des Bewusstwerdens einer Trinkergeschichte, die erst den tragfähigen Boden für eine dauerhafte Trockenheit schafft.

Ich habe das Gefühl, dass Du Dich genau davor gedrückt hast, dass Du nichts begriffen, geschweige denn gefühlt hast von den Ursachen für Deine unerträgliche Wichtigtuerei, Deine Manipulationen und – nicht zu vergessen – Deine lieblose Geilheit. All das war ein hilfloser Versuch, Deinen Blick auf Dich selber zu verstellen, auf Dich in Deiner Begrenztheit – was doch nicht schlimm gewesen wäre – auf Deine Sehnsüchte nach Bedeutsamkeit, auf deine Angst vor den großen Erwartungen zu versagen, auf Dein natürliches Unverständnis was um Dich und mit Dir in deiner Jugend geschah. Dass dabei der Alkohol das willkommene Medikament zur Erzeugung von Blindheit einerseits und Allmacht andererseits war, überrascht mich nicht.

Ich habe diese Omnipotenz des  Alkohols und seine Transformationsmacht lange genug am eignen Leibe gespürt. Nebenbei, warum hast Du eigentlich nicht mit dem gleichen Fanatismus wie gegen die Pharmaindustrie auch gegen die Alkohollobby und –Industrie gewettert? Die führen tatsächlich einen offenen Feldzug gegen alle, die die Verfügbarkeit des Alkohols beschränken oder ihn gänzlich verbieten wollen. Und ihre skrupellose Profitgier manifestiert sich in Millionen Alkoholkranker und –toter, zerstörter Familien und brutalster Gewaltverbrechen. Davon findet sich bemerkenswerterweise nichts in Deinen Büchern.

Überhaupt ist es fast interessanter was Du keiner Erwähnung für Wert hieltest. Und das ist neben einer Kritik des systematischen, staatlich geförderten Alkoholkonsums, die Reflexion über die inneren Ursachen Deiner Säuferkarriere. Dass Du Dir in Deiner nassen Phase alles als Vorbestimmung und gottgewolltes Schicksal schöngeredet hast, gehört zum Verdrängungskonzept und Krankheitsbild eines Alkoholikers. Auch wenn die meisten Suchtkranken eher selten einen derartig größenwahnsinnigen Erklärungszusammenhang assoziieren.

Da fällst Du schon ziemlich aus der Rolle; doch das ist schließlich dein Markenzeichen – aus der Rolle zu fallen. Aber musst Du das auch noch weiter exerzieren, nachdem Du trocken geworden bist? Zumal Du dann ja das Kunststück fertigbringst, Kapitulation und Hybris unter einem Hut zu versammeln? Denn eine Einsicht ist selbst Dir nicht verborgen geblieben: ohne die Kapitulation vor der Macht des Alkohols über Dich, hättest Du weiter gesoffen. Und vermutlich nicht das für einen Alkoholiker immerhin stattliche Alter von 78 erreicht. Das ist wirklich beachtlich, weil Du doch so oft versucht hast den Zeitpunkt Deines Ablebens selbst zu bestimmen und vorzuverlegen.

Bevor Du aber selber versuchtest Dein alkoholisches Frühableben zu zelebrieren, musstest Du schon als 17 jähriger erleben wie so etwas geht. Vor Deiner Übergangs-Prüfung aufs Gymnasium hast Du Dir aus lauter Angst beinahe in die Hosen gemacht. Das konntest Du mittels „tüchtig Pils und Steinhäger“ gerade noch abwenden. Und dem Urteil „Durchgefallen!“ bist Du mit einem – was Wunder nach dem Stimulans-Konsum – gezielt-aggressivem Auftritt zuvorgekommen[26].

Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, diese manische Angst zu versagen (schließlich solltest Du ja mindestens Doktor werden), wenigstens im Nachhinein, also in der Reflexion Deiner Säuferkarriere, genauer zu betrachten. Aber dazu fehlte Dir auch später, als Du trocken warst, der Mut. Nach diesem frühen Karrieredesaster hast Du Dich jedenfalls erst mal mit Deinem Säuferkumpel, Fritz, ordentlich volllaufen lassen. „Wir hatten dann in der Nacht ein so schier unmenschliches Erleichterungstrinken, daß nicht ich, sondern Fritz am Morgenschein des neuen Tages totlag.“[27]

Es wäre immerhin möglich gewesen, dass Dich diese erste, brutale Erfahrung mit den Folgen des Trinkens genug geschockt hätte, um Dein eigenes Trinkverhalten in Frage zu stellen. Aber dazu findet sich kein Jota in Deinem Bericht. Dafür tritt ein ganz anderes Gefühl auf den Plan, dass Du zwar als solches nie weiter problematisiert hast, Deinen exzessiven Konsum aber zweifellos stimuliert hat. Um es mit Dostojewski zu sagen, Schuld und Sühne.

Als Du Deinem Vater von Fritzens Ende berichtest, reagiert dieser „sehr betroffen“. „Du hast den Fritz umgebracht. Und das erzähle, nach Möglichkeit, nicht der Ruth.[28]“ Nachdem Du schon unter der Last ächzen musstest, Deinem „Zwillingsbruder Clemens im Mutterleib den Kopf wegefressen“ zu haben[29], nun auch noch die Schuld am Alkoholtod Deines einzigen Freundes. „Ich war sicher, ich kam in die Hölle“. Auch für einen aufmüpfigen 17 Jährigen keine schöne Perspektive, finde ich. Grund genug sich zu betäuben, dauerhaft, solange diese Schuldenlast nicht bearbeitet wird. Und ein erneutes Indiz dafür, warum Du weiter und noch mehr getrunken hast. „Ich ging in den Keller und trank (…)zwei Flaschen von Wilms[30] hochprozentigem Heidelbeerwein.“ [31]

Sich tot saufen ist, weiß Gott, eine Form des Ablebens, die zwar nicht schön, aber dafür um so zwangsläufiger ist, je länger man am Ball bleibt. Dass „Sucht (allerdings, RMB) ein wahrscheinlich letztes gemeinschaftliches Drama der Willensfreiheit (Hervorhebung RMB) zum Sterben (ist)“[32], scheint mir doch eine recht eigenwillige Interpretation des Totsaufens. Ich dachte immer, dass Abhängigkeit von einer Außerkraftsetzung des Willens charakterisiert wird und das vorzeitige Ende durchaus unfreiwillig eintritt.

Aber Du hast so oft mit Deinem alkoholischen Tod kokettiert, dass Du tatsächlich ernsthaft dem Irrtum unterlegen warst, es sei Dein freier Wille, ob, wie viel und wie endgültig Du trinkst. „In den Armen der Unbekannten erwärmt, wollte ich (…) mich dann (…)mit Harttrinken in den Absturz saufen, entweder in den Exitus oder in Sattwerden für immer.“[33] Was soll denn das für eine seltsame Alternative sein? Satt wird ein  Alkoholiker nie, es sei denn er ist tot.

„Ich mußte aus dieser Fron noch einmal ausbrechen (…)und mich, in einem letzten radikalen Akt des Zubruchsaufens, entweder umbringen oder noch einmal die Hölle eines Entzuges durchstehen.“[34] Bis zuletzt beharrst Du also darauf, du hättest Deinen Tiefpunkt gezielt und in bewusster Entscheidung herbei geführt und dadurch, in einem aberwitzigen Erpressungsakt um Leben oder Tod, die Macht über die Vernichtungskraft des Alkohols behalten.

Das ist fürwahr eine seltsame Form der Kapitulation. Ich habe mich überhaupt gefragt, worin Deine Kapitulation eigentlich bestanden hat. Ein Supermann, als den Du Dich in Deiner Lebensbeichte immer wieder beschreibst, kapituliert niemals, er hat immer alles unter Kontrolle, er gibt den Ton an; im wahrsten Sinne des Wortes. Wie Du! Am 13. Oktober 1975 notierst Du in Deinem Tagebuch: „Zum Abschluß dieses Tages (…) die Zweite gehört und mitdirigiert: D-Dur. (…) Beethoven schrieb sie (…) im Oktober des Jahres seiner Krankheitseinsicht (…) und gerettet durch einen klar verstandenen persönlichen Tiefpunkt.“[35]

Falls es jemand noch nicht kapiert haben sollte, Du steht in einer Linie mit Beethoven. Krankheit, Krankheitseinsicht, persönlicher Tiefpunkt die Stichworte Deiner Genieannäherung. Und dirigieren kannst Du Dein Publikum besser als Beethoven sein Orchester. 

An dieser Stelle dringen aber auch das erste Mal Zweifel über deine Hybris ans Licht. Und eine tiefe Sehnsucht nach Anerkennung Deiner Not: „Ich habe die Anerkennung meiner Krankheit als Krankheit gebraucht, denn sie enthält die Anerkennung des Leidens in nicht erkannter Krankheit. Das hat mir am meisten geholfen. (…) Aber was will ich tun? Will ich anerkannt im Leiden als einer nicht nur destruktiven Beschädigung denn nun noch mehr? Bekomme ich nie genug? Will ich nun Anerkennung einsammeln und einschlürfen dafür, daß ich anerkannt worden bin? Oder will ich einhalten und mich ändern?[36] Eines der wenigen Male, in denen Du schnörkellos und ohne Dein sonst so häufiges Sprachgetöse das entscheidende Problem „Bekomme ich nie genug?“ benennst. Aber weder diese noch die weitere wesentliche Frage, ob Du einhalten und Dich ändern willst, beantwortest Du konkret. An dieser Stelle endet nämlich der zweite Abschnitt Deines Buches „Der zerbrochene Schlaf“.

Was folgt, ist eine indirekte Antwort auf die zentrale Frage, ob es für Dich jemals ein Genug an Anerkennung gibt. Nein! Es gibt kein Genug an Genie, Größe, Machtgefühle für Dich. „Was macht die Musik?“ fragte Henry. Und Du antwortest „Ich bemühe mich um Mäßigkeit, sagte ich und es schmerzte.“ Dabei wäre die Erfahrung eigener Mäßigkeit, so schmerzhaft sie für dich auch sein mag, eine wirkliche Chance zur Änderung gewesen. Aber lieber sonnst Du Dich in Henrys Prognose „Du wärst wahrscheinlich ein Dirigent geworden, mit dem bei Proben nicht gut Kirschen essen gewesen wäre“ und sogleich ließ Dein Schmerz nach. Doch das ist quasi nur eine Fußnote Deiner Sehnsucht nach Höherem.

Zentrales Element Deines unbezwingbaren Gefühls nach Größe und Macht sind Deine Frauen. Die waren ja, nach Deinem persönlichen Bekunden, die einzigen Lebewesen, bei denen Du Dich langfristig erfolgreich fühlen konntest. „Schon früh gefiel es Ruth mit mir zu schmusen, daß mir anders wurde. `Ruth, er ist erst drei`, sagt(e) Wilm knapp. (…) Dann beruhigte sie mich gewöhnlich mit reicher Schmusesprache. `Ach, Ernst, ach, du mein Liebessohn, du wirst bestimmt mal ein tüchtiger Beischläfer…`“

Schon wieder so eine Weissagung! Mein Gott, Ernst! Kaum drei Jahre alt und die Karriere zum Frauenbeglücker scheint unausweichlich, mit sieben den Doktorhut auf den Kopf gestülpt; jetzt weiß ich, was Du meintest mit der „Ruine von Kind“! Dass Du mit zwölf, Deiner nackten Mutter angesichtig, einen „Steifen“ bekamst, möchte ich nicht kommentieren. Ich hatte in Deinem Alter Brigitte Bardot u.ä. Frauen ihres Kalibers als Objekt meiner Begierde erkoren; meine Mutter gehörte jedenfalls nicht dazu, was keinesfalls an mangelnder Attraktivität ihrerseits lag. Aber jeder Sohn realisiert den Ödipuskomplex offenbar auf seine Weise.

Enthüllender finde ich nicht Deine sexuelle Mutterobsession, sondern diesen romantisch-religiös verklärten Schmus, den Du rückblickend daraus machst: „…in meiner Geilheit wurde ich bewußter.(…)denn nun fühlte ich, daß alle Nahrung der Seele, jeder Elan des Geistes und die Wirkung des Leibes die einzige gottnahe Gemeinschaft im Geschlechtsakt von Liebenden ermöglichten, Übereinstimmung mit dem Willen Gottes.“

Ich glaube einfach, Du hast nie erlebt, was Zuneigung, Vertrauen und Liebe sein können –kein Wunder bei der emotionalen Kälte, die mir aus den Berichten über Deine Familie entgegenschlägt – und so kommst Du auch zu der fatalen Gleichsetzung von Geilheit(Sex) und Liebe. „Ruth, komm, nun siehst Du ja, wie ich Dich liebe, weil ich Dich begehre.“[37]

Dieses elementare Erleben Deiner Geilheit als vermeintlicher Ausdruck von Liebe prägte alle Deine folgenden Frauenbeziehungen. Darin verbarg sich ein gefährlicher Fallstrick, weil die Realisierung der Geilheit für Dich als Mann, als Supermann erst recht, immer auch die Existenz des „Steifen“ voraussetzte. Ohne den, kein tüchtiger Beischläfer und überdies erzeugt Dein totalitärer Leistungsanspruch, in diesem Fall an „Größe“, einen ungeheuren Druck.

Die Angst zu versagen, ohne sich ihr mittels Verweigerung, Überhöhung oder Wichtigtuerei entziehen zu können, wie Du das sonst gemacht hast, wird hier fundamental spürbar. Einzig der Alkohol kann diese Angst für eine Zeitlang verschleiern. Weitertrinken wurde überlebensnotwendig für Dich.

Auch die vierundzwanzigjährige Inge, Deine nächste Erfahrung, konnte Dich da nicht, schon lange nicht mehr retten.  So sehr sie sich auch mit Dir mühte, Bereitwilligkeit demonstrierte (sie kam extra eine halbe Stunde früher zum Rendezvous) und viele Hindernisse im Vorwege ausräumte (sie trug kein Höschen unter ihrem Rock), „es klappte nicht“[38]

Da half auch nicht der professioneller Einsatz einer hübschen Rothaarigen in der nahegelegenen  Großstadt Köln: „Es (das Mädchen, RMB) legte sich auf den Rücken, spreizte langsam die Beine, spreizte sie sehr träge und sehr weit und dann zog es die gespreizten Beine langsam an. Hurra!“ Und das war`s dann; immerhin, das Mädchen lobte Dich: „Du bist ein prima Freier!“[39]

So richtig zufrieden schien Dich diese Erfahrung allerdings nicht gemacht zu haben. Irgendwas fehlte noch für den Vollzug des erfolgreichen Beischläfers. Oder um es mal ganz profan zu sagen, es fehlte etwas, damit er Dir endlich steht. Diese Mängelbeseitigung wurde erst bei Deiner nächsten sexuellen Erfahrung aktenkundig. Sie nennt sich Eroberung und Macht. 

Das Mädchen hieß Karolenka und  begegnete Dir regelmäßig radfahrend auf der Straße. Sie war endlich so wie Du es brauchtest; sie war hartnäckig. Sie ignorierte Deine Werbungen und schlief erst mit Dir, nachdem Du ihren Widerstand gebrochen hattest. Dir gingen schon Mordgedanken durch den Kopf. „Wenn das Mädchen jetzt wieder vorbeifährt, mußt Du es fahren lassen, sonst ist Totschlag drin. (…) An diesem Tag stieg das Mädchen vom Fahrrad. (…) Sie wehrte sich. Zuerst wehrte sie sich zögernd, dann mein Beharren erkennend, wehrte sie sich mit großer Gewandtheit und Kraft. Plötzlich trat sie mich, dann biß sie. Ich ließ los und Karolenka sprang zur Seite, bückte sich blitzschnell und hob einen ziemlich großen Stein, hob ihn  hoch und erwartete mich. Ich ging ruhig auf sie zu. Karolenka hob den Stein bis über meinen Kopf. Ich ging auf sie zu, packte sie und küßte sie auf ihren erregten Mund. Im Kuß ließ Karolenka den Stein zur Seite fallen, dann umarmte sie mich und ergab sich unserem Kuß mit Leidenschaft.“[40]

Verzeih, wenn ich Dich hier so ausführlich zitiere, aber dieser Abschnitt strotzt so von klassisch-männlichen Vorurteilen und Ignoranz, dass ich ihn in Gänze abbilden musste. Doch zu den Botschaften, die Du hier so  genüsslich transportierst, dass es mich wahrhaft ankotzt. Also; wenn sich Mädchen widerständig verhalten, dann ist das nicht ernst zu nehmen. Es ist offensichtlich nur eine Masche – vielleicht um sich nicht von jedem rumkriegen zu lassen?

Wir kennen das doch aus dem Tierreich, da lassen die Weibchen auch nur den Lautesten, Schönsten oder Stärksten ran. Widerstand gehört zum Paarungsritual und darum haben sich beide Seiten an dieses Ritual zu halten. Eine, die Widerstand leistet und einer, der den Widerstand bricht. Das ist eben gottgewollt– bei deiner scheinheiligen Gottesfurcht fällt mir da wirklich kein anderes Wort ein. Dein besonderes Erfolgserlebnis besteht nun darin, dass ausgerechnet Du es bist, der den Widerstand bricht, die Frau `rumkriegt. Da steht er endlich, Dein Supermann!

Und dann zeigt sich in Wahrheit, dass der ganze Widerstand nur Schein war, denn nun – und erst danach – bricht die ganze „Schweinslust“ los. Irgendwie scheint Dir die Sache dann doch nicht so ganz eindeutig gewesen zu sein, denn „was dort auf der Lichtung geschah, war Liebe und war keine Liebe, denn wir kamen sofort in die tiefste Ebene der Geschlechtslust, in die Schweinslust, in der die Heilung beginnt.“[41] Schweinslust? Ist das eine schweinische Lust oder die Lust der Schweine? Wieder so ein Rätsel, womöglich eines von den „sieben Siegeln“. Und Heilung? Was für eine Heilung und Wovon? Von Deinem „Fluchtplan in (den, RMB) gewaltsamen Tod“ schreibst Du. Das kann ja wohl nur Dein Alkoholismus sein. Von dem warst Du aber mitnichten geheilt.

Tatsächlich scheint die Affäre mit Karolenka nur eine andere Art von Besoffenheit gewesen zu sein. Besoffen von dem Gefühl erobert zu haben und Macht zu fühlen. Berauscht von der Geilheit. Ein Rausch, der Dich betäubte, eine Weile vom Trinken abgelenkt hat. Wenn der Rausch vorbei ist (in einem anderen Zusammenhang schreibst Du, es „ödete Dich an“), dann „kündigst“ Du eben den Kontakt. Und trinkst weiter, ob mit oder ohne Frauen.

Überhaupt, ausgerechnet Deine Frauengeschichten; die sind ein Kapitel für sich und ziehen sich wie ein roter Faden durch Deine Bekenntnisse. Sie sind für Dich offenbar die einzigen und konkreten Erfahrungen Deiner vermeintlichen Erfolgserlebnisse. Wenigstens da kannst Du das Gefühl der Held zu sein und Macht zu haben empfinden. Vielleicht ist das der Grund, dass Du sie in dieser Fülle und Bandbreite vor Deinen Leserinnen – ich fürchte etliche werden echt das Kotzen kriegen – und Lesern –  sollen die vor Deiner Omnipotenz erstarren? – ausbreitest.

Ich will mich auf zwei Deiner Frauen beschränken: Eleonora, Deine Ehefrau, die Du Schneeflocke genannt hast und Tülym. Beide waren von Deiner Hybris paralysiert und Dir dauerhafter Beweis Deiner vermeintlichen Männlichkeit. Und sie waren Zufallsbekanntschaften vor denen Du Dein sprachliches und habituelles Feuerwerk abbrennen konntest, dass es sie erst mal atemlos machte. Eleonora beschreibt diese Auftritte beispielhaft an der Gelegenheit wie sie Dich kennenlernte. Ich will sie, so wie Du ihre Schilderung aus der Erinnerung wiedergibst, zitieren:

„Elvi und ich saßen im Select (einem Züricher Cafe, RMB) und wir haben uns gewundert (…) über die Leute dort in dem Cafe. (…) mitten unter denen hockte einer, den sah ich sogleich in diesem anderen Geschmeusel. Langes Haar, unter einer Melone, einem aufgeklärten Judenzylinder, vorkommend, und einen Schnauzbart sah ich dann, (…) wie bei dem Friedrich Nietzsche, ..! Ein ernstes und wildes Gesicht aus schrecklich kaltem Hochmut… Die Hände hatte der Mensch damals in solchen kanarienvogelgelben Lederhandschuhen… Die Leute haben mit aufgesperrten Mündern auf den geschaut… (Einige Tage später, RMB) haben wir uns wieder gesehen. (…) Du wolltest dann sogleich mit mir ins Bett gehen“[42]

Mit diesem Auftritt, eine Art Balzritual, dass Du da mit Deinen „Lederkanarien“ zelebriert hast, die Du auch während des Beischlafs nicht ablegen wolltest, hattest Du bei Eleonora Erfolg. Ich will nicht darüber spekulieren, was Eleonora an Dir so anziehend fand, dass sie dich später sogar geheiratet hat, aber einen Hinweis hat sie wohl gegeben: „Dieser Mensch muß ein genialer Verstellungskünstler sein.“[43] Der Drang hinter Deine Kulissen aus Affektiertheit, Drechselsprache und Hochmut schauen zu können, kann nicht nur dramaturgische Neugier gewesen sein.

Ein Drama war es allemal für alle an diesem Schauspiel Beteiligten. Und wie ein Schauspiel inszeniertest Du Dich. Dass dabei viele Kulissen im Spiel waren, hätte angesichts Deines exorbitanten Alkoholkonsums auch für das dümmste Publikum feststehen können. Aber nicht nur die auf der Bühne leben von den Illusionen, die sie produzieren; ohne die Zuschauer, die sie glauben möchten, funktioniert das Theater nicht.

Doch Echtes braucht keine Betäubung, Zuneigung keinen Rausch und Liebe ist keine Illusion. „Ich erinnere  mich, daß ich in den folgenden 10 Tagen (nach dem Kennenlernen von E., RMB)im Trinken zum ersten Mal das Bewußtsein verlor. Eleonora war von meinem Zustand derart geliefert, daß sie sich nur nach Einbruch der Dunkelheit mit mir im Select verabredete.“[44]

Jeder psychisch gesunde Mensch würde angesichts dieses Chaos, dieser Lebensaggression, Reißaus nehmen. Aber ich kenne auch die Faszination, die von Süchtigen ausgeht, von ihren Qualen, ihrer Hoffnungslosigkeit, ihrer Selbstzerstörung, die nach Rettung schreien. Und was für eine Anziehungskraft davon ausgeht, Retter zu sein. Eleonora wollte Dich retten; dafür war sie bereit alles einzusetzen. „Sie hatte ihr Leben riskiert, das fühlte ich. Sie hatte ihr Leben riskiert, um mir zu helfen.“[45]

Hat es geholfen, wurdest Du gerettet? Nein, es hat nicht geholfen, weil es nicht helfen konnte. Weil es nicht um den Alkohol geht. Der Alkohol ist eine Kulisse wie Dein Hochmut, Deine Exaltiertheit, Deine Gewalttätigkeit. Das weißt Du doch selbst am besten, Ernst. Der Alkohol soll doch nur täuschen, verschleiern, betäuben. Deine Wirklichkeit der Banalität, Deine Not nur der Wicht[46] zu sein, Deine Angst vor der Niederlage, bloß nichts davon spüren, bloß weg damit, weg mit alledem. Aber diese Angst lässt sich nicht ersäufen, sie ist schwimmfähig. 

Solange Du Dich vor der Konfrontation mit ihr drückst, wirst Du immer irgendetwas brauchen, dass Dich vor dieser Erkenntnis bewahrt.  Eleonora hat nur Dein Symptom bekämpft, weil sie glaubte, es ginge nur um Alkohol. Und immer von der Hoffnung beseelt war, ihre Kraft und ihre Liebe müssten nur groß genug sein, dann würdest Du schon aufhören mit dem Trinken. Aber Deine Aufgabe wirklicher Selbsterkenntnis und Akzeptanz all Deiner verleugneten und unterdrückten Unzulänglichkeiten, die Dir so viel Angst machen, kann Dir niemand abnehmen; kein anderer als Du selbst kann Dich retten.

Dann muss sich auch der Retter die Frage beantworten, was er ganz ohne seine Selbstlosigkeit und seine Hilfsbereitschaft noch taugt. Wofür er in dieser ungleichen Beziehung, in der er (oder sie) so viel Stärke zeigt, eigentlich noch nütze ist. Da ist es doch ein viel schöneres Gefühl, zu spüren wie sehr man gebraucht wird. Dass der Partner ohne einen verloren ist. Das gibt Bedeutung, Sinn, auch Machtgefühle.

Früher nannte man diese Konstellation zwischen einem Trinker und einer Frau, die sich als Retterin gab, Co-Alkoholismus. Weil sie nämlich an der Aufrechterhaltung des Alkoholismus genauso beteiligt war wie der Trinker selbst. Anstatt die Sucht bei dem zu lassen, der sie hat und der diese auch nur selbst überwinden kann.

Es gibt einen Roman „Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts“[47], in dem verstehbar wird, was ich versuche zu sagen. Er ist 1981 erschienen, Du musst ihn also gekannt haben. In ihm beschreibt Märta Tikkanen, die Autorin, exakt Euer Problem und die Lösung, wenn ich so sagen darf. Aber da warst Du ja schon trocken und glaubtest, Du hättest alles richtig gemacht. Oder was weiß ich. Du hast diese Bekenntnisse einer Alkoholikerfrau nicht erwähnt. Jetzt tue ich es. Ich finde sie geben Aufschluss! Aufschluss darüber, wie es – ohne alles Brimborium[48] – kommt, dass ein Alkoholiker und seine Retterin zueinander finden:

Wahrscheinlich lag es nicht daran                                                                                                                    

Daß du dich in mein blaugestreiftes Baumwollkleid  verliebt hast                                                         

weil ich so unschuldig aussah                                                                                                                            

was ich tatsächlich                                                                                                                                                        

auch war


oder daran, daß ich mich Hals über Kopf                                                                                                               

in deine genialen Formulierungen                                                                                                             

verknallt habe                                                                                                                                                                    

und in dein Talent                                                                                                                                                

daß mich zwanzig Jahre früher                                                                                                                            

überwältigte als die übrige Welt


sondern nur daran                                                                                                                                               

daß deine Bedürfnisse zu meinen passten                                                                                                           

– brauchen und gebraucht werden –                                                                                                                

und daß von uns beiden einer                                                                                                                           

so maßlos und kopflos war wie der andere


Alkoholfreiheit alleine reicht nicht, um diese nüchterne Klarheit zu bekommen. Das zeigen Deine Bekenntnisse ziemlich deutlich. Dafür hättest Du Dich schon mit den Ursachen Deiner Ängste und Fluchten auseinandersetzen müssen; aber das hast Du ja immer wie der Teufel das Weihwasser gemieden. Und Deine Frau hat Dir in dieser Verweigerungshaltung noch kräftig die Stange gehalten, wenn Du mir diese zweideutige Formulierung mal erlaubst.

In ihrer Totalfixierung auf Dich verleugnete sie noch zwei Jahre nach Beginn Deiner Trockenheit jegliche eigenen Bedürfnisse. Bei einem Selbsthilfetreffen im Dezember 1975 beschränkte sie ihre Wünsche für das Neue Jahr: „Ach, wißt ihr, mir geht es doch so viel besser inzwischen, daß ich bei dem bleibe, was ich mir voriges Jahr gewünscht habe: Dem Gnädigen (Hervorh. RMB) hier wünsche ich, daß er nicht mehr trinkt.“[49]

Um nicht geradezu in Schamesröte vor ihr und der Gruppe im Boden zu versinken, nachdem was Deine Frau alles mitgemacht und mitgetragen hat, stilisierst Du ihre Selbstgenügsamkeit zur „Alkoholikerseligkeit, Seligkeit dritten Grades: sonnenklug und sinnlich nüchtern. Indem sie mir etwas Optimales wünscht, verwirklicht sie bereits ihren eigenen Wünsch. Sie starrt nicht auf ihre Person, hat es nicht nötig. Ihre Klugheit reicht aus, um festzustellen, daß es ihr gut geht, wenn ich nicht trinke.“[50]

Ehrlich, Ernst, so verblendet kann einer nur sein, der nüchtern besoffen ist. Es ist schlicht in höchstem Grade ungesund, sich derartig vom Wohlbefinden eines anderen abhängig zu machen. Dabei war Dir doch schon in Deiner nassen Phase klar, dass so viel endlose Selbstlosigkeit nicht gut gehen kann. Kurz vor eurer Hochzeit hast Du Deinem Vater offenbart: „Der Fall in die Gnade Eleonoras wird schrecklich.“ Mein Gott, Ernst, was für eine Verstrickung bahnt sich da an. Ein gnädiger Alkoholiker in der Gnade seiner Frau. Bei aller Barmherzigkeit bleibt nämlich Deine Bedürftigkeit unverändert und die Ungleichheit eurer Beziehung ein Fakt. Für den Traum des Supermanns ein ewiger Stachel in Deinem Fleisch.

Da reichte auch die begriffliche Verkleisterung dieser gegenseitigen Abhängigkeiten als  sog. „bejahte Bindung“[51]  nicht. Zumal es mit Deiner „Bindungsbereitschaft“ – bei Deiner notorischen Fremdgeherei  –  wohl auch nicht allzu weit her war. Und so hast Du wie unter Zwang gehandelt, Deine Unabhängigkeit, Größe und Stärke gegenüber Deiner Frau immer wieder demonstrieren zu müssen.  Das ging soweit, dass Du sie – in einem letzten, endgültigen Akt der Befreiung – beinahe getötet hättest.

Aber auch ohne diesen offenen Vernichtungsakt starb Eure gegenseitige Achtung voreinander mit jeder neuen Frau, die Du zur Rettung Deiner Großmannssucht missbraucht hast. Später, in Deiner besoffenen Nüchternheit,  als Du anderes als den Alkohol für die Verkleisterung Deiner elementaren Ängste entdeckt hattest, musstest Du diesen langsamen Zersetzungsprozess als individuellen Rettungsakt verbrämen: „Die Frauen, die in meinem Leben rettende Wirkung hatten, (…)haben mich, nacheinander, den jeweils erforderlichen neuen Schritt zu mir selber hingeliebt (Hervorh. RMB).“[52]

Da spricht der erfolgreiche Beischläfer, dessen Beziehungsfähigkeit sich auf der Verhaltensfreiheit des männlichen Balzrituals bewegt.


Wie kannst Du es wagen                                                                                                                                    

andere Menschen für das zu benutzen                                                                                                                              

was du deine erotischen Gewohnheiten nennst                                                                                                            

und dich selber dabei herauszuhalten?


Begreifst du denn nicht                                                                                                                                                      

wie sehr du selbst                                                                                                                                            

dich damit demütigst?[53]


Nein, Ernst, ich glaube,  das hast Du nie begriffen! Aber, um meine Einschätzung zum Thema Beziehungsfähigkeit von Alkoholikern und Co-Alkoholikern zum Abschluss zu bringen, ein letztes Gedicht von Märta. Vielleicht sorgt das nachträglich dafür, Deine Bekenntnisse einer substantiellen Revision zu unterziehen:

Hätte ich Dich nicht                                                                                                                                                                   

so rückhaltlos geliebt                                                                                                                                                                   

hätte ich dir nicht stets geglaubt                                                                                                                           

daß du nun zum letzten Mal                                                                                                                                                

endgültig und unwiderruflich                                                                                                                                                 

zum allerletzten Mal getrunken hast                                                                                                                                     

dann wäre es vielleicht leichter gewesen                                                                                                                       

die Besäufnisse zu ertragen                                                                                                                                               

die darauf folgten


Aber ich habe ja stets geglaubt                                                                                                                                                     

was du gesagt hast                                                                                                                                                              

Ich habe dich geliebt                                                                                                                                                           

und war fest davon überzeugt                                                                                                                                              

daß du eigentlich nichts lieber wolltest                                                                                                                                      

als mit dem Trinken aufhören                                                                                                                                       

und nie mehr damit anfangen


Es schien völlig logisch                                                                                                                                                    

denn wer würde sich freiwillig                                                                                                                                                       

in ein solches Elend stürzen                                                                                                                                            

wie es dich jedesmal überkam                                                                                                                                             

und es ging dir ja nur noch dreckiger                                                                                                                                       

von Besäufnis zu Besäufnis

(…)

Mit der Zeit wurde es so                                                                                                                                                   

daß ich dir vielleicht nicht mehr glaubte                                                                                                                                    

wenn du versichert hast                                                                                                                                                   

daß du aufhören wolltest

(…)

Natürlich sollte man                                                                                                                                                    

weder glauben noch hoffen                                                                                                                                              

sondern nur lieben                                                                                                                                                            

und jedesmal wieder überrascht sein                                                                                                                               

und dankbar                                                                                                                                                                                 

 für jeden nüchternen Abend                                                                                                                                         

nach einem nüchternen Tag


So ist es aber nicht                                                                                                                                                                    

es ist ganz und gar nicht so


Wenn ich nicht mehr glaube                                                                                                                                             

und nicht mehr zu hoffen vermag                                                                                                                          

dann ist es mir egal                                                                                                                                                                     

ob du nüchtern bist                                                                                                                                                           

oder dich vollaufen läßt

(…)

Jetzt kannst du ganz für dich allein                                                                                                                          

glauben und hoffen                                                                                                                                                   

Wir sind genug enttäuscht worden                                                                                                                        

Wir tanzen nicht mehr nach deiner Pfeife


Von allen Arten                                                                                                                                                                       

die wir ausprobiert haben                                                                                                                                  

scheint diese die einzige zu sein                                                                                                                                               

die tatsächlich hilft


Bloß schade                                                                                                                                                                      

daß es für mich                                                                                                                                                                 

zu spät ist


Dann war es also                                                                                                                                                              

meine Gleichgültigkeit                                                                                                                                                                         

die du gebraucht hast                                                                                                                                                      

während meine Liebe anscheinend                                                                                                                          

nur zu deinem Schaden war


Lieber Ernst, eigentlich wäre das ein passendes Schlusswort für meinen Brief gewesen, aber – wenn ich so sagen darf – ich bin noch nicht ganz fertig mit Dir. Die Geschichten mit Tülym und Juliana; die kann ich nicht so stehen lassen. Das wirst Du verstehen. Gerade bei Tülym, Deiner ersten Affäre nach Deiner nassen Phase, das wäre ja eine Nagelprobe für einen anderen Umgang mit Dir und den Frauen gewesen. Aber nichts da! Du machst weiter wie vorher in deinem Größenwahn. Du kultivierst ihn sogar noch.

Zuvor will ich Dich noch daran erinnern, was Dir nach Deiner Rückkehr aus der „Therapie“[54] Ende 1973 geschah. Als Du das erste Mal wieder mit Deiner Frau schlafen wolltest, tat sich bei Dir nichts. „Ich bin impotent.“[55] Der Schock angesichts der Bedeutung, die Sex für Dich hatte, saß zweifellos tief.

Wie sehr dieses Erlebnis an Deinem Selbstbild gerüttelt hat, wird daran deutlich, dass Dir die Worte fehlen, ausgerechnet Dir, dem Wortakrobaten, der andere besoffen oder wehrlos reden konnte. „Ich kann mit Schneeflocke nicht darüber sprechen. Wenn du zu Bruch gehst und wenn dein Schreiben zu Schutt wird, das ist eine Niederlage. Aber wenn er Dir nicht mehr steht, das ist ganz anders. Was das ist, dafür habe ich kein Wort.“[56]

Allerdings benutzt Du einen ungewöhnlichen Vergleich zur Beschreibung Deiner Situation, der unfreiwillig die für Dich gleichbedeutende Funktion von Sex und Alkohol enthüllt. „Früher den Flachmann an der Gurgel, jetzt den Flachmann in der Hose.“[57] Da war`s plötzlich vorbei mit Deinen Räuschen. Ein neuer musste her. Einer der ablenkte und Hochgefühle vermittelte. Der Sprachrausch, den Du all die Jahre auch schon vortrefflich eingesetzt hattest, damit die Leute Dich wie das achte Weltwunder beglotzten.

Das klinische Bild von einem Narzissten hätte mit Dir einen Volltreffer gelandet: „Es ist meistens so. Zuerst halten mich sehr kluge Leute für verrückt. Dann steigert sich das, bis sie fast durchdrehen. Dann werden sie wirklich klug und geben es auf, mich ununterbrochen verstehen zu wollen. Dann kommt die Phase, wo sie Geistiges als Eventualität heftig genießen. Dann kommen sie dazu, mich für normaler als sich selbst zu halten. (…) Dann stehen sie vor ihrem leisen Damaskus: Entweder befassen sie sich mit sich selber, ob Süchtige oder Nichtsüchtige, oder sie flüchten.“[58] 

In diese erste Kategorie von Menschen, die nicht flüchten und Dich - hinter dem schönen Schein der Selbstreflexion - dauerbewundern, gehören Deine Frauen. Nein, wahrlich nicht alle, dann wären die hundertjährigen Kämpfe um Frauen-Emanzipation wirklich entsetzlich gescheitert. Aber wer so „maß- und kopflos“ wie Du selber war und gerne einen wahren Helden, zu dem sich aufblicken ließ, zum Manne gehabt hätte, die wartete nur auf einen wie Dich. Und Du konntest es wohl kaum erwarten, endlich eine neue Portion weiblicher Aufbauhilfe für Deine bröckelnde Großmannsfassade einzuschlürfen.

Eleonora war für 4 Tage zu ihren Eltern in die Schweiz gefahren. Solche Gelegenheit heißt doch wohl „sturmfreie Bude“ und die wolltest Du nicht ungenutzt verstreichen lassen. Du arbeitetest an der „Kapitulation“, verspürtest „Horror vor dem weißen Papier“, mal wieder die „Anmaßung“ des Genius und bemühtest Dich um Sedierung. „Ich muß nicht meisterhaft sein…“[59] Nein, wahrlich, Ernst, das musst Du nicht. Und wenn Dein Freund, Max Horkheimer, Dich zehnmal  mit einem „leidenden Genie“[60] verglichen hatte.

Einfach nur ganz normal demütig sein und dankbar, dass Du Anfang November 1975 zwei Jahre nicht mehr getrunken hast. Für Dich waren das zwei Jahre fast ohne Brennstoff für Dein Genie und seit Deiner Prophezeiung von 1963 „in zwanzig Jahren bin ich der beste deutsc he Erzähler nach Thomas Mann“ [61] war schon mehr als die Hälfte der Zeit abgelaufen, ohne dass Dich das Nobelpreis-Komitee in die engere Wahl gezogen hätte. Ich kann mir vorstellen, wie sehr Du unter Spannung gestanden haben musst.

Du brauchtest einen Blitzableiter und einen Generator gleichzeitig, damit endlich Deine Brennstoffzellen wieder geladen werden konnten. Eine Frau wie Tülym, Schatten des Mondes. Schon klar, Ernst, darunter läuft gar nichts.

Du trafst sie mit ihrer Freundin, die keinen Namen hatte, in einer Pizzeria. Du stelltest Dich vor: „Ich heiße Ernst.“ „Ich bin Alkoholiker“. „Ein Alkoholiker, der nicht mehr schluckt, ist zeitweise schon fast kein Mensch mehr,…“ Darauf bekam Tülym einen Schlag; ich übrigens auch. Ich dachte immer umgekehrt, dass ein Alkoholiker sein Menschsein versoffen hat und dass es zurück kommt, wenn er mit dem Trinken aufhört. Wenn er Glück hat. Ich sehe das (leider) so: Dein Menschsein ist nicht zurück gekehrt; Du bist Großmann geblieben.

Dann bekamst Du einen Schlag, einen Schock sogar. Denn Tülym drohte: „Ich bin Feministin und ich bin auch schon fast kein Mensch mehr, denn ich bin eine Frau.“[62] In Deinem Schock sahst Du Juliana von Norwich, ausharrend in ihrem Verlies. Drei unmenschliche Kranke unter sich, das konnte ja nur gut gehen!

Beim ersten Treffen ging es noch mit Kaffeetrinken ab. Beim zweiten packte Dich schon ein „wildes Sehnen, sofort mit ihr zu schlafen“. Doch halt, mit einem Flachmann in der Hose, drohte sexuelles Ungemacht. Und dann kam sie, Tülym – zwar bereitwillig zum Vollzug – zum dritten Treffen, aber „ohne großen Hut und ohne hohe Absätze. Letzteres leider“.

Überdies trat zu Beginn des Aktes eine weitere Verunsicherung auf; nein, nicht bei Dir, Ernst. Eventuelle Skrupel gegenüber Deiner Ehefrau wurden ausgerechnet von diesem bemerkenswerten Exemplar Feministin zur Anzeige gebracht, aber flugs von Dir ausgeräumt: „Wir haben keinen Pacht- und Leihvertrag auf unsere Sexualität…“ Na wunderbar, auch da war Eleonora ganz selbstlos und verständnisvoll.

Du warst schon längt damit beschäftigt den Absatzmangel bei Tülyms Schuhwerk zu substituieren. Als Dein Machogehabe und Deine „anständige deutsche Liebesprache“, die in Begrifflichkeiten wie „Kröte“, „Süße“ und sogar „Dame“ zur Anwendung kamen, sich nicht als geeigneter Brandbeschleuniger für die benötigte sexuelle Befeuerung erwiesen, bist Du wieder zu Altbewährtem zurück gekehrt. Du quatschst die Frauen wehrlos und besoffen.

Ich erspare mir das betreffende Zitat, es ödet mich inzwischen nur noch an. Wer dennoch nicht genug davon hat, lese selbst.[63] Das Ergebnis Deiner verbalen Rauschtat stellte sich folgerichtig ein: „Tülym setzte sich auf das Bett und fing an zu weinen. Sie weinte sich richtig in Stimmung, in erkennenden Liebreiz. Rotzend und nach einem Tempo die Hand ausstreckend sagte sie: »Ernst, was bin ich für eine verdorbene Frau«.“ 

Darf ich mal für Dich antworten, Ernst? „Schau mir in die Augen, Kleines, Bogi-Ernst, dein Retter, ist da!“  Aber nein, so profan war`s nicht. Gleich hast Du für sie  noch ein Gedicht aus dem Hut gezaubert. Es geht dann noch über Monate so weiter mit dieser eigentlichen, mittels Sprache zutiefst verkleisterten Manipulation. Da scheint es eben ganz selbstverständlich, dass Deine Identifikationsfiguren alle die gleiche Macke haben müssen wie Du. Dass die Frauen kapitulieren müssen an ihrer Rolle und anerkennen, „daß es eine Krankheit ist, heute eine Frau zu sein, eine Krankheit in einem phasenhaften Suchtverlauf.“ Und Du bist natürlich ihr Wunderheiler!

Obwohl Du ja in aller Bescheidenheit einräumen musst, „ich bin kein Heiliger. Leider bin ich das nicht.“ [64] Aber doch beinahe, wie ich betonen möchte. Jedenfalls muss das gemutmaßt werden, wenn man Deine heftige, geradezu fanatische Affinität zu Juliana betrachtet. Ich persönlich finde ja, dass ihre Entscheidung sich bei lebendigem Leibe  einmauern zu lassen, etwas Paranoides hat.

Selbst wenn wir diesen autoaggressiven Akt als historisch und spirituell-religiös bedingten einordnen, bleibt für mich dennoch ein individueller Anteil massiver psychischer Gestörtheit übrig, der ihren Entschluss maßgeblich bestimmt.

Für Dich bleibt die Einmauerung ein freiwilliger Akt, die bewusste Herbeiführung einer Selbstbeschränkung, in der sich eine außergewöhnliche, eine schier übermenschliche Tat kristallisiert. Eine vermeintliche Beschränkung in der sich eine viel größere, bewunderungswürdige Handlung verbirgt.

Juliana ist für Dich – ohne dass Du diese Zusammenhänge verstehen würdest – der Ausdruck einer vollzogenen Einheit, quasi einer Alchemie zwischen Demut und Banalität einerseits und der ersehnten eigenen Größe in der Anerkennung von Gott andererseits. Indem Juliana sich in Demut und Hingabe an einen Größeren einmauern läßt, bringt sie ein Opfer ohne Opfer zu sein, entscheidet sie eine individuelle Begrenzung und wächst dennoch über sich hinaus. Sie erntet dafür eine Größe und Stärke, die Dir unvergleichlich vorkommt.

Das war das faszinierende an Juliana für Dich und wies Dir den Ausweg aus Deiner Bedrängnis. Dein Dilemma war die Unvereinbarkeit von Besserwisserei, Arroganz und intellektueller Hybris und Kapitulation, Demut und Anerkennung einer höheren Macht. Du selbst hast diesen Widerspruch in Dir verkörpert und bist daran fast krepiert. Erst durch die Krankheit, deinen Alkoholismus, konntest Du ihn auflösen. Nun konntest Du kapitulieren und gleichzeitig den Sieg der Selbstbeschränkung feiern. Nun konntest Du die Macht des Alkohols über Dich eingestehen und Deine Manipulationsmacht über Menschen feiern[65]. Jetzt durftest Du über die Größe eines Gottes schwadronieren und gleichzeitig Deinen Sonderstatus daraus ableiten. 

Damit Deine Lebensgeschichte nicht der banale Ausweg eines unheilbaren Egomanen bleibt, stilisierst Du Deine Krankheit, Alkoholismus, zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen, wo immer es Dir möglich scheint. Alle sind sie krank, auf der Suche nach ihrem individuellen Tiefpunkt, vor der Aufgabe stehend, Krankheitseinsicht zu vollziehen; Beethoven, Ulrike Meinhof, die Frauen sowieso.

Immerhin hast Du damit unfreiwillig einen individuellen und gesellschaftlichen Konflikt der menschlichen Entwicklung thematisiert, die durch Hybris sich selbst an den Rand ihrer Vernichtung treibt. Die ersehnte Allmacht über Natur, menschliches Leben und gesellschaftliche Formationen bricht sich an der gefühlten Bedeutungslosigkeit jedes einzelnen Lebewesens innerhalb des Großen und Ganzen.

Dieses Dilemma scheint unauflösbar, weil das Gefühl der individuellen Banalität, die Selbstauflösung der eigenen Existenz nach sich zieht. Umgekehrt gibt die Erfahrung  der Macht über Einzelne, ein Gefühl der Herrschaft über das Ganze und der individuellen Existenz ihren Wert und Sinn. Im Alkohol liegt die Methode, wie einer, Demut, Kapitulation und Anerkennung einer größeren Macht als man selbst, praktizieren und trotzdem größenwahnsinnig bleiben kann, ja, durch die Überwindung der Krankheit, glaubt in eine neue, größere Dimension vorgestoßen zu sein. Das ist auch die Erfahrung, mit der Du glaubst, die Verbindung zu Juliana herstellen zu können.

Tatsächlich eröffnet sich nun mit dem Bild des Kerkers, des Ortes ihrer lebenslangen Gefangenschaft, eine ganz neue Assoziation, die mitnichten freie Entscheidung beinhaltet. Solche Haft ist nie freigewählt, sondern Zeichen innerer Gefangenschaft hervorgerufen durch die Traumata der individuellen Lebens- und Leidensgeschichte. 

Dein Gefängnis war der Druck aus Erwartungen, Rollen und Zwängen in Deiner Kindheit und Jugend, denen Du Dich nicht gewachsen fühltest, ihnen Dich aber gleichwohl nicht entziehen konntest. Der Alkohol war Dein Überdruckventil, ohne Dir wirkliche Entlastung verschaffen zu können.

Nun bin ich, lieber Ernst, fast am Ende meiner Kraft. Über 700 Seiten bedrucktes Papier und immer das gleiche Mantra, ich bin der Größte! Das hält doch kein Schwein aus. Und mein anfänglicher Respekt vor Dir, hat sich in Rauch aufgelöst. Wer seine emotionale Verstörtheit derart selbstgerecht auslebt und auch noch glaubt, sich mit ihrer Vermarktung ein Denkmal setzen zu können, ohne dafür seinen manipulativen Schwachsinn um die Ohren gehauen zu bekommen, hat zu hoch gepokert.

Obwohl, das gebe ich unumwunden zu, ich Dir ein Maß an Aufmerksamkeit gewidmet habe, das Dein narzisstisches Potenzial zweifellos kurzfristig angefacht hätte. Du ziehst Deine Lebensenergie ja gleichermaßen aus Bewunderung und Ablehnung. Hauptsache Dein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom kriegt neue Nahrung. Das ist der Rausch, der Dein Leben angetrieben hat.

Was bleibt ist die Erkenntnis Deines unter Deiner tätigen Mithilfe verstorbenen Freundes Fritz: „Heiliges Arschloch im Winter, es irrt, wer Dich für geistreich hält.“[66]


Mit aufrichtigen Grüßen ins Jenseits

Franz


PS:

Als ich das erste Mal vor vielen Jahren etwas von Dir las, war ich von Deiner Alkoholiker-Beschreibung ziemlich irritiert. Solche Kost war ich nicht gewohnt. Ich hatte zuvor von oder über Hans Fallada, Josef Roth, Marcus van Essen, Charles Bukowski, Malcolm Lowry, Dylan Thomas, Caroline Knapp, um nur einige Protagonisten der Alkoholkrankheit zu nennen, gelesen. Sie alle hatten die Macht des Alkohols und seine komplexen Zerstörungskräfte nachvollziehbar dargestellt. Die handelnden Personen, sie selbst oder ihre Protagonisten, hatten eine Geschichte, die die Gründe für ihre Krankheit erkennen ließen oder/und die katastrophalen Auswirkungen für ihr Leben und das ihres Umfeldes verständlich machten.

Aber, was wollte so ein Kerl wie Du? Informieren über eine tödliche Krankheit? Wohl kaum. Das Informationspotenzial Deiner Texte – jedenfalls was den Alkoholismus betrifft – schien mir eher gering. Wer auch nur ein wenig von der Entstehung und dem Verlauf der Krankheit weiß, muss sich fragen, was hat Dich bloß zu diesem exzessiven Trinkverhalten getrieben? Über Dein persönliches Umfeld, Deine Eltern, Dorfgemeinschaft, Schule usw. erfährt man nichts, das Du mit Deiner Trinkerkarriere ursächlich in Zusammenhang gebracht hättest. Ansonsten „strotzten“ Deine Texte nur so von verkrampfter Symbolik, unverständlichen Botschaften und einer spirituell verklärten Religiosität. Das Ganze garniert mit einer verbalen Mischung aus Bukowskis-Fäkalsprache  und romantisierender Erotik a la D.H. Lawrence.

Ich legte Deine „Kapitulation“ auf den Stapel ungelesener Bücher. Erst als ich mich mit der deutschen Abstinenzgeschichte beschäftigte, kam auch wieder auf die Frage kam, was das Wesen des Alkoholismus sei. Und ich holte Dich aus meiner Versenkung. Als ich den euphorischen Klappentext Deines zweiten Buches „Der zerbrochene Schlaf“ las: „Das Buch „Kapitulation“ gilt in der „Branche als die beste und exakteste Beschreibung der Krankheit Alkoholismus[67]“, fing ich erneut an zu lesen.

Doch anstatt einen weiteren Mosaikstein für das komplexe Bild Alkoholismus zu finden, schlug mir eine immer penetranter werdende Selbstdarstellung entgegen, eine egomanische Selbstinszenierung, die mir ohne Aussagewert für die Krankheit schien. Ich dachte mir, dass niemand, der sich mit dieser Krankheit beschäftigt, womöglich Antworten, auch konkrete Auswege aus der eigenen Betroffenheit suchte, hier irgendeine Hilfe findet.  Ich spürte wie ich wütend wurde über einen, der sich mit seinen Bekenntnissen ausschließlich selbst zelebriert und sich mit der Veröffentlichung seiner Bücher ein Denkmal setzen möchte. Der Alkohol war dabei nur das Vehikel, eine Charaktermaske, hinter der sich die eigentliche Absicht der Selbstdarstellung verbarg. Du stellst letztlich, die Lobpreisung des „Stern“ total auf den Kopf, weil Du nichts über den Alkohol sagst, sondern diesen nur als Mittel benutzt, um aus der Rolle zu fallen, Dich abzugrenzen gegenüber einer Lebensbanalität der Masse. Damit vertust Du die Chance einer kritischen Selbstreflexion und einer individuellen Erfahrung und Darstellung des „Aufgangs einer Krankheit“.

Alle Alkoholiker erleben ihre Krankheit einzigartig und unvergleichlich, auch wenn Abhängigkeit und Suchtverhalten, Trinkzwang und Kontrollverlust bei Alkoholikern ähnlich verlaufen oder wahrgenommen werden. Alkohol wirkt – neben seiner physischen Intoxikation – emotional, verändert die Wahrnehmung des Trinkers, sein Verhalten und damit auch seine Stellung zu seiner sozialen Umgebung. Er wird quasi zu einem anderen Menschen[68]. Diese Verwandlung ist nicht primär physisch – obwohl sich auch das körperliche Erscheinungsbild eines Alkoholikers im Laufe der Jahre dramatisch verändert – sondern insb. verhaltensspezifisch. Jeder in der Umgebung eines Trinkers merkt das und er selber sowieso. Allerdings verläuft diese Erkenntnis umgekehrt proportional:  die Aufmerksamkeit eines Trinkers gegenüber seinem unnormalen Trinkverhalten verringert sich mit der Dauer des Trinkens; der Alkohol vernebelt ihm sozusagen zunehmend das Gehirn.

Die Menschen aus dem sozialen Umfeld eines Trinkers werden mit der Zeit aufmerksamer und spüren immer deutlicher, dass da einer die Kontrolle über sein Trinkverhalten verloren hat. Doch der sieht das meistens völlig anders. Schließlich gleicht keiner dieser Trinker dem anderen, jeder empfindet unterschiedlich, jeder nimmt seine Realität anders wahr.  Alkohol ist ein machtvoller Transformator, dessen besondere Potenz auf der spezifisch-individuellen Wirkung auf die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Trinkers  beruht. Somit ist  auch jeder Versuch diese Erlebnisse und Erfahrungen  schriftstellerisch zu reflektieren einzigartig und unvergleichbar.

Je mehr sich der Einzelne bemüht gerade von diesen unverwechselbaren Erfahrungen zu abstrahieren und das allgemein Gültige, das Gefährliche, zu extrahieren, umso weniger bleibt von seiner individuellen Wahrnehmung übrig und er begibt sich in Rolle eines Forschers, Wissenschaftlers, Lehrers. So ähnlich haben es die Alkoholgegner und Abstinenzgruppen versucht, den Alkoholkonsum der Massen zu verringern. Sie sind damit meistens auf taube Ohren gestoßen.

Diesen Vorwurf kann man Dir jedenfalls nicht machen. Du bist wirklich auf eine ganz unverwechselbare Art bei Dir geblieben und hast in einem eigenwilligen, gewollt verwirrenden Ausdruck über Deine Persönlichkeitsentwicklung Auskunft gegeben. Dein Alkoholismus bleibt aber letztlich nur Randerscheinung, trotz der z.T. ausufernden und exzessiven Darstellung desselben. Dein Thema ist Du selbst und eine Krankheit, die für Dich zum Sinnbild eines krankhaften Umgangs einer kranken Gesellschaft mit ihren Außenseitern ist.

Was auf den ersten Blick als richtig und enthüllend erscheint, ist in Wirklichkeit die Sehnsucht nach Beachtung und Würdigung Deiner selbst. Das wird allerdings an keiner Stelle von Dir problematisiert, sondern ausschließlich inszeniert. Trinker, die sich für verkappte Genies halten, versuchen ihre Anwandlungen von Größenwahn in Alkohol zu betäuben, wenn sie kein geeignetes Publikum finden. Und die unbeliebte Kehrseite davon, das Gefühl ein Wicht zu sein, wird gleich mit ertränkt. Leider führt das nicht zu einer akzeptablen  Mittelmäßigkeit, die einen ohne anzuecken, durchs Leben geleitet. Der Alkohol macht einen Strich durch diese Rechnung.

Mit den extremen Spitzen der eigenen Persönlichkeit, die man durch das unnormale Trinken hofft loszuwerden, verliert man auch die Kontrolle über ein durchschnittliches Leben. Es ist aber ein Irrtum zu glauben, dieser Kontrollverlust würde einen aus dem banalen Lebenseinerlei der Masse deshalb herausheben, weil er so spektakulär, so radikal, so provokativ scheint.  Für diese abenteuerliche Extravaganz muss der Trinker bezahlen, auch Du musstest das. Das Ende ist entweder ein jämmerlicher Tod oder die Abstinenz.

Dankbarkeit dem vorzeitigen Ende entkommen zu sein, Schmerz erleiden bei der Wahrnehmung Deiner Existenzängste, Demut als Grundlage für ein neues Leben, waren Dir fremd. Du hast nur die Mittel geändert; was vorher der Alkohol als Funktionsträger der Außergewöhnlichkeit war, wurde nun durch Sprache und Auftritt zum Manipulationsinstrument für Machtgefühl und Großmannssucht. Nur dafür stehen Deine Bücher.

Dankbar bin ich Dir, lieber Ernst, aber dennoch. Du hast mich „gezwungen“  in eine Auseinandersetzung mit mir selbst und meinem eigenen Trinken zu treten. Ohne diese Selbstkonfrontation hätte ich keine Position zu Dir gewinnen können und niemals die Befreiung erlebt, die es für einen Alkoholiker bedeutet, sich seine Krankheit einzugestehen und zu akzeptieren.

Darum gelang es mir – so wie es M. Gottschaldt von sich beschrieb – „dann schließlich doch, die Krankheit unter Kontrolle zu bekommen und sogar mühelos auf die Wiedereinnahme meines Suchtmittels Alkohol zu verzichten, so daß die Frage, ob ich noch einmal Alkohol tränke oder nicht, irrelevant wurde“[69]. "Diese Erfahrung hätte ich Dir gewünscht."

Sei noch einmal gegrüßt

Franz




Alkoholiker – ein Gottesurteil?

Ob Herhaus selbst an diese Legende geglaubt oder sie nur inszeniert hat, ist letztendlich einerlei; seinen einmaligen Sonderstatus hat er daraus allemal abgeleitet. Betrachtet man seine vielen Hinweise für einen beschädigten Lebenslauf jedoch nüchtern, dann bleibt von der schicksalshaften Vorbestimmung seines Alkoholikerdaseins nicht mehr viel übrig. An diesem gestörten sozialen Umfeld und einer derartig belasteten Jugend, mit der Herhaus konfrontiert wurde, wären die meisten Menschen gescheitert; da stellte er beileibe keine Ausnahme dar:

·         Eklatante Mängel an emotionaler Zuwendung

·         Hoher Erwartungsdruck

·         Grenzüberschreitender bzw. grenzenloser Erziehungsstil der Eltern

·         Unfähigkeit sich banalsten Forderungen zu stellen

·         Massive Versagensängste

·         Ausbleibende Erfolgserlebnisse

·         Klischeehaftes Männerbild vor dem Hintergrund der NS-Ideologie

·         Frühe Alkoholerfahrung mit ausgeprägt spannungslösender Funktion

Unter diesen Voraussetzungen keine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln, scheint nahezu unmöglich oder setzt eine frühzeitige, psychotherapeutische Behandlung voraus.  Alkohol wirkt bei derartigen Belastungen, Spannungen und Frustrationen jedenfalls als probates Heilmittel. Leider zeichnet es sich durch einen starken Suchtcharakter aus und  alternative Bewältigungskompetenzen nehmen – wie jeder weiß – rapide ab.

Doch seltsamerweise findet sich bei Herhaus nie dieser Zusammenhang zwischen den Belastungen und Traumata seiner Kindheit, spannungslösenden Trinkerfahrungen und seiner Alkoholismus-Entwicklung. Er macht an keiner Stelle den Versuch diese Beziehung herzustellen. Das, was für den äußeren Betrachter seiner Lebensgeschichte so selbstverständlich und auf der Hand zu liegen scheint, wird von ihm vollkommen ignoriert.

Der Schrecken vor der eigenen Trivialität, einer logischen Konsequenz seines Lebenslaufes, die jeden anderen ebenfalls so oder ähnlich eingeholt hätte, bricht sich erneut Bahn. Die Zwanghaftigkeit mit der Herhaus seine Biographie zu etwas Außergewöhnlichen uminterpretiert und schließlich systematisch inszeniert, zeigt sich hier auf einer neuen Ebene. Die Exzentrik mit der Herhaus seine Normabweichungen zelebriert, definiert er für sich als das unverwechselbare Wesen seines Alkoholismus. Nicht die ursächlichen, biographischen Zusammenhänge markieren seine Entwicklung zur Alkoholsucht, sondern die Art ihrer Inszenierung wird zum Zentrum seiner Darstellung.

Diese selektive Betrachtungsweise behält Herhaus konsequent bei, selbst als er trocken geworden ist. Das verwundert insofern, als der Alkohol nun seine verschleiernde und vernebelnde Funktion für eine rationale Erkenntnis verloren hat. Dass ein Alkoholiker in seiner nassen Phase weder sein Trinken, noch sein Denken und auch nicht sein Fühlen angemessen wahrnehmen, geschweige denn realistisch einordnen und bewerten kann, ist eine Binsenweisheit. Der Alkohol vernebelt jedem Trinker Gehirn und Seele.

Diese alkoholischen Nebelschleier verziehen sich aber, je länger einer trocken bleibt. Auch wenn das manchmal Monate dauern kann, bis die Fähigkeit zum klaren Denken zurück kehrt. Eine Garantie für eine selbstkritische Betrachtung[1] ist diese ungetrübte Sicht jedoch nicht. Auch dafür ist Herhaus ein Beispiel.  Insbesondere aber für die Unmöglichkeit einer emotionalen Empfindung seiner elementaren Defiziterfahrungen, d.h. eine Form der Selbsterfahrung, die einen die individuellen Triebkräfte für das eigene Verhalten wahrnehmen lassen.

Das würde unweigerlich Enttäuschung und Trauer, vielleicht Wut und Zorn hervorbringen, jedenfalls jene emotionalen Impulse und Affekte, die so lange unter der Decke gehalten werden mussten. Erst daraus können Akzeptanz und Versöhnung mit diesen Angsterzeugern wachsen. Und so Wiederholungen, dieser ewige Kreislauf automatisierter Vermeidung, verhindert werden und sich neue, alternative  Möglichkeiten der Lebensgestaltung entwickeln können. Bei Herhaus hat die Macht des Alkohols nicht nur temporäre Wahrnehmungsverluste und nachhaltige seelische Betäubung bewirkt, sondern vor allem die emotionale Fähigkeit, seine individuellen, lebenslaufspezifischen Ursachen zu erkennen und anzunehmen, dauerhaft blockiert.

Alkohol und sein ausgeprägter Narzissmus sind dabei eine unselige Allianz eingegangen. Jeder einzelne Faktor  war, nur für sich genommen, schon eine machtvolle Größe um seine real defizitäre Lebenssituation zu verschleiern und damit nicht zu spüren, weil sie sonst nicht aushaltbar gewesen wäre.  Zusammen bildeten Rausch und Egozentrismus eine unüberwindbare Größe, sich selber und seiner traumatischen Lebensgeschichte auf die Spur zu kommen. Nicht (mehr) Trinken blieb für Herhaus eine – zwar gesündere – Lebensvariante, aber eben nur eine Variante, sozusagen die Kehrseite derselben Medaille, Alkoholismus. Die Notwendigkeit, der Zwang zur Verschleierung seiner grundlegenden Ängste, erlittenen Verletzungen, Verzweiflung und Frustrationen, blieben bestehen. Die Erfahrung über den Umweg der Normabweichung, des Exzentrikers, Aufmerksamkeit und damit Bedeutung zu erlangen, wurde zum grundlegenden Verhaltensmuster seiner Lebensgestaltung.

Dass ausgerechnet Alkohol diese Erkenntnis bediente, war kein Zufall. In einer Gesellschaft, die wie kaum eine andere, Alkohol als Allheilmittel für komplexe Defiziterlebnisse und Aufputschmittel für omnipotente Daseinswünsche verschrieb, war es nur eine Frage der Zeit, wann Herhaus diese Medikation für sich entdeckte. Das symptomatische an seiner Alkoholerfahrungen war aber nicht nur die Verschleierungs- und Betäubungsfunktion gegenüber seiner Angst zu versagen, sondern aufzuragen aus der grauen Masse der Angepassten.

Die meisten Alkoholiker versuchen ihr unnormales Trinken zu kontrollieren, zu verstecken, solange wie möglich wenigstens zu legitimieren. Nicht auffallen heißt ihre Parole; und wenn die nicht mehr gilt, dann ziehen sie sich zurück, in den Kreis derer, für die das Saufen auch zur Hauptsache geworden ist oder in die Isolation. Herhaus macht aus seinem Trinken und aus den darauf unweigerlich folgenden Kontrollverlusten  einen Kult. Er zelebriert seine Rolle als dauersaufender Exzentriker solange, bis er schließlich nicht mehr zwischen Rolle und Identität unterscheiden kann.

Der innere Druck, z.b. der eigenen Prophezeiung eines zweiten Thomas Mann endlich zum Durchbruch zu verhelfen, konnte niemals erlahmen, weil die Ursachen seines Alkoholismus immer verschleiert blieben. Wie sehr der Alkohol dabei als erkennbarer Störfaktor für Kreativitätsentfaltung und kritische Vernunft gewirkt hat, zeigen seine Romane aus dieser Zeit. Sie sind mehr oder weniger alle gefloppt. Die geradezu manischen Hoffnungen Herhaus` auf seinen schreibenden Erfolg wurden nie wirklich erfüllt; er blieb ein Schreiber unter vielen, der selbst in der Zeit des Booms um den März-Verlag[2], nichts davon abbekam.

So war sein einziges Markenzeichen, das ihn scheinbar aus der Masse von Allerwelts-Autoren und der Abhängigkeit von extravaganten Verlegern hervorragen ließ, die Öffentlichkeit an seinem Alkoholismus teilhaben zu lassen. Wer vorher noch nicht gewusst haben sollte, was Kontrollverlust sein kann, der brauchte sich nur Herhaus und seine bewusstlosen Inszenierungen anzuschauen. Zu glauben, nun wisse man was Alkoholismus sei, sitzt nur dem äußeren Schein auf. Und dem Profilierungszwang eines Alkoholikers, der auf Gedeih und Verderb nichts mit den Ursachen seines Trinkens zu tun haben will. Er meidet wie der Teufel das Weihwasser die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit.

Vor diesem Hintergrund ist Herhaus nicht nur ein Beispiel für den individuellen Verlauf einer alkoholischen Suchtentwicklung, sondern auch für die Folgen der Weigerung, sich einer „gründlichen und furchtlosen Inventur in (seinem, RMB) Inneren“ zu unterziehen. Dass ausgerechnet Herhaus für „die Branche“[3] eine exempelhafte Rolle einnehmen wollte und diese auch medial  bescheinigt bekam, zeigt zweierlei.

Zum einen bewirkt das Aufwirbeln verbalen Staubes immer noch die gelungene Vernebelung exzessiver Selbstdarstellung und zum zweiten erzeugt die öffentliche Selbstentblößung als Alkoholiker und Autor die selbstverständliche Annahme, es hier mit universellen Aussagen zum Alkoholismus zu tun zu haben. Die prekäre Masse der Alkoholiker fühlt sich von seinen kryptischen Wortsalven stumm geschossen und die neugierigen Normalos verharren in stiller Ehrfurcht vor so viel dichterischer Wahrhaftigkeit.

Die Tatsache dass Herhaus, nach zwanzig Jahren exzessiven Alkoholkonsums, mit dem Trinken aufhören konnte, prädestiniert seine Geschichte aber keineswegs zum Modell und seine Erfahrungen nicht zu  allgemeingültigen Wahrheiten. Ein Alkoholiker, der nicht mehr trinkt, ist trocken, nicht mehr und nicht weniger, sein Denken ist sozusagen „nass“ geblieben. Wenn einer wie Herhaus die Droge Alkohol durch eine andere ersetzt und damit seinen Größenwahn, der vorher die Begleitmusik zu seiner Sucht war, nun zur tonangebenden Musik stilisiert, dann ist daran nichts beispielhaftes, geschweige denn etwas von dem man lernen könnte.

2011, ein Jahr nach dem Tod von Ernst Herhaus, erschien ein Buch mit dem unmissverständlichen Titel „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“! Der Autor, Andreas Altmann, beschreibt sein gestörtes Elternhaus und die Folgen, die das für ihn hatte. „Ich begriff plötzlich, dass ich dieses Leben, das mich an allen Ecken und Enden überforderte, Vater und Mutter verdankte.“[4] 

Im Gegensatz zu Herhaus macht sich Altmann an jede noch so unüberwindlich scheinende Herausforderung. Wo Herhaus das Weite sucht, beginnt Altmann immer aufs Neue seinen Traum nach glanzvoller Einmaligkeit zu verwirklichen. Ohne Liebe und Vertrauen aufgewachsen und einer brutalen Tyrannei des Vaters ausgeliefert, will er erst Trommler werden, dann Radrennprofi, dann Bandleader und schließlich Bodybilder. Doch nichts von alledem gelingt. „Die Realität war scheußlich, in ihr war ich ein Nobody, ein unwichtiger Mensch, der Ruhmlose, eben der eine, der nur durch sein Versagen zur Kenntnis genommen wurde. Oder, fast noch unerträglicher, nur durch seine Gewöhnlichkeit auffiel. Überall fehlte der Glanz, das Einmalige.“[5]

Altmann sieht der Wahrheit, seiner Wahrheit, ins Gesicht. Im Gegensatz zu Herhaus läuft er nicht vor ihr davon oder versucht sie zu verschleiern. Das ist ein fundamentaler Unterschied zu Herhaus; dieser Unterschied wird zur Grundlage seiner späteren Heilung. Altmann behauptet auch nicht die einzig richtige Methode gefunden zu haben, um sich von den physischen und psychischen Folgen dieser verstörenden Lebenserfahrungen zu befreien. An der Tatsache, dass er sich diesem emotionalen Hexenkessel gestellt hat  – übrigens auch mit professioneller therapeutischer Hilfe – ging allerdings kein Weg vorbei[6].

Herhaus hat seine Totalfixierung auf die Selbsthilfe-Gruppen der AA, die eine massive Diskreditierung professioneller, psychotherapeutischer Suchtbehandlung zum Inhalt hatte, zum Allheilmittel für Alkoholiker erhoben. Eine Auseinandersetzung mit seinen Eltern zu führen, Klarheit über seine unerträgliche Angst zu versagen oder Verständnis über seinen Zwang zur Bedeutsamkeit zu gewinnen kamen dabei nicht vor.

An dieser Stelle begegnen sich Herhaus und AA in einer Verständnis- wie verhängnisvollen Allianz. Warum Du getrunken hast, ist wurscht! Ein Alkoholiker trinkt nicht, weil er einen Grund hat, sondern weil er keinen Grund hat!

Stimmt!

Bloß ist das nur eine Seite des Alkohols, seine suchterzeugende nämlich. Doch „ohne Grund“ wird niemand zum Alkoholiker. Abhängig-werden  ist ein Prozess, der zunächst und zuallererst mit der stimmungs- und wahrnehmungsverändernden Potenz des Alkohols, also seiner Rauschentfaltung, zu tun hat. Diese brisante und verführerische Wirkung muss aber einen aufnahmebereiten Menschen finden. Für den die psychisch wirksamen Potenzen des Alkohols eine Art alternativlosen Erlösungscharakter haben. Erst dann entfaltet die alkoholische Suchtpotenz ihren gefährlichen Wiederholungsdruck. Ich habe das zu Beginn dieses Kapitels ausführlich dargelegt.

Wenn das Trinken zum Zwang geworden ist, beginnt es die ursprünglichen Motive und Ursachen zu überlagern. Die sind aber damit nicht verschwunden, sondern weiterhin virulent. Und immerhin so aktiv, dass sie lange als Legitimation für den Trinker herhalten können. Sie wirken nach außen wie eine inhaltsleere Schablone, die ein Trinkverhalten legitimieren soll, dessen frühere Ursachen schon lange in der Versenkung verschwunden sind.

Das funktioniert aber nur, weil es sich um reale, tatsächlich existierende Gründe handelt. Wenn es jemand schafft, nicht mehr zu trinken,  sind diese Gründe nicht einfach verschwunden. Sie bleiben und wirken weiter im Unbewussten, wenn sie nicht erfahrbar und sichtbar gemacht werden. Zu dieser Ebene einen Zugang zu finden und eine Versöhnung mit diesen ungeliebten Anteilen zu ermöglichen, das soll in einem therapeutischen Prozess stattfinden. Und genau das wollte Herhaus unter keinen Umständen. Trotz seiner immer wieder quälenden, diffusen Angst, die in seinem Lebenslauf als eine typische Versagensangst deutlich wurde, konnte er sich ihr niemals stellen.

Im Gegenteil, in trauter Eintracht mit seinem professoralen Psycho-Hasser, Horkheimer, bekämpfte er jede therapeutische Selbsterfahrung. Schützenhilfe bekam Herhaus überdies von  seinen AA-Freunden; die haben, vor dem Hintergrund ihrer Nichteinmischungsideologie, nämlich auch eine tiefe Abwehr gegenüber jeglicher (psychotherapeutischer) Suchtbehandlung.

So blieb Herhaus bis zu seinem Lebensende ein tragisches Opfer seiner Angst und den verzweifelten Versuchen ihr durch Alkohol und Hybris zu entkommen.




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Anmerkungen zu Gedanken zum (Un) Wesen des Alkohols:

[1]  Die Voraussetzungen und Definition dessen was und wie wissenschaftliche Forschung zu sein hat, nagelt von vorne herein Art und Methode der Herangehensweise sowie des Untersuchungsgegenstands selber fest und wirkt damit schon regulierend und reduzierend auf die möglichen Schlussfolgerungen. Ausgeschlossen ist per se alles, was sich einer wissenschaftlichen Methode entzieht, weil der Betrachtungsgegenstand keine Abstraktionen zulässt oder nicht messbar ist. Und damit alles was individuell, unverwechselbar, einmalig oder nicht rekonstruierbar ist. Das heißt in diesem Falle, das emotional bestimmte Bedürfnis nach Nichtwahrnehmung einer momentanen Situation oder nach temporärer Überwindung einer als negativ erlebten Befindlichkeit, der Wunsch nach einem zeitweiligen Anders-Sein, des Wegträumens, des Vergessens oder der Allmacht. Wenn diese irrationalen Bedürfnisse mittels des Alkohols verwirklichbar scheinen, quasi mit ihrem materialisierten Pendant, ihrer Verstofflichung, eine neue „zauberhafte“ Einheit bilden, dann ist die Unmöglichkeit der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit perfekt. Eine Annäherung und Erforschung mit wissenschaftlichen Methoden scheitert. Was aber in dieser Weise einer wissenschaftlichen Untersuchung unzugänglich bleibt, existiert auch nicht. Damit unterscheiden sich Abstinenzler, Wissenschaftler und Historiker gar nicht so sehr voneinander.

[2] Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers, Leipzig und Weimar 1984, S. 303

[3] bis er alles schlechter macht, aber das merken Trinker leider erst spät!

[4] Diese physische Seite wird umso stärker mangelhaft wahrgenommen als durch einen permanenten Konsum die Suchtsymptomatik zunimmt; jede Unterbrechung des Konsums führt dann i.d.R. zu sich verstärkenden Entzugserscheinungen und wirkt dadurch wieder nachdrücklich auf ein Beibehalten des Konsums.

[5] Dabei muss dieses Defizitempfinden dem Trinker keineswegs bewusst sein oder er dies auch als solches bewerten wie wir noch sehen werden.

[6] Immerhin konstatieren einige Neurologen selber die Begrenztheit ihrer Forschungsergebnisse: „Aller Fortschritt wird aber nicht in einem Triumph des neuronalen Reduktionismus enden. Selbst wenn wir irgendwann einmal sämtliche  neuronalen Vorgänge aufgeklärt haben sollten, die dem Mitgefühl beim Menschen, seinem Verliebt sein oder seiner moralischen Verantwortung  (und ich füge hier dazu, auch seinem Alkoholismus, der Verf.) zugrundeliegen, so bleibt die Eigenständigkeit dieser Innenperspektive doch erhalten.“ Christian E. Elger u.a., Das Manifest; zitiert in Dietrich Treber: Defensiv oder expansiv? standpunkt:sozial 5/2005, Hamburg

[7] A. Forel: „Verbrechen und konstitutionelle Seelenabnormitäten“, München 1907, S.158

[8] Bezeichnenderweise wird der Alkoholmissbrauch in vielen Untersuchungen ausschließlich als ein isoliertes, individuelles Phänomen betrachtet, dessen gesellschaftliche Auswirkungen unter dem ökonomischen Blickwinkel als Produktivitätshindernis betrachtet werden. Die emotionale, familiäre moralische Kategorie der Trinkfolgen bleiben demgegenüber eine Marginalie

[9] Der Begriff Kontrollaufgabe ist in diesem Zusammenhang missverständlich, weil er einen bewusst-steuerbaren Akt der Aufgabe von Kontrolle suggeriert. Tatsächlich ist der Entschluss, wenn er denn überhaupt als solcher gefasst wird, nur bis zu dem nicht rekonstruierbaren Augenblick des Eintritts in den Rauschzustand - als Ausdruck und Zustand des Kontrollverlustes - auch ein bewusster Entschluss. Danach, ja schon unmerklich auf dem Weg dahin, ist die bewusste Entschlussfähigkeit außer Kraft gesetzt. Eigentlich stellt der Berauschungsprozess genau das Gegenteil von Bewusstheit und Kontrollfähigkeit dar.

[10] Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Frankfurt 1976

[11] Sehr häufig hat sich dieses Phänomen bei Alkoholikern gezeigt, die sich einer stationären Entwöhnungsbehandlung unterzogen haben: erst unter langfristig nüchternen Verhältnissen und therapeutischer Begleitung rekonstruierten die Patienten mühsam den Verlauf ihrer Suchtentwicklung und den Zeitraum des qualitativen Umschlagens vom missbräuchlichen in den anhängigen Konsum. Kaum einem Patienten war dieser „Qualitätssprung“ während seiner Konsumphase bewusst geworden, subjektiv fühlten sie sich immer noch als Herrscher über ihr Trinken und nicht als Beherrschte.

[12] G. Bunge: Die Alkoholfrage, a.a.O. S. 4

[13] Ernst Herhaus beschreibt diese Spannung, die er mit seinem Trinken zu betäuben suchte, so: „Denn mein Leben hieß Angst. Angst, Angst, Angst, steigend und abfließend in mir, ohne daß ich wußte, wie ich das überleben sollte.“ E. Herhaus: „Kapitulation – Aufgang einer Krankheit“ München Wien 1986, S. 170

[14] ebenda(Unterstreichung, R.M-B)

[15] Bericht über seine „nasse Phase“ als Alkoholiker

[16] Bericht über seine Trockenwerdung

[17] Klappentext „Der zerbrochene Schlaf“, München und Wien 1978

[18] Kapitulation, München Wien 1977, Ausgabe des Diogenes Verlag 1986,  S. 214

[19] „Mit einer frischen See aus Liebe zu uns Eingemauerten heute (…) ist Dein Harren Geduld mir …“ , Widmung an J. von Norwich, in „Der zerbrochene Schlaf“

[20] Anonyme Alkoholiker

[21] Untertitel „Kapitulation“ Ernst Herhaus

[22] „Kapitulation“, S. 66

[23] „Lieber Gott, Du kennst meinen Traum. Beschütze alle und bereite mich zu für die Arbeit in meinem Traum.“ Kapitulation, Ausgabe des Diogenes Verlags als TB 1986, S. 67

[24] Der zerbrochene Schlaf, S. 36

[25] Kapitulation TB S. 279

[26] „Ich will kein Abitur, verdammt noch mal!“ Kapitulation, S. 74

[27] ebenda

[28] Ruth war die Mutter von E.H., der seine Eltern immer nur mit Vornamen nannte.

[29] „Eines Tages sagte Ruth: `Ernst, du hattest einen Zwillingsbruder. Er kam eine Stunde nach Dir auf die Welt. Er kam ohne Kopf auf die Welt. Du hast ihm, in meinem Leib, einfach den Kopf weggefressen. Clemens sollte er heißen`. Es war Geburtstag. Wir saßen mit viel Verwandtschaft an einer mächtigen Kuchentafel. Großes Gelächter.“ Wie ein Kind von 6 oder 7 Jahren mit einer derartig belastenden Botschaft umgehen soll, diese Frage hatte sich die Mutter von E.H. offenbar nie gestellt. Und dass die Geburtstagsgesellschaft darauf mit Gelächter reagierte, ist eine von vielen pädagogischen Glanzleistungen dieser Familie.

[30] Wilms – Vater von E.H.

[31] Alle Zitate aus „Kapitulation“, S. 75

[32] Der zerbrochene schlaf, S. 31

[33] Kapitulation, S. 244

[34] Ebenda, S. 252

[35] Der zerbrochene Schlaf, S. 193

[36] Ebenda, S.194

[37] Alle Zitate aus „Kapitulation“ S. 47

[38] Kapitulation, S. 80

[39] Ebenda, S. 85-86

[40] Ebenda, S. 102-103

[41] Ebenda, S. 103

[42] Kapitulation, S. 171f

[43] ebenda

[44] Ebenda, S. 175

[45] Ebenda, S. 186

[46] Der zerbrochene Schlaf, S. 188

[47] Alle Gedichtpassagen aus, Märta Tikkanen: „Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts“, Reinbek 1988

[48] „Ich band mich nun an Eleonora. Wegen ihrer Tugenden…“ Kapitulation, S. 186

[49] Der zerbrochene Schlaf, S. 224

[50] Ebenda

[51] Ebenda, S. 200

[52] Ebenda, S. 225

[53] M. Tikkanen, a.a.O., S: 102

[54] Die Anführungszeichen stehen für Deinen ausdauernden Widerstand gegen jede Form von emotionaler und rationaler therapeutischer Erkenntnis. Du hast während der ganzen Zeit nur einen Kleinkrieg gegen die von Dir so gehassten Weißkittel geführt und dafür auch noch etliche Deiner Mitpatienten missbraucht.  

[55] Der zerbrochene Schlaf, S. 38

[56] Ebenda, S. 41

[57] Ebenda

[58] Ebenda, S. 159-160

[59] Ebenda, S. 198

[60] Kapitulation, S. 225

[61] Ebenda, S. 187

[62] Ebenda, S. 199

[63] Der zerbrochene Schlaf, S.202-203

[64] Ebenda, S. 216, 217

[65] In welche absurden Wunschphantastereien Du Dich verstricktest, enthüllte 1981, Andre Müller, ein Journalist der „Zeit“, den Du zu einem Treffen eingeladen hattest. Nach zwei Tagen, so Müller, „hatte Herhaus behauptet, er habe in den zwei Tagen unseres Zusammenseins solchen Einfluß auf mich gewonnen, daß ich, wenn er es wolle, jederzeit Selbstmord begehen würde.“ Deine Hybris ist zu einem Karzinom gewuchert, aus dem Du Dich – als Herr über Leben und Tod – geradezu Gott ähnlich stilisierst. Weiß Gott, warum solltest Du da noch trinken!

[66] Kapitulation, S. 75

[67] „Der Stern“ in einer Rezension aus dem Jahre 1976

[68] R. L. Stevenson hat mit seiner Geschichte „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ ein brillantes Szenario entworfen, zu welcher Verwandlungskraft der Alkohol in der Lage ist – auch wenn dieser mit keinem Wort erwähnt wird.  

[69] Matthias Gottschaldt „Alkohol und Medikamente – Wege aus der Abhängigkeit“, Stuttgart 1997, S. 10




Anmerkungen zu Alkoholiker – ein Gottesurteil?

[1] Die AA nennen das „Wir machten ein gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren“; „Die 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker – 4. Schritt“ 

[2] Herhaus hatte 1972 zusammen mit dem Gründer des März-Verlages, Jörg Schröder, das Buch „Siegfried“ verfasst. Für den, ebenfalls von Schröder publizierten Olympia-Press Verlag, schrieb Herhaus - unter dem Pseudonym Eugenio Benedetti - das pornographische Werk „Die heilige Familie“.

[3] Also alle die selber von der Krankheit betroffen sind oder die sich damit auseinandersetzen wollen

[4] Das ist keineswegs so selbstverständlich wie es scheint; die typische Reaktion eines unter solchen familiären Missständen aufwachsenden Kindes sind Selbstbezichtigung und Schuldgefühle. Aus „Das Scheißleben meines Vaters…“ München 2011, S. 233

[5] Ebenda, S. 147

[6] »Die Mutter als potentielle Kindstöterin zu entdecken, war ein anstrengendes Geschäft. Zählte ich noch die Taten meines Vaters dazu, seine Untaten, dann verstand ich nun besser, warum ich mein Leben nicht in den Griff bekam: Ich war nicht willkommen gewesen, bei beiden nicht. Daher wohl das Gefühl erbärmlicher Wertlosigkeit. Mein Ich trudelte konstant durch ein black hole, ohne irgendwo andocken zu können. Es gab keinen Fallschirm, keinen Landeplatz, kein Licht am Tunnel, keine Erinnerung an:“Ich liebe dich.“«

Ebenda, S. 232


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